Mobile Albania

Mit der etwas anderen Buslinie sich selbst und die Mainmetropole ganz neu erleben

Mobile Albania ist eine alternative Buslinie, die zwei Wochen lang in das Netz des öffentlichen Nahverkehrs implantiert wird. Einsteigen, schauen, sammeln, denken, sprechen. Austausch. Das Netz der Straße als Fahrbahn der Gedanken nutzen. Wir sind in Frankfurt mit eingestiegen.

Schon aus der Ferne ist der VW-Bus aus den achtziger Jahren ein Blickfang. Mit lautem Motorengeräusch passiert er die Schranke. An der Haltestelle prangt ein rotes Schild mit der Aufschrift „Verfahren“. Der erste Stopp an diesem Freitagabend. Julia Blawert, in Uniform und mit schwarzer Plüschkappe gekleidet, steigt aus. Sie ist die Stewardess der neuen Buslinie „Mobile Albania“.

„Willkommen zur Verfahrenslinie“, sie rollt einen roten Teppich aus. Sobald sich alle einen Platz gesucht haben, gibt es erstmal eine Runde Tee. Eine junge Frau mit kurzen braunen Haaren hat Bier und Gemüse-Chips mitgebracht. „Ein toller Gast“, lobt Blawert.

Julia Blawert und ihr Kollege Till Korfhage sind mit dem Bus im Rahmen des Performance-Festivals „Implantieren“ in Frankfurt unterwegs. Bei dem Projekt „Verfahren“, geht es darum, unbekannte Wege zu fahren. Bis auf die Startposition ist die Route ungewiss. Die Idee: Sich verfahren, um sich besser kennenzulernen. „Wir sind theatralische Nomaden“, sagt Blawert und lacht.

Die Gruppe der „Mobile Albania“ ist schon mit verschiedenen Fahrzeugen durch Europa gereist. Als sie in Albanien unterwegs waren, haben sie gemerkt, wie abgeschnitten das Land ist. Mit dem Bus nehmen sie Albanien nun überall mit hin.

Das Thema dieser Fahrt ist Wohnen. Wie wohnen die Menschen in Frankfurt? Als erster Stopp wird Bornheim vorgeschlagen. Das Trend-Viertel ist auch bei vielen Nicht-Frankfurtern beliebt. Ein junger Student beginnt aufgeregt aus dem Fenster zu winken. Er hat eine Freundin auf der Straße entdeckt. Blawert springt aus dem Bus und lädt sie zur Mitfahrt ein. Wohin sie denn wolle? Nach Hause. Perfekt, da fahren wir sie hin. Sie wohnt in einer WG. Altbau mit Balkon, 70 Quadratmeter, Mitten in Bornheim. „Eines der letzten Objekte mit humanem Mietpreis“, sagt sie.

Das nächste Ziel ist Oberrad. Auf dem Weg versucht Blawert immer wieder neugierige Passanten für den kostenlosen Fahrservice zu begeistern. Aber die Skepsis siegt.

Die Fensterscheiben des Busses sind voll mit Skizzen und Gedanken ehemaliger Fahrgäste. Von der Decke baumeln bunte Karten. „Das ist unsere Inspirationskarte“, sagt Blawert. Die Linie in der Mitte sei der Main, links und rechts sind Orte der Inspiration in Frankfurt markiert. „Alles Ideen, wo wir mal hinfahren könnten.“

Die Passagiere sollen aber nicht nur neue Ecken kennenlernen, sondern diese auch mit anderen Augen sehen. „Darum sind wir heute ein Touribus. Und Touris machen viele Fotos“, erklärt Blawert. Überall, wo es gefällt, legt der Bus einen kurzen Stopp ein und es wird ein Foto gemacht. Nicht digital, sondern auf Folie gezeichnet. Mit verschlossenen Augen.

Unter den Fahrgästen ist auch ein echter Tourist. Der marokkanische Folklorekünstler Rabi Harnourie hat die Gruppe vor ein paar Wochen auf einer Veranstaltung kennengelernt. Natürlich haben sie ihn als musikalische Begleitung zu einer ihrer Fahrten eingeladen. In Oberrad angekommen, wird das Feld zu einer Freiluftbühne. Von rotem Scheinwerferlicht angestrahlt singt Harnourie über das Reisen und die Freiheit.

Langsam wird der Busfahrer ungeduldig. Er möchte zurück in die Stadt, Feierabend machen. Für das letzte Stück steigt ein älterer Herr dazu. Harnourie begleitet die Rückfahrt auf seiner Gimbri. Es wird wenig gesprochen. Alle schauen aus dem Fenster, lassen die Stadt an sich vorbeirauschen. Ab und zu wird mitgesungen. Ein letztes Mal wird in der Rembrandtstraße gehalten. Der Herr muss noch ein Foto zeichnen. So viel Zeit muss sein. Zurück am Hauptbahnhof wird das gemeinsame Fotoalbum angeschaut. „Es war eine unglaubliche Reise“, sagt die Frau mit den kurzen braunen Haaren. Manche umarmen sich zum Abschied.

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