Früher ein Dickerchen

Fabian Sinning ist Weltmeister im Extrem-Hindernislauf

Vor wenigen Jahren war Fabian Sinning aus Bockenheim noch pummelig, rauchte und machte keinen Sport. Heute rennt er aus Spaß Dutzende Kilometer am Stück – und ist jetzt sogar Weltmeister im Extrem-Hindernislauf. Wie hat er das geschafft?

Der neue Weltmeister liebt Kaffee. Fabian Sinning (30) lässt sich in einen der Stühle vor dem Café Brühmarkt in Bockenheim fallen. Sieben 250-Gramm-Pakete ausgefallener Röstereien hat er aus Australien mitgebracht, die die Baristas für ihn brühen sollen. Kaffee ist sein neues Hobby, jetzt, da das Laufen weit mehr ist.

Der gebürtige Frankfurter hat vor Kurzem in Sydney seinen ersten 24-stündigen Extrem-Hindernislauf gewonnen, in Englisch „Obstacle Course Race“ (OCR). Es ist ein Extremsport, bei dem die Starter auf der Laufstrecke immer wieder durch Matsch kriechen, eine fünf Meter hohe Rampe hochrennen oder an Ringen über einen Wassergraben schwingen müssen. Der OCR-Weltverband hat Fabian Sinning zum Weltmeister gekürt, bundesweit gilt er als einer der Besten seines Sports.

Die Frankfurter Laufszene kennt ihn derweil unter dem Namen „Fat Raccoon“. Wie ein „kleiner, fetter Waschbär“ sehe er aus, sei aber verdammt flink, hat mal jemand zu ihm gesagt. Seither trägt er den Titel mit Stolz. „Vom Waschbär zur Waschmaschine“ ist sein Motto.

Das sieht man ihm auch an: Er sitzt auffällig gerade, ist nicht übermäßig muskulös, aber drahtig. Am Handgelenk baumelt ein Bändchen, das ihn als OCR-Läufer auszeichnet, um die Lippen spielt ein selbstbewusstes Lächeln. „Wenn du weißt, dass du 100 Kilometer mit deinen Füßen laufen kannst, gibt dir das eine unglaubliche Gelassenheit“, sagt er.

Vor fünf Jahren konnte Fabian Sinning das noch nicht. Bei 1,78 Metern Körpergröße wog der Student 90 Kilogramm, rauchte eine Packung Zigaretten am Tag, am Wochenende ging er feiern und trinken, achtete kaum auf seinen Körper. Irgendwann packte ihm die Schwester ans Doppelkinn und er beschloss: „So kann es nicht weitergehen.“ Mit Freunden verabredete er sich für einen Halbmarathon in Wien. Gut 21 Kilometer Strecke – damals eine echte „Mammutaufgabe“.

Zuerst las der Bockenheimer deshalb „Das große Buch vom Marathon“ von Hubert Beck. Sinning ist Wissenschaftler. In Göttingen hat er Politik studiert, seit zwei Jahren untersucht er für die Ethnologische Fakultät der Goethe-Uni an einer Offenbacher Schule, wie demokratische Erziehung zum Lehrplan passt, regelmäßig besucht er Vorträge zeitgenössischer Philosophen. Was lag also näher, als sich dem Laufen theoretisch anzunähern?

Professionelle Hilfe bekam er am Institut für Sportdiagnostik in Offenbach. Dort absolvierte Sinning einen Laktattest, dann wurde ein Trainingsplan für ihn ausgearbeitet. „Wenn du ohne Plan trainierst, hast du immer das Gefühl, zu wenig zu machen. Dann übertreibst du es und verletzt dich“, erklärt er. „Ich habe systematisch berechnet, was bei mir möglich ist.“

Ein halbes Jahr bereitete er sich vor, stellte seine Ernährung um, feilte an seiner Lauftechnik. 16 Kilogramm hatte er am Ende verloren, den Halbmarathon lief er als einziger der Freunde, eine Stunde und 45 Minuten brauchte er, eine solide Zeit. Schon auf der Zielgeraden in der Wiener Hofburg war aber klar, dass es das nicht gewesen sein sollte: „Ich habe mich gefragt: Wenn ich das schaffen kann, was kann ich noch alles schaffen?“

In den folgenden Monaten las Fabian Sinning jedes Buch zum Laufen, das ihm in die Finger kam. Dann rannte er: 42 Kilometer beim Frankfurt Marathon, 60 Kilometer Zugspitz-Ultratrail, 80 Kilometer über Stock und Stein bei den OCR-Hindernisläufen. Weder Volksläufe noch Lauftreffs waren noch vor ihm sicher.

„Ich suche immer neue Herausforderungen, weil ich die Option des Scheiterns brauche“, sagt Fabian Sinning. „Sonst reiße ich mir im Training nicht den Hintern auf.“ Er hat die These, dass jeder Mensch im Grunde ein Läufer ist. „Aber wir haben uns antrainiert, Sitzer zu sein“, sagt er.

Ist das schon eine Sucht? Fabian Sinning lacht. „Ich bin nicht süchtig nach Laufen“, beteuert er dann. „Ich habe nur tierisch Bock drauf.“ Er könne sich genauso gut mit einer Tüte Gummibärchen auf sein Sofa legen. Ein bisschen Bauch hat er noch immer.

Aber letztlich geht Sinning immer weiter: Seit er gelesen hat, dass ein mexikanisches Urvolk ständig barfuß läuft, trägt auch er im Alltag immer seltener Schuhe. An der „Bare Foot Academy“ in Düsseldorf hat er sich beibringen lassen, wie man am gesündesten barfuß läuft, nun ist er selbst ein sogenannter „Natural Running Coach“ – und damit auch ein Sonderling, wie er sagt.

Auch bei seinem bislang längsten Rennen Anfang Juni in Australien legte er freiwillig drei Runden auf blanken Sohlen zurück. Der OCR-Wettbewerb: 24 Stunden, 300 Läufer, alle paar Meter ein Hindernis, wer die meisten Kilometer zurücklegt, gewinnt.

Erneut hatte Fabian Sinning sich ein halbes Jahr vorbereitet: Pro Woche war er dreimal bis zu zehn Kilometer in Höchsttempo gelaufen, einmal entspannt an die 30 Kilometer. Dazu Krafttraining, um die Rückenprobleme in den Griff zu bekommen. Anfang Juni packte er dann 16 Paar Laufschuhe in seinen Koffer, einen Neoprenanzug, Gemüsebrühe gegen die Krämpfe und trat den Flug nach Sydney an.

Und die jahrelangen Strapazen hatten sich gelohnt. In der Altersklasse 30 bis 39 setzte er sich gegen 40 Gegner durch. Einen Sandsack geschultert kletterte er, zog sich an Netzen hoch, kroch durch Rohre – und schlief in 24 Stunden nicht eine Minute.

„Nachts habe ich die Helfer gefragt, ob ich einen Burger bekommen kann, um mich bei Laune zu halten“, sagt er. Als er nach elf Runden und 127,6 Kilometern seine Goldmedaille überreicht bekam, hatte er Tränen in den Augen. Die nächste Auszeichnung? Die gibt’s bei 100 Meilen, also rund 160 Kilometern. „Ich weiß nicht, ob ich das will“, sagt er grinsend. Zurück in Frankfurt hatte er sich eine Pause auferlegt, doch kurz darauf ist er wieder gelaufen. Fünf Kilometer.

Weitere Informationen

Am Samstag, 18. August, gibt Fabian Sinning auf dem OCR-Trainingsparcour im Kletterwald Wetzlar einen Einführungskurs. Die Teilnahme kostet 19 Euro. Infos: . Den OCR-Frankfurt findet man unter ocrfra.de im Internet.

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