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Hans-Jürgen Hammelmann kann nicht verstehen, warum das Haus in der Leipziger Straße 68 (im Hintergrund) abgerissen werden soll. Dass die Erhaltungssatzung hier nicht greift, findet er skandalös.

Leipziger Straße 68

Eines der ältesten Häuser in Bockenheim wird abgerissen – Kritik an der Stadt

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Jahrelang ließen die Eigentümer das 1828 erbaute Gebäude in der Leipziger Straße 68 verkommen, jetzt wird es abgerissen. Dass es so weit kam, ärgert viele im Stadtteil.

Frankfurt - Der Gehweg vor dem Gebäude Leipziger Straße 68 ist gesperrt, Bauschuttcontainer stehen davor, drinnen wird gearbeitet: Das Haus wird "in den kommenden Wochen" abgerissen, wie die Heinrich Gaumer Hausverwaltung bestätigt. Eine Sünde sei das, findet Hans-Jürgen Hammelmann, der für die Linke im Ortsbeirat 2 (Bockenheim, Westend, Kuhwald) sitzt. Er wuchs in Bockenheim auf, die Leipziger Straße kennt er wie seine Westentasche. Gerade dieses 1828 erbaute Haus sei etwas Besonderes: Nur wenige Gebäude gebe es noch aus jener Zeit. Mit zwei Stockwerken plus Dach sind sie kleiner als die spätere vierstöckige Bebauung der Gründerzeit. "Nun wird es abgerissen, trotz Erhaltungssatzung." Ein zahnloser Tiger sei die Satzung, wenn sie das nicht verhindern kann, ärgert sich Hammelmann.

Laut Heinrich Gaumer Hausverwaltung, der Gesellschaft der Erben des Namensgebers, entsteht hier ein neues Wohn- und Geschäftshaus. Nach einer "eingehenden wirtschaftlichen und bautechnischen Prüfung" hätten die neuen Eigentümer in Abstimmung mit den zuständigen Behörden entschieden, das "mit der Zeit baulich sehr nachteilig überformte und einsturzgefährdete Wohn- und Geschäftshaus" abzureißen. Der Neubau schaffe zusätzliche Wohnungen und werte die Leipziger Straße auf.

Haben die Eigentümer das Haus in der Leipziger Straße 68 bewusst verfallen lassen? 

Hammelmann und die Vorsitzende des Stadtteilbüros, Anette Mönich, kritisieren das. "Gerade diese Gebäude aus der späten Goethezeit werden in der Satzung als erhaltenswert beschrieben. Dort steht, dass die Mischung für die Identität der Straße prägend ist", sagt Mönich. Dass es neben den Gründerzeithäusern noch einzelne kleine gebe, mache doch die Straße aus, sagt Hammelmann. Neben der Nummer 68 etwa auch die Kaffeerösterei Stern (Leipziger Straße 39) oder die denkmalgeschützte Apotheke (Leipziger Straße 71).

Den Eigentümern der "68" werfen sie vor, sie hätten das Haus bewusst verfallen lassen. Den Gaumer-Erben lasse die Stadt "völlig freie Hand", statt den Abriss verhindert zu haben", sagt Mönich. "Es ist schlimm, dass die damit durchkommen", sagt Hammelmann.

Mehrfach gab es bereits Ärger um das Haus, noch zu Lebzeiten des 2015 gestorbenen Heinrich Gaumer. Etwa als 2014 im Hinterhof wohnungslose Osteuropäer in einem Schuppen illegal untergebracht waren. Kein Einzelfall bei Gaumer-Häusern: Im Sommer 2014 wurde ein Geschäftsmann verurteilt, weil er 2012 in einem Gaumer-Haus im Bahnhofsviertel 47 Menschen auf 200 Quadratmetern wohnen ließ. Gaumer kündigte daraufhin alle Mietverträge mit dem Geschäftsmann. Ebenfalls 2014 brannte es in der Gaumer gehörenden Leipziger Straße 38. Die Baustelle liege seit zehn Jahren brach, weil Nachbarn erfolgreich klagten, erzählt Mönich.

Gutachten ergab: Sanierung wirtschaftlich nicht vertretbar

Die Stadt sieht das anders. "Für die Leipziger Straße 68 besitzt der Magistrat keine Erkenntnisse, wonach die Liegenschaft gezielt abgenutzt oder heruntergewirtschaftet wurde", heißt es in einer Stellungnahme vom April. Bereits 2017 ergab ein Gutachten, eine Sanierung sei wirtschaftlich nicht vertretbar. Ein unabhängiger Ingenieur habe das im Auftrag der Stadt festgestellt, sagt Markus Radermacher, stellvertretender Leiter der Bauaufsicht. Da helfe auch die Erhaltungssatzung nichts, das Baugesetz sei eindeutig: Ist ein Haus abbruchreif, darf die Abrissgenehmigung nicht verwehrt werden.

Dass Eigentümer mit ihren Häusern so umgehen wie hier, sei zum Glück ein Extremfall, sagt Radermacher. Die Erhaltungssatzung sei auch kein "zahnloser Tiger". Durch sie könnten Hausbesitzer eben nicht einfach abreißen. "Und sie müssen sich an die typische Gestaltung der Straße halten." Klar sei aber auch, dass die Satzung "kein Denkmalschutz" sei, der einen deutlich besseren Schutz darstelle.

Das Stadtteilbüro und die "Freunde Bockenheims" wollen den Abriss nicht einfach hinnehmen, sagt Mönich. "Für September planen wir Kundgebungen. Wir sorgen uns um den Stadtteil, wenn wir sehen, wie manche Entscheidung getroffen wird." Selbst Hausbesitzer im Stadtteil seien entsetzt, dass ein Eigentümer sein Haus verrotten lasse und dann mit einer Abrissgenehmigung belohnt werde.

Von Andreas Haupt

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