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Oscar Mahler (Mitte) hat sich in diesem Jahr ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk gemacht: den Bahnhofsviertelchor. Mit dabei sind sein Kollege von der Bahnhofsmission Billie Bourgeois (Mitte links) und Schutzmann vor Ort Björn Driebold (rechts). Geleitet wird der neue Chor von Renata Bueno Tavares (links im Vordergrund).

Stadtteil

Im Frankfurter Bahnhofsviertel bringt ein Chor jetzt Menschen zusammen

Oscar Mahler hat sich einen Chor zum Geburtstag geschenkt, in dem auch Anfänger Spaß haben. Ein Viertel findet seinen Sound.

Wer gerne singt, aber sich noch nie in die Öffentlichkeit getraut hat, ist im neuen Bahnhofsviertelchor richtig: Mitte August haben sich Oskar Mahler, Urgestein des Viertels, und seine Mitsänger das erste Mal getroffen, seitdem bringt ihnen Chorleiterin Renata Bueno Tavares jeden Freitag etwas Neues bei. Und ganz nebenbei treffen sich die wichtigsten Akteure des Viertels auch mal privat.

Billie, Oskar und Björn sind die Partylöwen im Chor. Mit breitem Grinsen grooven, wippen und klatschen sie – und singen mit einer Inbrunst, mit der, nun ja, die Erfahrung manchmal noch nicht ganz mithalten kann. Gerade ist „Freedom is coming“ dran. Chorleiterin Renata Bueno Tavares hat es ausgewählt, weil es eine positive Botschaft hat, für alle Stimmen gut zu singen ist – und weil der Rhythmus die Menschen mitreißt.

„Das Ziel ist nicht, in der Staatsoper zu singen. Das Ziel ist, Spaß zu haben und zu genießen“, sagt sie. „Alles, was den Tag über an schlechten Dingen passiert ist, gibt man ab, wenn man die Stimme hebt“, sagt Billie Bourgeois. Das letzte Mal habe er in der Schule gesungen, „aber eher unfreiwillig“. Im neuen Chor sei alles viel entspannter.

„Wir wollen transportieren, dass jeder für seine Lebensfreude selbst verantwortlich ist“, sagt Oskar Mahler. 30 Jahre lang sei Musik Teil seines Alltags am Theater gewesen. „Danach hatte ich nichts mehr, wo ich singen konnte.“ Denn einen Chor gab es im Bahnhofsviertel bisher nicht. Doch Oskar Mahler wäre nicht Oskar Mahler, wenn ihn das aufgehalten hätte. „Ich habe einfach die Frechheit besessen, mir die Gründung eines Chors zum Geburtstag zu schenken.“ So, wie er sich bereits 2005 das Hammer Museum zum Geburtstag geschenkt hat.

Die sieben Personen, die es für eine Vereinsgründung braucht, habe er innerhalb einer halben Stunde zusammengehabt, unter ihnen sein Kollege Billie von der Bahnhofsmission, der Schutzmann vor Ort Björn Driebold und Nadine Müller, die die Teestube Jona leitet. Die wiederum riefen all ihre Freunde an, mittlerweile proben durchschnittlich 30 Sänger mit. „Es ist die perfekte Art und Weise, mit den Leuten in Kontakt zu treten, die im Bahnhofsviertel aktiv sind“, sagt Björn. Fehlte nur noch ein richtiger Chorleiter.

Einige Monate zuvor war Renata ins Bahnhofsviertel gezogen. Sie wurde in São Paulo geboren, die Sehnsucht nach der Großstadt zog sie und ihren Mann von Darmstadt ins Herz Frankfurts. „Die Ecke hier ist so schön, ich wollte etwas für sie tun“, sagt die 38-Jährige, die unter anderem Chorleitung studiert hat. Als sie in der Zeitung las, dass der neue Viertelchor einen Leiter sucht, wusste sie auch, was. „Das war fast Schicksal“, sagt sie und lacht. Sie lacht ziemlich oft und ist auch sonst ziemlich energiegeladen. „Man merkt das Herzblut und muss sofort mitmachen“, sagt Billie.

Jede Probe beginnt mit Lockerungs- und Singübungen, dann ist eine einfache Version von „Imagine“ von den Beatles dran. „Wir haben’s überlebt, das ist gut“, sagt Renata nach dem ersten Durchgang und lacht wieder. Dann geht’s ans Eingemachte: den Rhythmus beachten, nicht abgehackt singen, aber an den richtigen Stellen leise sein, dabei nicht verkrampfen, zeitversetzt zum Nachbarn atmen und die richtigen Noten treffen, das alles hätte die Chorleiterin gerne gleichzeitig.

Eine Dame in der letzten Reihe kichert. Immer wieder setzt sie an, aber auch gleich wieder ab. „Wenn ich so hoch singen soll, bleibt meine Stimme weg“, sagt sie nach einer Weile. „Wir haben diese Noten in uns, aber sie sind unbenutzt, deshalb haben wir Angst“, antwortet Renata. Sie solle sich keine Sorgen machen und aus dem Bauch atmen. Irgendwann werde es klappen.

Später wird sie das noch mal sagen, dieses Mal zu den Partylöwen. Etwa ein Jahr regelmäßigen Übens brauche es, bis man Stimme und Gehör so weit entwickelt habe, dass man die Töne treffe. Wichtig sei, bis dahin durchzuhalten. „Denn weißt du“, wendet sie sich an Björn, „wenn du den Ton findest, ist er wunderschön.“

Wenn der Chor dann aufeinander eingestimmt und die Finanzierungsfrage geklärt ist, könne man anfangen, über ein Konzert nachzudenken, sagt Oskar. Denn daran, dass sein Chor einmal ganz groß rauskommen wird, zweifelt er nicht. „Es wäre doch super, wenn irgendwann das Erste, woran die Menschen beim Bahnhofsviertel denken, nicht Rotlicht und Drogen sind, sondern unser Chor.“

Die Chorprobe findet immer freitags von 18 bis 19.30 Uhr im Jugendclub des Internationalen Familienzentrums, Wiesenhüttenplatz 33, statt, auch an Feiertagen. Jeder kann kommen, ob mit oder ohne Singerfahrung, ob aus dem Bahnhofsviertel oder nicht. Da der Chor noch relativ am Anfang steht, ist er für Neueinsteiger besonders gut geeignet.

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