Austausch unter freiem Himmel

Frankfurter Tafel: "Viele schämen sich"

An einer langen Frankfurter Tafel unter freiem Himmel konnten sich Bedürftige und nicht Bedürftige bei Grüner Soße und Handkäs’ austauschen – über Armut, Spenden und Angebote der Frankfurter Tafel.

Efeuranken, frische Äpfel und Birnen laden an die lange Tafel mit weißer Tischdecke ein. Darauf stehen Bembel mit Apfelsaft und Wasser. Unter einem blauen Pavillon werden Butterbrote geschmiert, Grüne Soße in Schalen gefüllt, hartgekochte Eier geschält und halbiert, Handkäs’ mit Musik auf Tellern mit roten Zwiebeln dekoriert. „Sieben Eimer Grüne Soße habe ich gemacht – und jede Menge Musik“, sagt Norbert Nickel, Disponent des Vereins Frankfurter Tafel.

Nickel ist einer von drei Angestellten der Tafel, rund 180 Helfer arbeiten ehrenamtlich für die Organisation. Jeden Monat verteilt die Tafel Lebensmittel an rund 15 000 bedürftige Menschen an zwölf Standorten in Frankfurt und an weitere 13 000 Mitmenschen in sozialen Einrichtungen. Mit zwölf Fahrzeugen holen die Ehrenamtler gespendetes Obst, Gemüse, Wurst, Käse, Milch und andere mehr bei Supermärkten und Geschäften ab, die das spenden. „Es wird immer noch viel zu viel weggeworfen“, sagt Nickel. Er hofft darauf, dass künftig noch mehr Geschäfte ihre noch gute B-Ware der Tafel zur Verfügung stellen anstatt sie in Container zu werfen. „Fleisch bekommen wir nie für die Kunden, obwohl es containerweise entsorgt wird.“

Auf den Bierbänken in der Schillerstraße sitzen Männer und Frauen am gedeckten Tisch. Manche haben ihr Hab und Gut in Tüten dabei, andere tragen Markenhandtaschen. Während sie gemeinsam essen, lauschen drei junge Frauen aus der Nähe von Köln den Erzählungen von Gerd (52). Seine Frau starb, er hat zwei Kinder. „Das Geld für Miete und Kinder reicht von vorne bis hinten nicht. Ich weiß nicht, was wir ohne die Tafel tun würden.“ Die jungen Frauen, die einen Tagesausflug nach Frankfurt machen, sind erschrocken. „Von Armut in der Stadt haben wir gehört. Bei uns auf dem Land ist das nicht so. Da hilft jeder noch jedem.“ Auch sie haben Kinder. „Als wir den Stand hier gesehen haben, haben wir entschieden, nicht zum Edel-Italiener zu gehen, sondern hierher. Die Grüne Soße ist extrem lecker und natürlich spenden wir der Tafel.“ Es sei etwas anderes, selbst zu sehen, dass es Menschen in der Stadt gibt, die auf Hilfe angewiesen sind, als es zu hören. „So eine Not sollte es in Deutschland nicht geben“, sind sie sich einig.

Bedürftige erzählen, dass sie durch Krankheit arbeitslos wurden, sie verwitwet sind, alleinerziehend oder die Mieten unbezahlbar. „Bruda, nimm mal Brot mit Butter“, ruft ein Velofahrer einem jungen Mann zu, der hungrig guckt. Er traut sich nicht. „Ich habe Hunger“, sagt er leise und geht mit gesenkten Schultern weiter, ohne sich helfen zu lassen. „Das gibt es oft“, so Edith Kleber, die seit 21 Jahren die Tafel leitet. „Viele schämen sich oder denken, dass wir etwas fordern. Außer einem Frankfurter Pass und dem Personalausweis ist aber nichts nötig.“

Kleber sagt: „Wenn es Menschen gut geht, entwickelt sich Egoismus. Erst bei Armut rücken alle wieder näher zusammen.“ Wer genauer hinsehe, bemerke aber, dass es Armut gebe – bei Rentnern, Kindern, Alleinerziehenden. In der Stadt und auswärts. „Wir könnten gut Unterstützung von der Stadt gebrauchen. Und Ehrenamtliche, die uns helfen. Und Firmen, die Lebensmittel spenden. Der Bedarf steigt.“

(bi)

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