Altenpflege

Frankfurter Verband vor 100 Jahren gegründet

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Selbstbestimmt alt werden - das ist das Credo der modernen Altenpflege. Längst geht es nicht mehr wie vor 100 Jahren nur um ein Dach über dem Kopf und genug zu essen. Zu den neuen Herausforderungen gehört aber auch, dass mit den geburtenstarken Jahrgängen der 1960er Jahre auch viele Altenpfleger in Rente gehen.

Wenn heute der Frankfurter Verband mit Tagen der offenen Tür in seinen 27 Einrichtungen sein 100-jähriges Bestehen feiert, dann ist dies nicht irgendein Sozialverband, sondern der größte der Stadt: Rund 1350 Mitarbeiter zählt der Verband, dessen Geschäftstelle in der Gummerbergstraße in Eckenheim ist.

Bei seiner Gründung 1918 sei gar nicht vorgesehen gewesen dass der „Frankfurter Verband für Altenfürsorge“, wie er damals hieß, auch selbst alte oder behinderte Menschen betreuen sollte, sagt der Vorsitzende Frédéric Lauscher. „Er sollte für die Gründungsmitglieder lediglich Gebäude und Grundstücke ankaufen.“ Heute habe er selbst 1000 Pflegeheimplätze, betreue 480 Kunden ambulant und fast 4000 Seniorenwohnungen und deren Bewohner. An die Hausnotrufzentrale seien bundesweit 30 000 Anschlüsse gekoppelt.

Gegründet worden sei der Frankfurter verband 1918, weil es immer mehr einsame, alte Menschen gab, sagt Lauscher. „Viele Männer waren aus dem Ersten Weltkrieg nicht heimgekehrt. Die einstigen Familienstrukturen, in denen die Töchter die Eltern pflegten, funktionierten nicht mehr – denn die Frauen mussten dafür sorgen, ihre eigenen Familien zu versorgen.“ Nicht nur die Vereinsamung älterer Menschen sei ein heute wieder aktuelles Thema. „Damals war es – wie heute – schwer, in Frankfurt eine bezahlbare Wohnung zu finden.“

Kurz nach dem Kauf der ersten Liegenschaft in der Bleichstraße „stellte sich heraus, dass es mit der Bereitstellung von Betreuungsplätzen für alte Menschen nicht getan war“, erzählt Lauscher: Es fehlte Personal. „So wurden wir dann sehr schnell auch zu Betreibern der von uns iniziierten Einrichtungen.“ Eines der ersten Häuser, die der Verband kaufte und eröffnete, sei 1920 auch die heutige Geschäftsstelle gewesen, der Altbau neben dem nach der ersten Vorsitzenden benannten Julie-Roger-Haus in der Gummersbergstraße.

Eng ging es damals zu, sagt Lauscher, war die Altenhilfe doch aus der Armenhilfe entstanden – und das blieb bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges auch das Selbstverständnis. „Jene, die es sich leisten konnten, selbst für sich zu sorgen, waren nicht unsere Zielgruppe. Die bestand in der Regel aus armen Menschen.“

Ein Dach über dem Kopf und genug zu essen, das war das Ziel der Altenhilfe. Eng ging es zu, die Wohnverhältnisse waren schlicht. In der heutigen Geschäftsstelle etwa gab es viele Doppelzimmer, die gerade groß genug waren, um dort Betten, Schrank, Tisch und zwei Stühle unterzubringen. Anderswo gab es auch Fünf- oder Sechsbettzimmer. Es herrschte ein strenges Regime, was auch daran zu merken ist, dass man damals von „Insassen“ sprach.

Zwar ging es beim Neuaufbau der Sozialdienste nach 1945 immer weniger ums wohnen, sondern um die Pflege, sagt Lauscher. Grundlegende Veränderungen mit gänzlich neuen Konzepten der Altenpflege entstanden aber erst in den 1960er Jahren – „mit Prinzipien, die bis heute ihre Gültigkeit haben“. Etwa dem im Frankfurter Verband früh umgesetzten Konzept, der zunehmenden Einsamkeit älterer Menschen entgegen zu wirken.

„Die Grundidee war, den Menschen die Möglichkeit zu geben, sich zu treffen und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.“ Parallel dazu entstanden ambulante Hilfen, etwa in Form von Sozialstationen. Das Leben sollte selbstbestimmter werden statt sich an Besuchszeiten und starren Tagesabläufen des Personals zu orientieren.

Einen finanziellen Schub bekam die Altenpflege durch die Einführung der Pflegeversicherung, die 1994 beschlossen wurde, sagt Lauscher. Das deutsche System der Altenpflege sei eines der bestentwickelten der Welt, „auch wenn man noch immer mehr tun kann.“ Die Niederlande etwa gäben dafür dreimal so viel Geld aus, wie die Deutschen. „Wichtig ist, die Bedingungen der Pflegekräfte zu verbessern“, vor allem finanziell.

Schon jetzt sei es schwer, genügend Pflegepersonal zu bekommen, sagt Lauscher – doch das Problem werde weiter zunehmen. „Nun gehen die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er und 1970er Jahre in Rente. Dadurch gehen uns viele ältere Pflegekräfte verloren. Gleichzeitig müssen sehr viele Menschen versorgt werden.“ Ein Umstand, den zu bewältigen schwer werde – auch weil immer weniger Menschen für die Versorgung von mehr Menschen aufkommen müssten.

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