"Medizin hinter Gittern"

Gefängnisarzt und Tatort-Pathologe Joe Bausch besucht Ellar

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Einen Abend hinter dicken Mauern erlebten rund 200 Gäste auf der Burg Ellar. Der Lions Club Limburg-Nassau hatte den Gefängnisarzt Joe Bausch in seine Heimatgemeinde eingeladen.

Das, was der lässig gekleidete Mann dort auf der Bühne der Ellarer Burg erzählt, klingt nach Geschichten aus einer anderen Welt. Auch die Bilder, die er zeigt, von langen Fluren, von spartanisch ausgestatteten Zimmern und vom Blick aus einem Fenster, vor dessen Scheibe sich dicker Stacheldraht windet, wirken fremd, befremdlich. Dabei handelt es sich um eine detaillierte Beschreibung jener Welt, in die der Mann seit mehr als 30 Jahren täglich eintaucht. Der Mann ist Joe Bausch, Arzt in der Justizvollzugsanstalt im nordrhein-westfälischen Werl, Fernseh-Pathologe in zahlreichen „Tatort“-Folgen – und ein gebürtiger Ellarer.

Für ein paar Stunden ist er nach Hause gekommen, dorthin, wo er schon als kleiner Junge „Räuber und Gendarm“ gespielt haben dürfte, wie Gastgeber Andreas Ahlbach vom Lions Club Limburg-Nassau bei seiner Begrüßung vermutet. Jetzt soll Joe Bausch erzählen, wie es ist, wenn man „Medizin hinter Gitter“ macht. So lautet der Titel seines Vortrags, der die gewaltige Kluft des Lebens innerhalb und außerhalb von Gefängnismauern ausleuchten soll.

Um die Welt hinter dicken Mauern und Türen zu begreifen, müssten Zahlen genannt werden, findet Bausch: 137 Gefängnisse gibt es in Deutschland, wobei die JVA Werl die Einrichtung mit dem größten Hochsicherheitstrakt ist. Mehr als 1000 Männer sind hier untergebracht. „Einige von ihnen waren schon hier, als ich kam, und werden noch hier sein, wenn ich gehe“, formuliert Joe Bausch seine Zeitrechnung. Tatsächlich wird sich der Gefängnisarzt in drei Monaten in den Ruhestand verabschieden.

Insgesamt sind 80 000 Straftäter in deutschen Gefängnissen untergebracht, von denen aber nur etwa 4000 weiblich sind. Und das ist die erste Erkenntnis, die er an diesem Abend ausplaudert: Auf strafrechtlichem Terrain sind Frauen cleverer, „schwach, aber hinterfotzig“, sagt der Mediziner und präsentiert den weiblichen Gästen einen Tipp aus seiner langjährigen Erfahrung. Egal, welche Tötungsmethode bevorzugt werde, „machen Sie es auf jeden Fall allein!“ Das Risiko gemeinschaftlich begangener Verbrechen sei zu groß, kommentiert er trocken. Ja, sagt der Mann, der seit Jahrzehnten in der Soester Börde lebt, „westfälischer Humor kann helfen“.

Und der Blick fürs Wesentliche, zum Beispiel für die Arzt-Patienten-Bindung oder für die Gesundheitskosten im Knast. Die Perspektive sei in beiden Bereichen vielversprechend. Schließlich liegt die Arzt-Patienten-Bindung im Gefängnis bei 100 Prozent. Denn wer in der JVA Werl einsitzt, hat es mit Bausch oder seinen Mitarbeitern zu tun. Freie Arztwahl gibt es nicht, auch nicht für Privatpatienten. Auch die strengen Regeln der medizinischen Budgetierung gelten innerhalb der Gefängnismauern nicht. Gedanken über die bevorstehende Abrechnung müsse er sich nicht machen, ist eine weitere Erkenntnis. Dennoch werde selbstverständlich vernünftig gewirtschaftet. Nur sind Krankheitsbilder und Diagnosen von Häftlingen häufig aufwendiger zu erkennen und zu erstellen als in der freien Welt. Allein der hohe Anteil drogenabhängiger Patienten sei ungewöhnlich und stelle die Mediziner vor „sportliche Herausforderungen“. Derzeit betreue er knapp 400 Männer mit der Viruserkrankung Hepatitis C; rund 40 Männer in der JVA Werl sind HIV-positiv. Eine weitere medizinische Besonderheit ist Bausch zufolge neben zahnärztlichen Langzeitbehandlungen, für die immerhin reichlich Termine zur Verfügung stünden, und psychologischen Therapiemaßnahmen auch die „rustikalen Auseinandersetzungen“ unter den Insassen. Mörder, Totschläger, Schwerverbrecher, die Klientel in der Welt des Mannes aus Ellar ist bunt und bleibt den Gästen fremd.

Die Spendensumme des Abends stellte der gastgebende Lions Club dem Verschönerungsverein Ellar zur Verfügung.

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