Erzählcafé in Schupbach

Geschichten von der Kerkerbachbahn

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Um die Kerkerbachbahn ging es im mittlerweile sechsten Erzählcafé des Fördervereins der ehemaligen Schupbacher Synagoge im Bürgerhaus. Unter den Gästen waren einige ältere Bürger, die die Kerkerbachbahn noch selbst genutzt haben sowie ein früherer Mitarbeiter.

Achim Mannes wurde 1964 zu spät geboren, um noch selbst mit der Kerkerbachbahn als Fahrgast zu fahren. Doch der Schadecker gilt in der Region als großer Fachmann zum Thema. Folglich war er vom Förderverein der ehemaligen Synagoge Schupbach zum Erzählcafé ins Bürgerhaus eingeladen worden, um ein bisschen über die alten Zeiten zu plaudern.

Die Kerkerbachbahn-Aktiengesellschaft wurde, wie Mannes erzählte, 1884 von zehn Privatpersonen in Limburg gegründet. Gesellschaftszweck waren Bau und Betrieb einer schmalspurigen Nebenbahn zur Beförderung von Personen und Gütern zwischen Heckholzhausen und Dehrn. Die Bahn sollte vor allem Erz, Kalkstein, Marmor, Basalt und Ton – die Bodenschätze des südlichen Westerwaldes – zum Hafen Steeden und zum Staatsbahnhof Kerkerbach an der Lahntalstrecke Gießen-Limburg bringen. Die erste, vier Kilometer lange Teilstrecke wurde laut Mannes dreischienig von Kerkerbach lahnabwärts über Steeden bis Dehrn angelegt, wo ab 1. Mai 1886 zunächst nur Güterzüge fuhren. Personenzüge folgten erst zwei Jahre später, als gleichzeitig auch im Kerkerbachtal der Personenverkehr talaufwärts über Schupbach bis Heckholzhausen aufgenommen wurde.

Der Güterverkehr hatte hier schon am 5. November 1887 bis Eschenau und am 10. Januar 1888 über Christianshütte bis Heckholzhausen begonnen. Wie der Schadecker Fachmann weiß, wurde erst nach einer Pause von zehn Jahren entschieden, die Strecke weiter in den Westerwald hinaufzuführen. Ab 1905 konnte man mit der Kerkerbachbahn Hintermeilingen erreichen, ab 1907 Waldernbach sowie ab 1908 Mengerskirchen. Damit hatte die Kerkerbachbahn eine Streckenlänge von 35 Kilometern.

Gedanken, die Strecke weiterzuführen, seien nicht mehr weiterverfolgt worden, so Mannes. Denn die Verlängerung Richtung Mengerskirchen funktionierte schon aus wirtschaftlicher Sicht nicht richtig. Auf der steilen und kurvenreichen Trasse betrug die Fahrzeit mehr als zwei Stunden für die volle Strecke. Der stets bescheidene Personenverkehr von zwei bis drei Zugpaaren pro Tag endete auf dem Abschnitt Kerkerbach–Dehrn schon 1929, konnte sich aber zwischen Kerkerbach und Hintermeilingen aufgrund fehlender anderer Transportmöglichkeiten im Zweiten Weltkrieg und danach noch bis 1958 halten. Der Abschnitt bis Mengerskirchen war bereits 1920 verkauft worden.

Am 17. Dezember 1960 folgte die Aufgabe des restlichen Güterverkehrs auf der Strecke im Kerkerbachtal und anschließend der Abbau aller Schmalspurgleise. Dagegen führte laut Mannes die Abfuhr von Kalksteinen aus einem Bruch der BASF Ludwigshafen in Steeden zu einer weiterhin guten Auslastung des unteren Abschnitts zwischen Dehrn, Steeden und Kerkerbach. Diesen Abschnitt betrieb die Kerkerbachbahn AG weiter, bis ihn 1975 die deutsche Bundesbahn als Anschlussgleis übernahm. Die Kerkerbachbahn-Gesellschaft gab den Verkehrsbetrieb auf und betätigte sich nur noch im Immobiliengeschäft, bis sie 1984 Konkurs anmelden musste.

Die Jahre 1957 bis 1962 erlebte der Gaudernbacher Bernd Rathschlag als Mitarbeiter der Kerkerbachbahn. Er lernte dort Maschinenschlosser. Ausgerechnet an seinem ersten Arbeitstag hat er den Zug verpasst, wie er berichtete. Doch zum Glück konnte er wegen des langen Stopps auf der Christianshütte den Zug in Hofen noch erwischen. Nach der Lehre war Rathschlag in der Werkstatt tätig und reparierte Züge. 1962 verließ er den Betrieb und ging zur Baufirma Schütz in sein Heimatdorf.

Ursula Grolig aus Eschenau hat nicht nur einen Bezug zur Kerkerbachbahn, weil ihr Vater Albert Würges dort bis 1958 Lokführer war. Auch fuhr sie als junges Mädchen täglich mit der Kerkerbachbahn, um in 17 Minuten zum Anschluss Kerkerbach zu kommen und dann zwei Stationen mit der Lahntalbahn Richtung Limburg weiterzufahren. Wenn kein Personenzug fuhr, lief Grolig aber auch öfter mal den Weg von Kerkerbach zu Fuß nach Hause.

Willi Schmittel erinnerte sich noch an eine Anekdote, als ein Handwerker auf der Hüttenmühle seinen Werkzeugkoffer vergessen hatte. Da kein anderer Fahrgast im Zug war, fuhr der Lokführer einfach mit dem Zug rückwärts zur letzten Station zurück, um dem Mann zu helfen. Schmittel weiß auch, dass viele, die morgens zu spät am Schupbacher Bahnhof waren, eiligst – um den Zug wieder einzuholen – nach Eschenau weiterliefen. Bei den wenigen Verbindungen pro Tag wäre der Fußmarsch Richtung Limburg die anstrengendere Alternative gewesen.

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