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Geschwisterliebe: Lilli und Julius Bille lassen sich am kommenden Sonntag in der Stadionkapelle taufen.

Pfarrer Eugen Eckert

Geschwister-Taufe im Stadion: Auch Trauungen sind möglich

Dort getauft werden, wo sonst die Spieler von Eintracht Frankfurt zu den Heimspielen auflaufen: Diesen Wunsch erfüllen sich die Geschwister Lilli (8) und Julius Bille (9).

Zwar sind einige Spieler der Frankfurter Eintracht derzeit mit ihren Nationalmannschaften zu Freundschafts- und Gruppenspielen in der Nations League unterwegs – trotzdem findet am Sonntag um 14.10 Uhr ein großes Ereignis in der Commerzbank-Arena statt. Lilli (8) und Julius Bille (9) werden in der Stadionkapelle getauft. „Ich möchte das, weil alle meine Freunde auch getauft sind“, sagt Lilli. Sie und ihr Bruder haben Erfahrung mit Gottesdiensten im Stadion gesammelt: Während der Weltmeisterschaft im Sommer haben die Geschwister beim ökumenischen Gottesdienst im Vorfeld des Public Viewing zum Spiel Deutschland gegen Schweden vorgeführt, welche spektakulären Sprünge sie auf dem Trampolin beherrschen.

Damit schlüpfen die beiden in die Fußstapfen ihres Vaters Christian Pöllath, der als Leistungssportler Vizeweltmeister, Europameister und vielfacher Deutscher Meister auf dem Trampolin war. Heute ist Pöllath Teil des Projekts „Flying Bananas“, bei dem er mit seinem Kollegen Manfred Schwedler in Kindertagesstätten und Schulen auftritt und den Kindern auf dem Trampolin Spaß an Bewegung vermittelt.

So war Lilli und Julius der Spaß an Sport und Bewegung sprichwörtlich in die Wiege gelegt – kein Wunder also, dass sie in einer Sportstätte getauft werden wollen. Julius freut sich auf die Zeremonie: „Ich werde mein Eintracht-Trikot tragen“, sagt er. „Das zieht er sowieso fast nie aus“, sagt sein Vater. Der Sohn ist ein großer Fan von Eintracht-Torwart Kevin Trapp.

„Ich finde es sehr gut, dass die Gottesdienste im Stadion so locker sind“, sagt Pöllath. Dafür, dass seine Kinder erst jetzt getauft werden, gibt es keinen besonderen Grund. „Wir haben das irgendwie verpasst, als die Kinder noch klein waren“, sagt er. Und so wird die Taufe nachgeholt. Im familiären Rahmen, denn in die kleine Stadionkapelle im Erdgeschoss der Haupttribüne passen gerade einmal 28 Personen. Die Kinder haben dazu Lieder ausgesucht und ihre Taufsprüche. Lilli wird mit ihrer künftigen Patentante, der Handstand-Artistin Viktoria Gnatiuk, einen Tanz vorführen. Auch ihre Paten konnten die Täuflinge selbst aussuchen. „Ich finde es wichtig, dass sie mit in die Planung und ihre Taufe eingebunden werden“, sagt Pöllath. Getauft werden Lilli und Julius am Sonntag von Eugen Eckert. Seit zwölf Jahren ist der 63-jährige Pfarrer in der Commerzbank-Arena, hat seither 149 Menschen getauft. Lilli und Julius werden Nummer 150 und 151 sein.

Wie viele Taufen durchschnittlich pro Jahr im ehemaligen Waldstadion stattfinden, kann Eckert nicht genau sagen. „Während es in den ersten drei Jahren nur zehn bis zwölf Taufen gab, weil meine Arbeit nicht bekannt war, habe ich im Jahr 2017 28 Taufen feiern können“, sagt er. Darunter waren vier Erwachsene, acht Jugendliche und 16 Kinder. In diesem Jahr waren es bis jetzt 21 Taufen. Er mag den Job: „Ich lerne viele spannende Personen und Familiensituationen kennen, vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Manager.“ Das Stadion sei gewissermaßen wie ein Marktplatz, auf dem sich Menschen treffen: „Und ich bin sozusagen der Dorfpfarrer.“ Es seien überwiegend Sportbegeisterte, die sich oder ihren Nachwuchs im Stadion taufen lassen. „Eintracht Frankfurt bietet ja nicht nur Fußball, sondern 16 Abteilungen.“ So hat er auch schon Siebenkämpfer und Tischtennisspieler getauft.

Die Arena ist eines von fünf Stadien in Deutschland, in denen es eine Kapelle gibt. Auch in Wolfsburg, Leipzig, Berlin und Gelsenkirchen finden Taufen und Trauungen statt. Taufen und Trauungen finden in Frankfurt nur im Stadion statt, wenn die Eintracht ein Auswärtsspiel hat – oder so wie jetzt Länderspielpause ist. Zudem sind es aktuell nur evangelische Gottesdienste. „Wir sind gewissermaßen die Schnittstelle zwischen Kirche und Sport“, sagt Eckert, der lange Fußball beim FSV Frankfurt gespielt und Leichtathletik betrieben hat. Damit kann er sich auch in Lilli und Julius gut hineinversetzen. „Für die Fans ist es eine tolle Sache, dort getauft zu werden, wo sonst Idole Fußball spielen.“

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