In Gießen ist der Prozess gegen die mutmaßlichen Betreiber des Drogen-Onlinehandels „Chemical Revolution“ fortgesetzt worden. Vor der Kongresshalle gab es eine erhöhte Polizeipräsenz.
+
In Gießen ist der Prozess gegen die mutmaßlichen Betreiber des Drogen-Onlinehandels „Chemical Revolution“ fortgesetzt worden. Vor der Kongresshalle gab es eine erhöhte Polizeipräsenz.

Deutschlands größter Onlineshop

Drogen per Mausklick: „Chemical Revolution“-Prozess in Gießen fortgesetzt

Mehrere Männer sollen hinter Deutschlands größtem Online-Versandhandel für Drogen stecken. In der Kongresshalle Gießen hat der Prozess gegen die mutmaßlichen Betreiber von „Chemical Revolution“ begonnen.

Update, 06.08.20, 17.20 Uhr: Sieben Männer sollen als Gruppe unter dem Namen »Chemical Revolution« im Dark- und im Internet Drogen verkauft und so rund 1 Million Euro erlangt haben. Am zweiten Verhandlungstag in Gießen standen taktische Spielchen und Aussagen von zwei Angeklagten im Mittelpunkt.

Große Gerichtsverfahren haben ihre Eigenheiten. Auch im Prozess gegen die mutmaßlichen Köpfe von »Chemical Revolution« – Deutschlands größtem Onlineversandhandel für Drogen – vor dem Landgericht Gießen starteten die Frankfurter Strafverteidiger des Hauptangeklagten den zweiten Tag mit immer neuen scharf formulierten Anträgen. Damit brachten die den geplanten Tagesablauf durcheinander.

Es ging darum, dass der 27 Jahre alte Deutsche, der zuletzt auf Mallorca gelebt hatte, während des Prozesses in der Kongresshalle keinen eigenen Laptop zur Einsicht in die Akten zu Verfügung hat. Dies soll ihrem Mandanten jedoch gewährt werden, sagten die Anwälte. Das Gericht wies den Antrag zurück, weil der Angeklagte mehrmals in der Woche im Gefängnis die Akten digital einsehen kann.

„Chemical Revolution“-Prozess in Gießen: Die Zeit nach dem Urteil im Blick

Solche juristischen Spielchen sind in großen Prozessen üblich und haben vor allem mit der Zeit nach dem Urteil zu tun: Es ist ein Revisionsgrund, wenn Anwälte aufzeigen können, dass die Verteidigung ihres Mandanten durch das Gericht erschwert worden ist. Konsequent wäre es gewesen, hätten die Verteidiger des Hauptangeklagten nach der Ablehnung durch Richter Dr. Klaus Bergmann einen Befangenheitsantrag gegen das Gericht gestellt. Darauf verzichteten Nils Joschka Dick und Till Gutsche jedoch – vorerst.

Erst nach der Mittagspause konnte die Neunte Strafkammer inhaltlich vorankommen. Die Richter setzten die Befragung eines 30 Jahre alten Deutschen vom ersten Verhandlungstag fort. Dieser war innerhalb der Gruppe für die Anmietung von Bunkern in Ferienhäusern – unter anderem in Ortenberg in der Wetterau –, für die Lagerung der Drogen, ihren Versand und die Kundenbetreuung zuständig. Ausgebildet als Tierwirt, habe er später Pakete ausgefahren, erzählt der Angeklagte. Zuvor habe er ein Jahr lang seinen Führerschein entzogen bekommen. »Mein Punktekonto war voll«, sagte er mit einem Schulterzucken, »ich war ein Verkehrsrowdy.« Auf die kleinkriminelle Bahn sei er geraten, weil er einen Unfall mit einem nicht versicherten Auto hatte – und so vor Schulden in Höhe von 10 000 Euro gestanden habe. Deshalb fing er unter anderem als Paketfahrer elektronische Artikel ab und verkaufte sie. Auf die Frage, ob er während seiner Tätigkeit als Lagerist und Verschicker von Drogen Betäubungsmittel konsumiert habe, schüttelt der bleiche 30-Jährige den Kopf: »Niemals«, sagt er, »natürlich habe ich nicht probiert.«

„Chemical Revolution“-Prozess in Gießen: Deutsch-Pole warnte vor Polizeikontrollen

Ein ebenfalls angeklagter 36-jähriger Deutsch-Pole verneinte, eine tragende Säule von »Chemical Revolution« gewesen zu sein. Über seinen Gießener Strafverteidiger Alexander Hauer* ließ er eine Erklärung vorlesen. Darin gab er zu, dass er an dem Transport von Drogen aus den Niederlanden nach Deutschland beteiligt gewesen sei. Er sei bei mehreren Lieferungen vorausgefahren, um den eigentlichen Kurier vor Polizeikontrollen zu warnen. Gewusst habe er über die Art und Menge der Betäubungsmittel aber nichts.

Ansonsten war der Angeklagte bemüht, auf seine stabilen Lebensverhältnisse hinzuweisen: Geboren in Polen, dann adoptiert, ein unterhaltspflichtiges Kind sowie eine Stieftochter mit seiner Verlobten, mit denen er gemeinsam in Brandenburg lebt. Der gelernte Lastwagenfahrer war zwischenzeitlich als Dolmetscher und freier Mitarbeiter auf Berliner Baustellen unterwegs, bevor er für die Gruppe bei den Drogentransporten beteiligt war. Mittlerweile liegt dem Deutsch-Polen ein – legales – Jobangebot vor.

Der Prozess wird fortgesetzt.

Mehrere Männer sollen hinter Deutschlands größtem Online-Versandhandel für Drogen stecken: „Chemical Revolution“. In Gießen hat am Mittwoch der Prozess begonnen.

„Chemical Revolution“-Prozess in Gießen: Prozessauftakt in Gießener Kongresshalle

Update, 06.08.20, 09.08 Uhr: Sie sollen Deutschlands größten Versandhandel für Drogen aufgebaut haben, und ihr illegales Geschäft soll zwischen Ende 2017 und Anfang 2019 ordentlich gebrummt haben: Monatlich sollen sie für die Lieferung von Drogen an ihre Kunden über 100 000 Euro verdient haben. Für die Bestellung waren nur wenige Mausklicks im öffentlich zugänglichen Internet sowie im Darknet nötig. Ab Anfang 2018 jedoch war ihnen das Bundeskriminalamt und die früher in Gießen und nun in Frankfurt ansässige Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität auf den Fersen. Mit Erfolg: Am Mittwoch begann in Gießen der Prozess gegen elf Männer, die dieser Gruppe zugeordnet werden; darunter auch die mutmaßlichen Köpfe von »Chemical Revolution«. Wegen der vielen Verfahrensbeteiligten und den Corona-Vorgaben findet die Verhandlung in der Kongresshalle statt.

Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wirft den Männern bandenmäßigen unerlaubten Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vor. Es geht um 130 Kilo Amphetamin, 42 Kilo Cannabis, 17 Kilo kristallines MDMA (Ecstasy), sechs Kilo Kokain, ein Kilo Heroin und neue psychoaktive Stoffe. Die Männer sollen innerhalb von etwa eineinhalb Jahren umgerechnet 1 Million Euro in Form der Kryptowährung Bitcoin erlangt haben. 

„Chemical Revolution“-Prozess in Gießen: 27-Jähriger soll Onlineshop aufgebaut haben

Hinter »Chemical Revolution« soll vor allem ein 27 Jahre alter Deutscher stecken, der zuletzt auf Mallorca lebte. Er soll den Onlineshop aufgebaut und diesen mit weiteren Angeklagten in unterschiedlicher Besetzung betrieben haben. Er konnte filmreif festgenommen werden, als er seinen Pass in Deutschland verlängern lassen wollte, so sicher hatte er sich gefühlt. Vor Gericht präsentiert sich der sportliche Mann mit Jackett locker und selbstbewusst. Seiner Verlobten auf der Tribüne wirft er einen Handkuss zu. Dass er auch anders kann, zeigte er im Umgang mit den ihn bewachenden Polizisten. Sie ging er verbal wegen des Gangs auf die Toilette oder des Kontakts zu seiner Verlobten in der Pause an.

Der Prozess gegen die mutmaßlichen Betreiber von Deutschlands größtem Drogen-Onlineshop „Chemical Revolution“ findet in der Kongresshalle in Gießen statt.

Ebenfalls angeklagt ist ein 36 Jahre alter Niederländer, der die Drogen beschafft haben soll. Vor Gericht stehen außerdem ein 29 Jahre alter Niederländer und ein 36-jähriger Deutscher, die den Transport aus dem Nachbarland nach Deutschland sowie den Weiterverkauf organisiert haben sollen. Die Einfuhr haben nach Ansicht der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt zwei Polen im Alter von 33 und 44 Jahren übernommen haben. Diese kriminelle Zusammenarbeit hat viele Grenzen überwunden.

„Chemical Revolution“-Prozess in Gießen: Ferienwohnung in der Wetterau gemietet

Am ersten Verhandlungstag machte ein weiterer Angeklagter Angaben zur Sache: Der 30 Jahre alte Deutsche sagte, er sei von Anfang an mit im Boot gewesen, als es um den Aufbau des Versandhandels gegangen sei. Ein ihm namentlich nicht bekannter Mann habe ihn über verschlüsselte Kanäle gefragt, ob er bei einem Dogenversandhandel mitmachen will. Der gelernte Tierwirt war bisher mit kleinkriminellen Betrügereien aufgefallen und wurde mit Haftbefehl gesucht. Der schüchtern wirkende Mann mit Halbglatze stimmte zu, weil er damals keine Alternative gesehen habe. Er habe dann Ferienwohnungen in Hannover, Bad Essen, Goslar und in Ortenberg in der Wetterau sowie eine Garage in Braunschweig angemietet. Dort habe er die Drogen dann gelagert, nach einer Bestellung für den Versand vorbereitet und als Paket verschickt. Außerdem sei er für die »Kundenbetreuung« zuständig gewesen.

Der Kopf der Gruppe – er soll sich »Joko« genannt haben – habe 300 000 Euro in den Aufbau von »Chemical Revolution« gesteckt. Sobald die Plattform Gewinn machen sollte, sollten auch die übrigen Partner beteiligt werden. Woher dieses Geld stammt, wollte Richter Dr. Klaus Bergmann wissen. »Vermutlich aus anderen Betrugssachen«, sagte der 30 Jahre alte Angeklagte. Zum Beispiel über Betrug mit Hilfe von gefälschten Immobilienanzeigen für Ferienwohnungen in Spanien oder Italien: »Ein ganz alter Trick.«​

„Chemical Revolution“-Prozess in Gießen: Angeklagte kündigen Aussagen an

Update, 05.08.20, 15.27 Uhr: Mehr als ein Jahr nach der Zerschlagung des deutschlandweit größten Drogen-Onlineshops hat in Gießen heute der Prozess gegen mehrere mutmaßliche Hintermänner begonnen. Zu Beginn des Prozesses vor dem Landgericht Gießen kündigten die meisten Angeklagten Aussagen an.

Die Anklage geht von 320 Taten aus. Der Vorwurf lautet insbesondere auf «bandenmäßiges unerlaubtes Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge». Die insgesamt elfköpfige Gruppe, mit Mitgliedern deutscher, polnischer, niederländischer und türkischer Staatsangehörigkeit, soll unter anderem mit rund 130 Kilo Amphetamin, 42 Kilo Cannabis sowie mit Ecstasy, Kokain und Heroin gehandelt haben. Die Angeklagten sollen mit dem Shop etwa eine Million Euro in Form der Kryptowährung Bitcoin eingenommen haben - damit bezahlten die Kunden die Ware. Tatorte waren demnach unter anderem in Hessen, Niedersachsen und Hamburg.

„Chemical Revolution“-Prozess in Gießen: Mutmaßlicher Chef bei Einreise nach Deutschland festgenommen

Die Männer im Alter von 28 bis 45 Jahren übernahmen der Anklage zufolge unterschiedliche Funktionen und waren etwa als Kuriere tätig. Als mutmaßlicher Initiator und Chef gilt ein 28-Jähriger aus dem Landkreis München, der zuletzt auf Mallorca lebte. Er wurde im Mai 2019 bei seiner Einreise nach Deutschland festgenommen und danach der Shop abgeschaltet. Die Ermittler sprachen damals vom bundesweit größten Drogen-Onlineshop - bei dem es ähnlich wie bei legalen Internetshops sogar Mengenrabatt und Kundenkommentare zur Qualität gegeben haben soll.

An Händen und Füßen gefesselt ist einer der Hauptangeklagten, den bewaffnete Polizisten in die zu einem Gerichtssaal umfunktionierte Kongresshalle in Gießen bringen. Unter dem Namen „Chemical Revolution“ soll der Mann gemeinsam mit seinen Mitangeklagten massenweise Drogen aus den Niederlanden beschafft und im Darknet sowie im öffentlichen Bereich des Internet verkauft haben.

Während der Hauptangeklagte vorerst keine Aussage machen wollte, räumte ein 30-Jähriger am Mittwoch ein, für den Versand der Betäubungsmittel zuständig gewesen zu sein. Er sei im Internet angesprochen worden, ob er nicht bei einem Drogen-Shop mitmachen wolle. Er habe damals keine Alternative gehabt und zugestimmt, erzählte der Mann mit Blick auf verlorene Jobs und laufende Strafverfahren unter anderem wegen Betrügereien. «Dann gingen die Bestellungen los und ich habe meine Arbeit verrichtet.» Drogen übernehmen, verpacken, versenden - «das war mein Tagesablauf».

Ein Tatort soll Ortenberg im Wetteraukreis gewesen sein, der im Zuständigkeitsbereich des Gießener Landgerichts liegt - ein Grund dafür, dass hier verhandelt wird. Der Vorsitzende Richter kündigte an, dass es im Prozess auch um die Frage gehen wird, ob es sich angesichts der Struktur der Gruppe wirklich um eine Bande handelte. Das Urteil wird im November erwartet.

„Chemical Revolution“-Prozess in Gießen: Anklage listet 320 Taten auf

Erstmeldung, 05.08.20, 11.30 Uhr: Vor dem Landgericht Gießen hat am Mittwoch der Prozess gegen mehrere mutmaßliche Hintermänner des deutschlandweit größten aufgeflogenen Drogen-Onlineshops begonnen. Die sieben Angeklagten sollen in unterschiedlicher Beteiligung die Plattform „Chemical Revolution“ zwischen September 2017 und Februar 2019 im Internet sowie im Darknet betrieben haben. Die Anklage listet insgesamt 320 Taten auf. Vor Gericht sollen zunächst nur neun Fälle verhandelt werden: Es gehe um die ersten Handlungen und den Aufbau des Shops, sagte eine Sprecherin der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt.

Während der gut eineinhalb Jahren, die der Shop bestand, soll die internationale Bande unter anderem mit kiloweise Amphetamin, Cannabis, Ecstasy und Kokain gehandelt und dadurch etwa eine Million Euro in Form der Kryptowährung Bitcoin eingenommen haben.

Die Drogen wurden laut Anklage in den Niederlanden beschafft, dann an verschiedenen Orten in Deutschland, darunter Hessen, gebunkert und weiterverkauft. Als Kopf der Gruppe gilt ein Mann aus dem Landkreis München mit letztem Wohnsitz auf Mallorca. Er wurde im Mai 2019 festgenommen und danach der Shop abgeschaltet. Insgesamt gibt es elf Angeklagte mit deutscher, polnischer, niederländischer und türkischer Staatsangehörigkeit. Gegen die anderen Männer wird aber zu einem späteren Zeitpunkt verhandelt. Der Prozess vor dem Landgericht läuft voraussichtlich bis November - wegen der Corona-Abstandsregeln in der Gießener Kongresshalle.

Auch der Gießener Anwalt Alexander Hauer* ist bei dem Prozess mit dabei. Er ist der Mann für spektakuläre Fälle. *giessener-allgemein.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Von Kays Al-Khanak und DPA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare