Mehrere Männer sollen hinter Deutschlands größtem Online-Versandhandel für Drogen stecken: „Chemical Revolution“. In Gießen läuft der Prozess.
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Mehrere Männer sollen hinter Deutschlands größtem Online-Versandhandel für Drogen stecken: „Chemical Revolution“. In Gießen läuft der Prozess.

Landgericht

Drogen-Prozess in Gießen fortgesetzt: So haben Ermittler „Chemical Revolution“ entdeckt

Wer heute krumme Dinger drehen will, braucht nur einen internetfähigen Computer. So beginnt auch die Geschichte vom bundesweit größten Onlineversandhandel für Drogen, „Chemical Revolution“. Nun erklärte ein Ermittler im Prozess vorm Landgericht Gießen, wie er auf die Gruppe gestoßen ist.

  • Prozess gegen Köpfe von „Chemical Revolution“ in Gießen fortgesetzt
  • Sieben mutmaßliche Gruppenmitglieder vor Gericht
  • So stießen Ermittler des BKA auf den bundesweit größten Onlineversandhandel für Drogen

Es ist ziemlich einfach, mal eben im Internet zu recherchieren, wer vor fast 300 Jahren den Siebenjährigen Krieg vom Zaun gebrochen hat. Nur wenig schwerer scheint es zu sein, sich im weltweiten Netz für geplante kriminelle Handlungen Tipps zu holen. Auch die Köpfe hinter Chemical Revolution, Deutschlands größtem Onlineversandhandel für Drogen, haben hier agiert. Und das ist ihnen zum Verhängnis geworden. Denn ein Sachbearbeiter des Bundeskriminalamts (BKA) stieß bei einer Routinerecherche auf das »Amazon« für Betäubungsmittel. Am dritten Prozesstag des Verfahrens in der Gießener Kongresshalle gegen sieben mutmaßliche Gruppenmitglieder stand die Befragung des BKA-Ermittlers im Mittelpunkt.​

In der ersten Januarwoche 2018 hatte der heute 25 Jahre alte Bundeskriminaloberkommissar die Internetauftritte von Chemical Revolution gefunden. Er ist Teil einer Ermittlungsgruppe, die dem Rauschgifthandel im Internet auf der Spur ist. Der Beamte hatte den richtigen Riecher: Ihm fiel auf, dass unter dem Namen Chemical Revolution im frei zugänglichen Internet sowie im Darknet große Mengen an Drogen angeboten wurden. Das Darknet ist ein abgeschirmter Bereich im Netz, den Nutzer mit handelsüblichen Suchmaschinen nicht besuchen können. Sie benötigen dazu einen bestimmten Browser und konkrete Adressen für den Zugang.

Drogen-Prozess „Chemical Revolution“ in Gießen fortgesetzt:

Dieser »dunkle« Ort des Internets hat einen zwiespältigen Ruf. Auf der einen Seite können sich hier Oppositionelle ohne Sorge vor Repressionen durch diktatorische Staaten austauschen, informieren und organisieren. Auf der anderen Seite ist es ein Tummelplatz für Kriminelle: Von Waffenverkäufen über Kinderpornografie bis hin zu Drogenhandel. Dazu gibt es Plätze wie Wall Street Market, Fraudsters (Deutsch: Betrüger) oder Crime Network. Hier können sich Nutzer über kriminelle Geschäfte austauschen sowie mit illegalen Waren handeln. Und hier waren auch die Köpfe von Chemical Revolution präsent.

Die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt wirft den sieben Männern zwischen 25 und 44 Jahren vor, bandenmäßig unerlaubt mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge gehandelt zu haben. Es geht um 130 Kilo Amphetamin, 42 Kilo Cannabis, 17 Kilo kristallines MDMA (Ecstasy), sechs Kilo Kokain, ein Kilo Heroin und neue psychoaktive Stoffe. Die Drogen sollen über Kuriere von Holland aus nach Deutschland transportiert worden sein. »Kunden« von Chemical Revolution konnten die Betäubungsmittel auf den einschlägigen Seiten bestellen und bekamen sie per Post geliefert. 50 bis 60 Bestellungen am Tag sollen später eingegangen sein. Die Angeklagten sind deutsche, niederländische und polnische Staatsbürger. Sie sollen zwischen 2017 und 2019 umgerechnet 1 Million Euro in Form der Kryptowährung Bitcoin erlangt haben.

Drogen-Prozess „Chemical Revolution“ in Gießen fortgesetzt:

Es ist bei überraschenden Wendungen von Ermittlungen immer wieder vom Kommissar Zufall die Rede; und auch in diesem Verfahren spielt dieser ominöse Kollege eine große Rolle. Denn Ende Januar 2018 nahm die Polizei in Brandenburg einen Mann fest, der mit zwei Haftbefehlen wegen Betrugs gesucht wurde. Er soll als Paketfahrer elektronische Waren abgefangen und verkauft haben. In einem filmreifen Szenario wurde der heute 30 Jahre alte Deutsche erst observiert, dann auf der Autobahn 10 in Brandenburg von Zivilfahndern und Polizisten in Uniform gestellt und verhaftet. Nur: Zu diesem Zeitpunkt war vom Drogenhandel in großem Stil noch gar keine Rede. Dementsprechend durchsuchten die Polizisten auch das mit Drogen präparierte Auto des Mannes nicht. In der ersten Nacht seiner Inhaftierung hatte der Mann jedoch nach eigenen Angaben einen »Nervenzusammenbruch«. In der Hoffnung auf Hafterleichterung habe er sich schließlich den Ermittlern geöffnet. Als der Hauptangeklagte, ein 27 Jahre alter, zuletzt auf Mallorca lebender Deutscher dies hört, schüttelt er verärgert den Kopf.

So erfuhren die von ihren Brandenburger Kollegen informierten Ermittler des BKA von mehreren Ferienwohnungen. Dort hat der 30 Jahre Mann für die Gruppe Drogen gelagert, verpackt und verschickt. Bei der Durchsuchung einer der Ferienwohnungen in Ortenberg in der Wetterau fanden die Ermittler große Drogenmengen: unter anderem über 15 Kilo Amphetamin sowie fast sechs Kilo Marihuana. Außerdem stießen sie auf diverse Utensilien wie Luftpolster, Versandtaschen, Briefmarken oder ein Laminiergerät, die der 30 Jahre alte Angeklagte für das Verpacken und den Versand der Waren nutzte. Der BKA-Beamte sprach in diesem Zusammenhang von einer »professionellen« Ausrüstung.

Nach der Festnahme des 30 Jahre alten Deutschen nahmen die Onlinedrogenhändler »Chemical Revolution« vom Netz, nur um das Portal wenig später in zum Teil neuer Besetzung zu reaktivieren. Aber nicht lange: Als der mutmaßliche Kopf von Chemical Revolution von Spanien nach Deutschland reiste, um seinen Reisepass zu verlängern, klickten die Handschellen – und Chemical Revolution war endgültige Geschichte.

Von Kays Al-Khanak

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