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Immer mehr Frühgeburten in Hessen

Frühgeburten 

Hessen: Immer mehr Kinder werden zu früh geboren 

Die Zahl der zu früh geborenen Kinder steigt. In Hessen werden sie an mehr als zehn Klinikstandorten betreut. Wichtiger Teil der Therapie: die Eltern.

Gießen  - Der kleine Till bekommt nach dem Baden einen frischen Strampler angezogen. Seine Mutter macht das mit ruhigen Handgriffen, während ihr eine Krankenschwester nicht von der Seite weicht. Denn Till kam als 500 Gramm leichtes Frühchen zur Welt und wächst nun Tag für Tag seiner Entlassung aus dem Gießener Universitätsklinikum (UKGM) entgegen.

Frühgeburten: Körperkontakt ist wichtig

"Wir wissen heute: Wenn die Eltern da sind, dann entwickeln sich die Kinder besser", sagt Harald Ehrhardt, der Leitende Oberarzt der Neonatologie und pädiatrischen Intensivmedizin an dem mittelhessischen Krankenhaus. "Eltern können sehr viel für ihr Kind tun." Vor allem, ihre Babys immer wieder berühren. "Körperkontakt zu den Eltern ist extrem wichtig. Das stärkt ihre Kinder.

Hessen: Zahl der Frühgeborenen steigt

" Die Zahl der Frühgeborenen steigt, auch in Hessen. 2017 kamen hier 327 Neugeborene mit extrem niedrigem Geburtsgewicht zur Welt, 2016 waren es 291. Im Jahr 2012 zählte das Statistische Landesamt 207 Kinder. "Wir gehen davon aus, dass die Frühgeborenen-Rate weiter steigen wird", sagt Ehrhardt. Zu den Gründen zählt demnach nur zu einem Teil der medizinische Fortschritt. Vielmehr hänge die Entwicklung zusammen mit bestimmten Risikofaktoren wie vermehrte späte Schwangerschaften, Nikotin, Übergewicht oder reproduktionsmedizinische Maßnahmen, bei denen auch häufiger Mehrlinge zur Welt kommen.

In Hessen werden zu früh geborene Kinder in Frühchen-Stationen betreut

Landesweit gibt es laut der Hessischen Krankenhausgesellschaft 14 Frühchen-Stationen mit 138 Intensivbetten. Gießen ist ein "Level-I"-Zentrum der höchsten Versorgungsstufe. Das bedeutet, dass hier alle Babys betreut werden können, egal wie leicht oder früh sie zur Welt kommen. Andere Krankenhäuser dürfen das beispielsweise erst ab einem Geburtsgewicht von über 1250 Gramm. An den Kliniken mit Maximalversorgung kommt es vor, dass bereits winzige, 300 Gramm leichte Babys in den Brutkästen liegen. "Aber das ist kein Sport", sagt Ehrhardt. "Es geht nicht um immer leichter, immer früher, sondern: Wie geht es den Kindern und wie geht es ihnen langfristig?"

Komplikationen bei Frühgeburten

Zu den typischen Komplikationen, die bei der Behandlung von sehr früh geborenen Kindern auftreten können, gehören Hirnblutungen, Augenveränderungen, Darmentzündungen oder Lungenprobleme. Sie haben auch ein höheres Risiko als andere Kinder, später körperliche oder psychologische Probleme zu entwickeln. Die Neonatologie, also die Neugeborenenmedizin, hat sich in den vergangenen Jahren aber stetig weiterentwickelt: In Mitteleuropa gebe es weltweit mit die niedrigste Sterblickkeits- und Krankheitsrate bei sehr unreif geborenen Babys, sagt Frank Jochum vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte.

Veränderungen der Therapiemöglichkeiten

Auch die Therapie hat sich verändert. "In den 80er Jahren hat man noch ganz anders gedacht und in vielen Feldern fast eine 180-Grad-Wendung vollzogen", sagt Jochum, der auch Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am evangelischen Waldkrankenhaus Spandau ist. "Heutzutage erreicht man niedrigere Komplikationsraten, indem man viel mehr auf die Möglichkeiten der Kinder individuell eingeht." Früher habe man beispielsweise gedacht, Frühchen sollten möglichst gar nichts selber machen und lieber beatmet werden. "Heute ist es umgekehrt: Man weiß, man verringert die Komplikationen, wenn die Kinder von Anfang an möglichst selber atmen." Natürlich müssten Intensivmaßnahme vorgehalten werden, aber diese würden nun differenzierter eingesetzt. Nach der Entlassung sei zudem eine gute Förderung der Kinder wichtig - das zeigten Langzeitstudien.

Eltern sollten in Abläufe integriert werden und ein bisschen Normalität muss sein

Der kleine Till wiegt mittlerweile zwei Kilogramm. Er räkelt sich wie andere Babys auch. Doch mehrere Drähte verschwinden unter seinem Strampler und ein Schlauch pustet Sauerstoff in sein Näschen, um ihm das Atmen zu erleichtern. Er wird rund um die Uhr bewacht und betreut. Mama und Papa dürfen, Schritt für Schritt angeleitet durchs Personal, bei der Versorgung helfen. "Die Eltern sollen sich in die Abläufe integrieren können", sagt Oberarzt Harald Ehrhardt. Tills Mutter kommt täglich zu ihrem Sohn - wann sie möchte und wie lange sie möchte. Dass es keine festen Besuchszeiten gibt, findet sie gut. So könne sie die Krankenhausbesuche in ihren Familienalltag integrieren, sagt die 36-Jährige. Und es geht ja auch um das Miterleben der besonderen Momente: das erste Bad, das erste Fläschchen, ein bisschen Normalität zwischen den Inkubatoren (Brutkästen), Monitoren und leise piepsenden Überwachungsgeräten.

Auf der Station herrscht ruhige Atmosphäre

Laut ist es auf der Frühchenstation nicht. Das darf es auch nicht sein, denn ein hoher Geräuschpegel stresst die Babys. Eine Anzeige in Form eines Ohres hängt in jedem Zimmer. Steht sie auf grün so wie jetzt, ist alles in Ordnung. Das Licht ist ebenfalls gedämpft, auch das ist gut für die Kleinen.

Hessen-Gießen: 3-4 Monate bleiben Frühchen im Uni-Klinikum

Am Gießener Uni-Klinikum werden jedes Jahr im Schnitt 100 Kinder unter 1500 Gramm Geburtsgewicht betreut. Hinzu kommen Neugeborene, die wegen akuter gesundheitlicher Probleme intensivmedizinische Hilfe brauchen. Im Jahr 2017 zählte die Station insgesamt fast 1500 früh- und neugeborene Patienten. Die besonders früh geboren Babys bleiben je nach Entwicklung drei bis vier Monate. Während dieser Zeit werden sie von den hinteren Räumen - der abgedunkelte, ruhigen Intensivstation - auf Zimmer weiter vorne verlegt. Sie kommen so Stück für Stück dem Ausgang näher.

Betreuung nach Entlassung ist wichtig

"Mit der Entlassung endet Frühgeburt nicht", betont jedoch Mediziner Ehrhardt. "Die Sorgen und psychischen Belastungen sind dann nicht weg. Deswegen ist die Anschlussbetreuung so wichtig." Noch mindestens zwei Jahre sehen die Gießener Ärzte daher ihre Patienten bei Nachkontrollen. Und manchmal noch länger: Im Flur der Frühchenstation hängen Fotos von Kindern, wie sie im Garten toben oder ihren ersten Schultag verleben.

(dpa/lhe)

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