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Stadtführer Sascha André Mahl (rechts) kennt sich in Griesheim bestens aus, denn er wohnt selbst im Stadtteil.

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Griesheim: Viel schöner, als viele denken

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Griesheim blickt auf eine bald 1200-jährige Geschichte zurück und besticht mit eigenem Yachthafen. Aber dem Stadtteil hängt auch der Ruf der „Bronx von Frankfurt“ nach. Zu Unrecht, wie der Gästeführer Sascha André Mahl in seinen Touren zu veranschaulichen sucht.

Das Haus der Familie Stark in Alt-Griesheim, erbaut 1662, sagt viel aus über die traditionelle Bauweise: Zur Hauptstraße, heute „Alt-Griesheim“, hat es nach der Art der fränkischen Bauernhäuser nur eine schmale Front, um Steuern und Abgaben zu sparen. Doch nach hinten ist es mit Blick auf das Griesheimer Mainufer und den Yachthafen großzügig gebaut. „Nur vier Häuser aus jener Zeit gibt es in Griesheim noch“, sagt Gästeführer Sascha André Mahl. „Und dieses Haus steht noch aus Dankbarkeit der Familie, weil es den Krieg überstanden hat.“

Doch verglichen etwa mit Höchst kann Griesheim nicht mit einer geschlossenen jahrhundertealten Altstadt aufwarten, denn viele Häuser und die beiden Kirchen stammen erst aus dem späten 19. Jahrhundert. Umso stärker haben sich dafür die Wohnquartiere um die Ahornstraße ins öffentliche Bewusstsein eingebrannt: Jahrzehntelang sprach man sogar von einer „Frankfurter Bronx“. Ein Bild, das Gästeführer Sascha Mahl auf seinen Rundgängen zu entkräften sucht.

Zu Beginn gibt er einen Einblick in die frühmittelalterliche Geschichte des Dorfes: Um 850 wurde Griesheim als „Greozesheim“ zum ersten Mal urkundlich erwähnt. „Wie eine Perlschnur lagen die fränkischen Dörfer mit der Endung -heim rund um den Königshof in Frankfurt, um den König mit seinem bis zu 2000 Mann starken Gefolge zu versorgen“, erklärt Mahl. Der Ortsname könnte auf einen fränkischen Gefolgsmann „Greoz“ oder auf den feinen, grießförmigen Sand zurückgehen, der sich nach den Überschwemmungen des Mains ansammelte.

Eine Gedenktafel am Bahnhof erinnert an 1999: Dort kam es am 13. Februar dieses Jahres zu einem tödlichen Zusammenstoß zwischen einer fremden Jugendgruppe, die versehentlich die falsche S-Bahn genommen hatte, und einer Griesheimer Jugendgang. „Hier war das Revier der ,Griesheim Boys‘ und der ,Ahorn Tigers‘ aus problematischen türkischen Familien, die man in der Ahornstraße angesiedelt hatte“, erklärt Mahl, der selbst in Griesheim wohnt. In den Griff bekam man die Probleme über verschiedene Förderprogramme wie die „Soziale Stadt“.

In der Nähe des Bunkers und des Gemeindehauses der evangelischen Segensgemeinde zeigt Mahl, wo sich 1832 die Wachstuchfabrik von Nathan Trier ansiedelte. 1856 sollten die Chemischen Werke Griesheim folgen. Von 1895 bis 1905 stieg die Einwohnerzahl des Dörfchens auf 10 000 Menschen, man überlegte einen Zusammenschluss mit Nachbargemeinden – schließlich wurde 1928 die Eingemeindung nach Frankfurt beschlossen.

In seinem eigenen Wohnumfeld zeigt Mahl einen typischen Griesheimer Hinterhof mit Waschhaus, wie er um das Jahr 1900 typisch war. Mondäner mutet das Mainufer mit Yachten und der Autobahnbrücke der A 5 im Westen an, die 1935 eingeweiht worden war. Glanzvoll wirkt ein historisches Bild des DO-X-Flugboot, das vom 8. bis 15. Oktober 1932 am Mainufer wasserte und bis zu 25 000 Schaulustige anlockte. Dazu hatte Mahl im vergangenen Jahr ausgiebig geforscht (wir berichteten). Ein weiterer Meilenstein Griesheims war die 1929 bis 1932 errichtete Staustufe: „Schiffbarkeit, Flussregulierung, Wasserreinigung, Fischtreppe und Stromerzeugung sind wichtige Gründe für eine Staustufe“, stellt der Gästeführer fest.

Auf den Spuren einer verbliebenen Rathausmauer und der letzten frühneuzeitlichen Häuser geht es weiter über die Alte Falterstraße in Richtung der Segenskirche. „Falterstraße steht eigentlich für Falltorstraße, denn es sollte auch das viele freilaufende Vieh von den Feldern abhalten“, erläutert Mahl. Die 1865 eröffnete evangelische Segenskirche konnte mit Hilfe internationaler Spenden und einer großzügigen Zuwendung von Reichsgräfin Louise Wilhelmine von Bose verwirklicht werde, der Hausherrin im Hofgut Goldstein. Schließlich bildet ein Werbeplakat der Volksbank Griesheim die guten Geister für den Ruf Griesheims ab: Darunter ist auch die Designerin Linn Beeser, die Heidi Klum einkleidet – und offenbar in Russland oder China bekannter ist als hierzulande.

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