Gruß aus der Vergangenheit

Betreten der Bahnanlagen verboten“, warnt das Schild in etwas altmodischen Buchstabentypen und droht sogar mit dem betreffenden Paragrafen.

"Betreten der Bahnanlagen verboten“, warnt das Schild in etwas altmodischen Buchstabentypen und droht sogar mit dem betreffenden Paragrafen. Gehalten von dunkel korrodierten Schrauben wirkt es wie ein verrosteter Gruß aus der Vergangenheit. Bei eingehenderer Betrachtung stellt sich obendrein heraus: Den genannten Paragrafen gibt es seit drei Jahrzehnten nicht mehr. Genannt wird ein “§68 (1) BO Strab“, der Straßenbahnbetriebsordnung. Diese besteht allerdings seit 1988 nur noch aus 65 Paragrafen.

Doch nicht nur das zitierte Gesetz ist nicht mehr aktuell. Auch obiges Foto ist bereits Vergangenheit. Der U-Bahn-Betreiber Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) reagierte prompt auf die bis dato ergebnisoffene Anfrage dieser Zeitung nach einer Erklärung – und tauschte das alte gegen ein herkömmliches Verbotsschild. „Einfach so verschwinden wird dieses seltene Stück Frankfurter Verkehrsgeschichte nicht“, verspricht VGF-Sprecherin Ana Rakic, „es wird demnächst in unserem Verkehrsmuseum ausgestellt.“

Zwischen Artefakten wie Schlitzrohrfahrleitung und Schaffneruniform führt das alte Schild dann den Besuchern vor Augen, was manche Leute als „typisch deutsch“ bemäkeln, wenn Passanten „verdachtsunabhängig“ Paragrafen entgegen geschleudert bekommen. „Ich komm aus dem Land, (…) Wo an jeder Ecke ein Verbotsschild steht“ beschrieb Abwärts-Sänger Frank Ziegert weiland seine Heimat in dem Lied „Ich seh’ die Schiffe den Fluss herunter fahren“.

An der U-Bahn-Station Sandelmühle verschwindet indes eines der letzten Relikte aus ihrer Entstehungszeit. Als Ende 1971 die heutige Linie U2 nach Gonzenheim eröffnet wurde, war die Sandelmühle vorletzte Station vor der Stadtgrenze, da Kalbach und Nieder-Eschbach erst im Folgejahr eingemeindet wurden. Etliche Arbeiter des seinerzeit dort ansässigen Kupferwerks der Vereinigten Deutschen Metallwerke (VDM) stiegen hier ein und aus. Damals schrieb das Heddernheimer Werk jedoch bereits rote Zahlen, was in der Werksschließung 1982 gipfelte. Bis dahin war der Boden nach drei Jahrhunderten Metallverarbeitung am Ort so stark vergiftet mit Metallrückständen, dass er teils bis zu zehn Meter tief abgetragen werden musste, ehe hier Wohnhäuser entstehen konnten. Die toxische Erde ließ die Abraumhalde auf der anderen Seite der Gleise wiederum zu einem Berg ansteigen. Unter dicken Lehmschichten verrottet und verrostet hier ein ganz anderer „Gruß aus der Vergangenheit“.

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