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Den Fahrschein hat Helmut Kaleve (85) aus Eschhofen noch. Den bekam er 1951 direkt nach seiner Flucht über die deutsch-deutsche Grenze geschenkt, um seine Reise in die Freiheit fortsetzen zu können.

Biografie

Wie Helmut Kaleve von der DDR nach Limburg kam

Heinz Kaleve wollte immer für die Bahn arbeiten. In der DDR durfte er das nicht. Also verließ er im Alter von 18 Jahren die DDR, in dem er noch im Blaumann in Thüringen die deutsch-deutsche Grenze nach Niedersachsen überquerte und sein Glück als Lokführer in Limburg fand. Zum morgigen Tag der Deutschen Einheit hat er uns seine Geschichte aufgeschrieben.

Im Kanal unter einer Dampflok stand ich, um deren Bremsen nachzustellen. Da kam vom Personalbüro die Nachricht, ich müsse mich zu einen Termin auf der Reichsbahndirektion Erfurt einfinden. Seit einem halben Jahr in der Bremskolonne des Bahnbetriebswerks Erfurt G fühlte ich mich gut aufgehoben. Das sollte sich jedoch bald ändern. Zu acht Jungen unserer Dienststelle trafen wir uns in einem Raum in der Direktion. Mit zäher Ausdauer und dem nötigen Druck wurden wir alle zur Unterschrift eines Arbeitsvertrages mit der AG Wismut gedrängt. Das bedeutete für ein Jahr (meist blieb es nicht dabei) als Kumpel für die Sowjetunion im Erzgebirge die Pechblende auszubuddeln.

Mein Bruder Heinz, der solche Jahre schon hinter sich gebracht hatte, gab mir da ein Schlüsselerlebnis: Während eines Handballtrainings hustete er einen rotbraunen Klumpen auf den Ascheplatz. Für mich war damit die Entscheidung gefallen. Ich würde die Alternative nehmen: den deutsch-deutschen Staatenwechsel.

Mein letzter Arbeitstag als Lokomotivschlosser war auch mein letzter Tag in der DDR. Der 8. September 1951 war ein Samstag, und da wurde noch bis 12 Uhr gearbeitet. Meine Vorbereitung zum illegalen Grenzwechsel war simpel: Koffer oder Rucksack kamen nicht in Frage. Das wäre sofort aufgefallen. Also wurden Papiere, belegte Brote, eine Flasche Tee in die kleine Tasche gepackt. Schlosseranzug, Arbeitsschuhe und ein Napfkuchen kamen ins Einkaufsnetz. Lange und fest hielt Mutter mir die Hand. ,,Komm zurück Junge, wenn du keine Arbeit findest.“

Bald darauf saß ich im Zug Erfurt – Nordhausen. Dass ich an einem Bahnhof mit dem beziehungsreichen Namen „Glückauf “ vorbeikam, war mir völlig entgangen. Umsteigen in Wolkramshausen, dann stimmte die Richtung Westen. Die Fahrt ging durch Bleicherode, Leinefelde, Heiligenstadt.

Überraschend schnell war es dunkel geworden. Mein Magen fühlte sich flau an, und mein Puls stieg langsam, aber stetig. Schließlich erreichte ich die Endstation Arenshausen. Als würde ich dort jeden Tag aussteigen, verließ ich mit den Leuten den Bahnhof. Doch schon gleich unterlief mir ein Patzer! Ging ich doch über die Leinebrücke, obwohl ich die linke Seite des Flüsschens nehmen musste.

Unweit der Brücke lag die Station der Grenzpolizei. Dort saß ich im Vorjahr stundenlang mit anderen „Geschnappten“ im Keller. Über der Kellertür stand der Spruch: „Als Deutscher von Deutschen gefangen, weil von Deutschland nach Deutschland gegangen.“ Nein, dachte ich. Dieses Mal will ich nicht in den Keller. Dieses Mal ist es kein Besuch bei den Großeltern. Dieses Mal haue ich ab.

Auf der richtigen Fährte strebte ich energisch in die westliche Richtung. Im Vorjahr – ja, da war es noch einfach. Man brauchte nur den Trampelpfaden durch den hohen Weizen folgen, auch war mein Freund damals mit dabei. Doch plötzlich ein Hundebellen vor mir: Eiligst lief ich auf das geackerte Feld und legte mich flach auf die Erde. Dann schlug die Kirchenglocke von Kirchgandern zwölf Mal.

Nachdem ich abgewartet hatte und alles still blieb, lief ich wieder auf dem Feldweg. Doch aus heiterem Himmel hörte ich einen Hund an mir vorbeilaufen. Ich erstarrte! Noch heute ist es für mich unerklärlich, dass er mich nicht gewittert hatte.

Im kleinen Dörflein Niedergandern angelangt, sah ich Reklametafeln von Coca Cola und den Parteien KPD und SPD. Hocherfreut wusste ich, ich war im Westen angekommen! An einer Straßenkreuzung konnte ich in der Dunkelheit keine Richtungsschilder ablesen. Einen Taschenatlas hatte ich zwar dabei, aber eine Taschenlampe – Fehlanzeige. Was nun? Intuitiv nahm ich die richtige Richtung.

Schließlich erreichte ich den Bahnhof von Friedland. Entspannt und frohen Herzens legte ich mich auf die Sitzbank in der Bahnhofshalle.

Meine erste Begegnung am frühen Morgen hatte ich mit einem Bahner für die Bahnsteigsperre. Nachdem ich ihm meine Situation erklärt hatte, und da ich weder eine Fahrkarte noch Westgeld besaß, bot er mir eine tolle Starthilfe: ,,Ich kontrolliere, lass’ dich durch und was du dann machst, ist deine Sache“ sprach er. Kurz darauf saß ich im Zug nach Kassel.

Die Bahnwagen konnte man damals noch nicht durchgehend durchlaufen. So brauchte ich nur den Zugführer im Auge behalten. Als er in den Vorwagen einstieg, wechselte ich an der nächsten Haltestelle in diesen, denn der war ja schon kontrolliert.

Im Kasseler Hauptbahnhof angekommen, schmuggelte ich mich mit dem immer noch gleich aussehenden Bahnfreischein durch die Bahnsteigsperre. Der Versuch, meinen Fahrschein verlängert zu bekommen, scheiterte jedoch. Auch fand ich keine geöffnete Geldwechselstube, es war ja Sonntag.

Bei einer Terrine Suppe in der Bahnhofsmission bekam ich den prima Tipp, wo ich übernachten konnte. Vor dem Hauptbahnhof ging es in einen tiefen Keller. Ich bekam ein Bett zugewiesen.

Das war ein ganz schönes Getümmel dort unten: Heimkehrende Fremdenlegionäre erzählten ihre Erlebnisse, Bettler zählten und schichteten ihre Tageseinnahmen, und andere ärmliche Menschen dösten vor sich hin. Eine weiß gekleidete Frau bat mich in ein Zimmer, wo ich meinen Kragen öffnen musste. Das Antisepsis-Pulver rieselte mir bis zu den kleinen Zehen.

Neuer Tag – neue Hoffnung: Mit einem weiteren Bedürftigen ging es zur Autobahn. Nach langem Warten wurde ich schließlich per Anhalter mitgenommen. In Essen bei Tante und Onkel angekommen, war die Überraschung natürlich groß.

Nach einer Passwarteschleife bin ich dann doch noch notgedrungen im Bergbau gelandet. Angelegt wurde ich auf der Hertener Zeche Ewald I/II. Nach 15 Monaten als Schlepper und 22 Monaten als Gedingeschlepper (Leistungslöhner im Bergbau) wechselte ich wieder zur Bahn. ,,Glückauf!“

***

Im Ruhrgebiet sei er zunächst nur „Bergmann aus Verlegenheit“ geworden, sagte Helmut Kaleve gestern im Gespräch mit dieser Zeitung. Er habe sich dann entschlossen, sich zum Schweißer weiterzubilden und zufällig eine Stellenausschreibung bei der Bahn entdeckt. Dort ließ er sich zum Lokführer ausbilden und 1961 nach Limburg versetzen, wo er auf den Strecken nach Frankfurt, Gießen, Koblenz und Wiesbaden eingesetzt wurde.

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