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Als es noch keine Klettverschlüsse gab …

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ualoka_schnur_kh_100322_4c © Andreas Romahn

Grävenwiesbach . Vor 50 Jahren entstand im Zuge der Gebietsreform der Hochtaunuskreis. Und in der neuen Großgemeinde Grävenwiesbach, in der Gartenstraße 22, wo heute die Kindertagesstätte »Villa Kunterbunt« steht, öffnete der erste Kindergarten. Wie war das damals? Was gibt es heute noch, was war anders? Die Zeitung blickt in einer kleinen Serie auf den Kita-Alltag vor 50 Jahren.

75 Kinder der Jahrgänge 1966, 1967 und 1968 wurden ab dem 1. Februar 1972 in drei Gruppen von den Kindergärtnerinnen Gudrun Fuchs, Adelheid Bonne, Eva-Maria Lehr und Betreuerin Hannelore Bullmann in dem eingeschossigen roten Backsteinbau neben dem Wiesbach betreut. Von 8 bis 12 und von 13.30 bis 16.30 Uhr wurde nicht nur mit Puppen und Eisenbahn gespielt - es gab auch ein erstes Pädagogik-Programm zur Vorbereitung auf die Schule.

Farbkenntnisse: Sind vorhanden

So begannen die Erzieherinnen Mitte Februar mit der Überprüfung von »Logischen Blöcken«, Mengenbegriffen und Farbkenntnissen. »Sind vorhanden«, lautete der positive Bescheid des Kindergarten-Tagebuchs vom 18. Februar 1972. Am selben Tag standen »Schuhsohlen mit Schnürsenkeln« auf dem Programm. Die stellvertretende Kita-Leiterin Katja Hammel erinnert sich lachend: »Die gibt es heute noch.« Schuhe zubinden will eben gelernt sein. In der Regel können das nur die Vorschulkinder oder auch jüngere Kinder, die bereits motorisch fit sind. Wer gerade von den älteren Semestern erinnert sich nicht an diese besondere Herausforderung in einer Zeit, da der Klettverschluss noch nicht in Mode war? Schuhebinden kam gleich nach dem Fahrradfahren.

Katja Hammel erläutert die Veränderungen im pädagogischen Konzept in den vergangenen 50 Jahren: »Heute müssen die Kinder nicht mehr Aufgaben stupide lernen, sondern sie werden durch Projektarbeit motiviert, etwas selbst auszuprobieren, Probleme zu lösen und so Dinge zu lernen.« So erfolgt das Vermitteln von Farbkenntnissen nicht durch Abfragen, sondern zum Beispiel durch Sortieren verschiedenfarbiger Gegenstände in blaue, gelbe, grüne und rote Körbe: »Hol mir bitte einen grünen Stift und einen gelben Ball.« Im Übrigen vermittele der Spaziergang in der Natur die beste Farbenlehre.

Mengenbegriffe lernen die Vorschulkinder heute im »Zahlenland«. Da werden Häuser gebaut mit einem Dach und einem Schornstein, aber darin sind vier Betten für vier Bewohner.

Februar 1972: Wachskratztechnik

In der Woche vom 21. bis 25. Februar 1972 lernten die jüngsten Grävenwiesbacher Kindergartenkinder die »Wachskratztechnik« kennen, während die Vorschulkinder geometrische Formen vertieften. In der Kita »Villa Kunterbunt gehört die »Wachskratztechnik« immer noch zum festen Repertoire und wird von allen Altersgruppen verwendet. Zum Jahresende 2021 wurde zum Thema Silvester ein Feuerwerk gekratzt.

Wachsmalstifte sind immer noch sehr beliebt und der Renner, wenn es gilt, künstlerisch ausdrucksstark zu sein. Für die Verwendung gibt es heute keinen Jahresplan, sondern sie erfolgt am Kind orientiert sowie an den Wünschen der Gruppe. Auch geometrische Formen erlernen die Kinder im »Zahlenland«. Denn das Dach ist dreieckig, die Tür viereckig und der Tisch quadratisch. Auch hier ist der tägliche Spaziergang bestes Lehrmaterial, weil das Vorfahrtschild anders aussieht als ein Parkverbots- oder Zebrastreifenschild.

Bewegung an der frischen Luft hilft auch für das Einüben von rechts und links: Das wird heutzutage ganz praktisch beim Überqueren der Straße oder bei Hüpfspielen mit dem linken oder rechten Bein einstudiert. Am 3. März 1972 wurden laut Kita-Tagebuch zur Unterscheidung von links und rechts bunte Armbändchen gebastelt.

Schließlich betrieben die Kinder schon 1972 Umweltschutz, als sie Anfang März »Fernrohre« aus Klopapierrollen und Männchen aus Wellpappe bastelten. Heute werden in der Kita nicht nur Klopapierrollen zum Basteln wieder verwendet, sondern die Kinder lernen auch die Müllvermeidung. Und die ist ja selbst für manche Erwachsene ein Buch mit sieben Siegeln.

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ualoka_sohle2_kh_090322_4c_1 © Andreas Romahn

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