Reiner Harscher

Wo aus alten Olivenstämmen ein Kunstwerk wird

Der Seulberger Fotograf und Weltreisende Reiner Harscher zeigt die Schönheit ferner Länder. Zu Hause bürstet er rohe Bretter und verwandelt sie mittels Drucktechnik in Tafelbilder.

Ein Mann zieht, gefolgt von vier Kamelen, durch die Sahara. Die Abendsonne hat die Dünen in warmes Licht getaucht. Der Seulberger Fotograf Reiner Harscher (59) hat die stimmungsvolle Szene in Marokko aufgenommen – und dann den Himmel entfernt. Die Maserung einer Olivenholz-Tafel ersetzt das Firmament. Denn das aufwendig bearbeitete Foto ist auf ebenso aufwendig bearbeitetes Holz gedruckt. Die Baumrinde wird am oberen und unteren Rand zum Rahmen. An der Wand wirkt das Bild lebendig, fast dreidimensional. Denn die Tafel hat sich nach dem Druckvorgang gewölbt.

„Das ist typisch für Olivenholz“, erklärt der Künstler und Weltreisende, der vor allem für seine Multivisions-Shows mit spektakulären Bildern aus der ganzen Welt bekannt ist. Er zeigt nicht nur Menschen, Tiere und Landschaften aus fernen Ländern, er erzählt dazu auch Geschichten und lässt den Zuschauer die Situation nachfühlen, in der ein Bild entstanden ist.

Für seine Fotos, die er auf der Kinoleinwand zeigt gilt das genauso, wie für die Bilder auf den Holztafeln. Schon allein wie er die Bilder aufs Holz bekommt, ist eine Sache für sich. „Das Olivenholz ist lebendig und schwer zu beherrschen. Es bleibt auch immer ein bisschen ölig und fühlt sich seidig an“, sagt er.

Erst seit wenigen Monaten druckt er ausgesuchte Fotos auf Olive. Bis dahin hatten ihm Eichentafeln als Träger für seine Bilder gedient. 2015 hat er damit angefangen und zunächst ausrangierte Kirchenstufen in Kunstwerke verwandelt. Aber auch das Holz von hundert Jahre alten Taunus- und Spessart-Eichen verwendet Harscher jetzt schon länger. „40 bis 50 Zentimeter Durchmesser hat so ein Stamm“, berichtet er. Die Bohlen sind fünf Meter lang und sechs Zentimeter dick.

„Ich bekomme die Bretter möbeltrocken aus dem Sägewerk“, erklärt er, sucht eines der Bretter aus und beginnt, das Holz zu bearbeiten: Vorder- und Rückseite hobelt er glatt, damit die Tafel gut in die Druckmaschine passt. Mit einer Stahlbürste macht er die Holzstruktur sicht- und fühlbar. Aus der Maserung soll künftig ein Gepard mit bernsteinfarbenen Augen hervortreten.

„Ich möchte, dass sich das Motiv mit dem Holz vereint, und dass das Holz sichtbar bleibt“, sagt der Künstler. Und: „Ich habe sicher über 3000 Bilder von Löwen und mehr als 2000 Fotos von Leoparden, aber nur jeweils eines oder zwei sind für den Druck auf Holz geeignet.“ Das Motiv müsse brillant auf dem matten Untergrund zur Geltung kommen. Auf einer anderen Holztafel sitzt bereits ein lächelnder Buddha. Rund 2000 Jahre alt ist das Relief, das Harscher in der Tempelruine Alaung Sitthou in Myanmar fotografiert hat. Der Sandstein der ehrwürdigen Steinmetzarbeit hat leichte Schäden. Und der Betrachter weiß nicht recht, ob er die fotografierten Risse sieht, echte Spalten im Holz? So vermischen sich Material und Bild zu einem neuen Kunstwerk.

Die Olivenholztafeln unterdessen tragen sowohl orientalische Motive, als auch Bilder aus der Toskana. Einen typisch toskanischen Hügel mit einer Krone aus Zypressen etwa und ein gelbes Haus mit rotem Klatschmohn im Vordergrund. „Olivenbäume sind typisch für die Toskana, aber auch für die Oasen in Afrika. Das Olivenöl hat in beiden Gegenden eine große Bedeutung“, erklärt Harscher und gesteht: „Das unregelmäßige Format der Bretter, die aus den knorrigen Stämmen geschnitten werden, schränkt mich sehr ein.“ Aber gerade das mache die Sache interessant.

Das Holz, das er verwendet, stammt von 200 bis 300 Jahre alten Bäumen aus Italien und Portugal. „Für die Bauern dort sind die Bäume unrentabel geworden. Es ist schwierig, die Früchte zu ernten. Außerdem gibt es derzeit EU-Subventionen für den Anbau von Zitrusfrüchten.“ Viele Bauern sägten deshalb ihre Olivenbäume ab. Das schöne Holz werde meist kurzerhand verbrannt. „Von mir bearbeitet und mit einem Foto bedruckt bekommt so ein alter Baum eine neue Bestimmung und wird so aufs Neue geehrt“, ist Harscher überzeugt.

Der auf einem dicken Ast liegende Leopard aus dem Okawango-Delta unterdessen passte aufs Eichenholz aus dem Spießwald. „Die Großkatze hatte gerade ihre Beute in der Krone eines Baumes vor Löwen und Hyänen in Sicherheit gebracht und ruhte sich von der Anstrengung aus“, berichtet Harscher. Wer das Gesicht des Tieres genau anschaut, der bemerkt, was der Fotograf mit seiner Kamera entdeckt hat: Der Leo hat verschiedenfarbige Augen.

Eindrucksvoll auch die über 2000 Jahre alte Affenbrotbaum-Gruppe im Nxai Pan Nationalpark in Botswana, bekannt als „Baines Baobabs“. „Der englische Forschungsreisende John Thomas Baines malte die Bäume bereits 1861“, berichtet Harscher, der das Naturwunder im Licht der aufgehenden Sonne fotografiert hat. Fasziniert hat ihn auch eine stolze alte Frau vom Stamm der Leya in Zimbabwe. Ein Bild von Säcken voller Gewürze aus Indonesien unterdessen schmückt eine kleine hölzerne Tischplatte.

Stundenlang könnten die Gäste in der kleinen Galerie Harscher zuhören, wenn er von fremden Welten spricht. Von seiner respektvollen Bewunderung für die Menschen, die er getroffen, für die Tiere, die er erlebt hat, und von seiner Begeisterung für die Schönheit der Natur.

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