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»Alter Wein in neuen Schläuchen«

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Von: Matthias Pieren

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Landwirt Timo Emmerich und sein Team bereiten die Felder in Pfaffenwiesbach für das neue Wirtschaftsjahr vor. © Matthias Pieren

Wehrheim . Die Erschütterungen infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine sind längst in vielen Bereichen unseres Alltages zu spüren. Die aktuelle Nachrichtenlage beleuchtet die Auswirkungen des Krieges in wirklich allen Zusammenhängen unseres Lebens - auch mit Blick auf die Landwirtschaft und unsere Ernährung.

Wohl den wenigsten Menschen im Taunus war bis zum 24. Februar bewusst, welche Bedeutung die Landwirtschaft in der Ukraine und in Russland für die Versorgung und die Ernährung der Weltbevölkerung hat. Infolge des Krieges drohen beide Länder als Produzenten von Getreide und auch Sonnenblumen auszufallen.

Wohl nur wenige Konsumenten wussten, woher die Sonnenblumenkerne für das Öl und das Korn fürs Mehl in den Regalen von Aldi, Lidl und Co bisher gekommen sind. Plötzlich weiß es jeder. Die Folge: Auch zwei Monate nach Kriegsbeginn sind die Supermarkt-Regale durch Hamsterkäufe oft leer geräumt.

Frische Produkte direkt ab Hof

Plötzlich werden die Landwirte - auch im Usinger Land - wieder zu Hoffnungsträgern. Umgehend suchen Konsumenten nach der Möglichkeit, möglichst regional erzeugte Lebensmittel zu kaufen. Bauern mit Hofladen und direkt ab Hof verkaufende Landwirte verzeichnen demnach seit jeher in Krisen eine steigende Nachfrage.

»In schwieriger werdenden Zeiten wie den aktuellen erinnern sich die Menschen wieder an die Landwirte und wenden sich plötzlich wieder an uns«, beschreibt der Pressesprecher des Hessischen Bauernverbandes mit Sitz in Friedrichsdorf, Bernd Weber, die aktuelle Situation.

Beispielhaft blicken wir heute nach Wehrheim. Im Apfeldorf existieren tatsächlich viele Hofläden und Bauern, die lokal erzeugte Produkte direkt ab Hof verkaufen. Frischer und regionaler geht’s nicht (siehe Info-Box).

Claudia Baucke ist vor einigen Jahren mit ihrer Familie nach Wehrheim gezogen. Sie kommt gerne zum Oranienhof am Beginn des Langwiesenweges. An der dortigen »Milch-Tankstelle« zapft sie die von ihr benötigte Menge frisch gemolkener Milch direkt in mitgebrachte Flaschen ab.

Erst Tiere gucken, dann einkaufen

»Das funktioniert ähnlich wie beim Bierzapfen«, sagt sie, lacht und steigt in ihren Kleinwagen. »Danach fahre ich immer weiter zum Langwiesenhof der Familie Allendörfer und kaufe im dortigen Hofladen oder außerhalb der Öffnungszeiten am Verkaufsautomaten Bio-Fleisch und -Wurst der Rinder vom Hof.«

Die Investition in den Milchautomaten im Dezember 2018 hat sich für Landwirt Frank Hammen mehr als rentiert. Mit der Absatzmenge, die in den vergangenen Jahren stets zwischen 100 und 200 Litern pro Tag lag, ist er überaus zufrieden - auch, weil er pro Liter Milch am Automaten deutlich mehr verdient, als bei der an die Molkerei verkauften Milch.

»Viele Familien kommen regelmäßig mit ihren Kindern vorbei«, sagt Frank Hammen. »Sie schauen zuerst im Stall bei den Kühen vorbei, bevor sie am Automaten Milch kaufen und mit nach Hause nehmen. Für uns Landwirte ist das eine zusätzliche Wertschöpfung, die aber auch mit mehr Arbeit verbunden ist.«

Landwirte werden erfinderisch

Wie drei andere Landwirte in Wehrheim gibt’s auch auf dem Oranienhof in einer kleinen Verkaufshütte Eier von frei laufenden Hühnern zu kaufen. Neben dem Bio-Rindfleisch vom Langwiesenhof gibt’s in Wehrheim auch Schweinefleisch und Wurst von den auf dem Naturkornhof von Werner Etzel gehaltenen Bio-Schweinen, die in Etzels Hofladen angeboten werden.

Sinkende Erlöse und der Preisverfall für landwirtschaftliche Erzeugnisse auf dem Agrar-Markt lassen die heimischen Bauern erfinderisch werden. Doch richtig überlegt ist die Zauberformel namens ›Direktvermarktung‹ eigentlich gar kein wirklich neuer Weg, eher »alter Wein in neuen Schläuchen«. Denn früher waren die allermeisten Landwirte Selbstversorger oder sie tauschten Feldfrüchte und Fleisch gegen andere Erzeugnisse ein. Heute greifen die Landwirte wieder vermehrt diese uralte Idee auf und geben ihnen einen modernen Anstrich.

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