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Die erste Schule wurde 1840 einstöckig gebaut und 1887 aufgestockt. Links ist der Pavillon, der in den 1970er Jahren dazu kam. Im Rücken des Fotografen steht die Alte Schule an der Brunhildestraße, die 1912 gebaut wurde. Repro: Appel

Alte Schulen

Armut kontra Bildung: 1844 hatten die Schulen bei den Eltern einen schweren Stand

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Schule und Lernen war Niederreifenberg ein schwieriges Geschäft, wie unserer heutiger Serien-Teil über die alten Schulen zeigt. Zum einen wegen des Desinteresses der Eltern und der Aufmüpfigkeit der Kinder. Aber auch wegen der Armut im Dorf.

Im Jahr 1840 wurde der Antrag auf ein eigenes Schulgebäude gestellt und noch im gleichen Jahr von der Landesregierung genehmigt. 1930 Gulden wurden dafür errechnet, und der Neubau ging so zügig voran, dass das damals einstöckige Gebäude bereits im Herbst fertig war. Enthalten war ein Lehrsaal, eine Stube und eine Kammer für den Lehrer, einen Keller und ein Stall. Am 10. November fand die Einweihung statt.

Es war eine sogenannte Gehilfenschule, die zur Elementarschule Oberreifenberg gehörte. Diese entsandte den Lehrvikar Melchior Wolf für ein Jahressalär von 150 Gulden nach Niederreifenberg. Im Vergleich: Für einen Gulden bekam man zu dieser Zeit etwa 6 Kilo Brot oder 3 Kilo Fleisch. Wolf schaute sich daher nach einer besser dotierten Stelle um und bekam sie eineinhalb Jahre später in Niederwalluf.

Ihm folgten der Lehrvikar Johannes Effelsberger und zwei Jahre später Lorenz Adam Schnädter, der am 1. November 1844 seinen Dienst antrat. Er hatte kein leichtes Amt, denn er musste 97 Kinder, Erst- bis Viertklässler, allein in Religion, Sprache, Realunterricht, Rechnen, Formenlehre und Gesang unterrichten. Erschwert wurde die Lage des Lehrers durch die Armut der Bevölkerung.

In der Schulchronik heißt es deshalb: „Schlimm, sehr schlimm steht es da um die Lehrmittel.“ Es war kein Geld für ein neues Schönschreibheft oder gar ein gedrucktes Buch vorhanden. Und bereits die Fünfjährigen mussten arbeiten.

„Sie sitzen halbe Tage lang am Spulrad, müssen dasselbe maschinenartig drehen und einen Faden durch die Finger ziehen. Und nun denke man sich die Kinder bei einer so geistlosen Arbeit in den engen Stuben mit vielen, nicht selten ganz verdorbenen Erwachsenen zusammen, so sieht man im Geiste den Ort, den man mit Recht eine Mördergrube der Unschuld und der guten Sitten nennen kann“, schreibt Lehrer Schnädter weiter.

Die Kinder seien verkommen und schwer zu disziplinieren. Sie seien trotzig und widerspenstig. Und die Eltern hielten von den Schulprüfungen, die halbjährlich durchgeführt wurden, nichts. Statt sich zu überzeugen, was ihre Kinder gelernt hatten und die Feierlichkeit der Prüfung durch ihre Teilnahme zu unterstreichen, blieben sie fern. Und wenn sie kamen, unterhielten sie sich lieber „über Müllers Schecke und Fleischers Rappen.“ Vielleicht führte dies alles dazu, dass die Lehrer sich möglichst schnell wieder nach einer anderen Stelle umsahen.

1849 wurde die Gehilfenschule von der Elementarschule abgekoppelt und eigenständig. Schnädter ging 1851 nach Daisbach, es kam Franz Wengel, der für mittlerweile 126 Kinder zuständig war. Sein Unterricht war dennoch zufriedenstellend, wie in den Frühjahr- und Herbstprüfungen bescheinigt wurde.

In den Jahren 1874 bis 1876 traf es Ort und Schule hart. Erst kam ein strenger Winter mit Temperaturen um 10 Grad unter Null und ein Meter hohen Schneebergen. Die Kinder mussten sich ihren Schulweg jeweils neu bahnen und kamen durchnässt in der Schule an. Erst Mitte April 1875 wurde es langsam Frühling. Es folgte erst Trockenheit und dann heftige Wolkenbrüche oder Hagel. Die Ernte fiel entsprechend schlecht aus.

Der darauffolgende Winter brachte zum Ende hin wieder Eis und Schnee, und am 13. März 1876 hob ein orkanartiger Sturm über die Hälfte des Schuldaches ab und schleuderte es gegen das Nachbarhaus.

Nachdem die Schülerzahl bis 1884 auf 158 anstieg, musste die Schule erweitert werden. Mitte 1885 war Baubeginn für ein zweites Stockwerk, da erst im Juli 1886 fertig wurde. Mit dem zweiten Lehrsaal wurde auch eine zweite Lehrerstelle besetzt. 1912 folgte der Neubau eines Gebäudes mit vier Lehrsälen, das am 30. April 1912 eingeweiht wurde. Dieses Gebäude ist die Alte Schule an der Brunhildestraße, die zuletzt als Vereinsheim genutzt wurde.

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