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Es dauerte nur kurz, dann war der Tatort hermetisch abgeriegelt. Selbst Anwohner kamen nach dem Attentat auf Alfred Herrhausen in Bad Homburg nur noch durch die Sperren, wenn sie ihren Ausweis vorzeigten.

Bombenanschlag der RAF

Attentat auf Herrhausen: Drei der ersten Zeugen schildern ihre Erlebnisse

Der Ort, an dem Alfred Herrhausen stirbt, ist kein einsamer Fleck: Taunus Therme, Seedammbad, Amtsgericht, Kaiser-Friedrich-Gymnasium und zahlreiche Wohnhäuser befinden sich in unmittelbarer Nähe. Am 30.November 1989 halten sich dort viele Menschen auf. Sie sind die ersten Zeugen des schrecklichen Verbrechens. 

Dieser Text ist erstmalig in der Ausgabe der Frankfurter Neuen Presse vom 30. November 2009 erschienen. 

Was wäre,wenn? Diese Frage hat sich Dirk Langbecker oft gestellt. Was wäre,wenn er an diesem Tag nur einen Hauch später über die Straße gegangen wäre? Wenn er sich beim Ablesen des Zählerstands im Parkhaus etwas mehr Zeit genommen hätte? Wenn er noch einen Augenblick vorder Tür verharrt hätte, bevor er durch den Personaleingang wieder die Taunus Therme betrat? Am heutigen Montag (30.November 2009) hat er Geburtstag, seinen „46.“ Seit dem 30. November 1989 hat er doppelten Grund, diesen Tag zu feiern: Dirk Langbecker war nur wenige Meter entfernt, als die Bombe in die Limousine von Alfred Herrhausen einschlug.

„Nein, diesen Tag werde ich niemals vergessen. Ich war ja hautnah dabei, wäre fast selbst in die Luft geflogen. Das hat einen unheimlichen Schlag getan.“ Am Morgen trinkt er mit seiner damaligen Freundin noch schnell einen Kaffee und macht sich gegen 6 Uhr auf den Weg zur Therme, wo er seit fünf Jahren als Techniker arbeitet.

„Ich war bester Stimmung –und das nicht nur, weil ich Geburtstag hatte, sondern auch, weil ich deswegen schon um 14 statt um 16 Uhr Schichtende haben sollte.“ Um kurz vor halb 9 Uhr geht er ins Parkhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Seedammwegs. Im Technikraum stellt er den Zähler, der die ein- und ausfahrenden Autos registriert, auf null. Reine Routine. Anschließend geht er zurück zur Therme. 

Langbecker aus Bad Homburg hat das Attentat der RAF auf Herrhausen miterlebt

„Gerade als ich durch den Personaleingang das Gebäude betreten wollte, fiel mir oben auf dem Seufzerpfad ein Mann auf. Dieser Pfad führt vom Seedammweg über die Augusta-Allee in den Kurpark. Der Legende nach heißt der Pfad so, weil Zocker, die in der Spielbank Geld verloren hatten, dort seufzend entlanggelaufen sind. Und von diesem Pfad führt auch eine Treppe zum Gelände der Taunus Therme, und genau an dieser Stelle stand nun dieser Mann. Er trug einen grauen Jogginganzug, eine Daunenweste und eine dunkle Pudelmütze. Irgendwie machte er aufgrund seines Körperbaus einen militärischen Eindruck auf mich.“ 

Dirk Langbecker wundert sich für einen Moment, warum diese ominöse Person da nur rumsteht und nicht weiter joggt oder läuft. Er betritt die Taunus Therme über den Personaleingang – und dann macht es einen Riesenschlag. Eine gigantische Druckwelle reißt die vier schweren Eisentüren an der Gebäudefront zum Seedammweg aus der Verankerung, etliche Scheiben zerspringen

„Mein Auto, ein Peugeot 205, sah aus wie durchlöchert. Unzählige Steine waren in die Karosserie eingeschlagen. Ich bin dann sofort mit meinem Vater, der damals Technischer Leiter der Therme war, rausgerannt. Dabei sah ich auch, wie der merkwürdige Jogger Richtung Augusta-Allee weg rannte.“ 

Attentat der RAF auf Alfred Herrhausen in Bad Homburg: Erst an Gas-Explosion gedacht

Zuerst denken die beiden an eine Gas-Explosion, weil ein Kollege kurz zuvor noch gesagt hatte, dass er eine Gas-Leitung im Kino der Therme überprüfen wolle. Aber: Fehlanzeige. Vater und Sohn vermuten dann einen Unfall und rennen die Zufahrt hinauf auf den Seedammweg.

„Da stand eine völlig zerstörte Mercedes-Limousine, und ich konnte auch Dr. Herrhausen auf dem Rücksitz sehen. In diesem Moment stieg der Fahrer, mit einer Waffe in der Hand, aus dem Fahrzeug aus. Auch die Leibwächter – ebenfalls bewaffnet – hatten die Begleitfahrzeuge verlassen. Sofort brach ein riesiges Chaos aus.“ 

Jetzt ist den Therme-Beschäftigten klar: Es kann sich nur um ein Bomben-Attentat handeln. Um nicht selbst in die Schusslinie zu geraten („Irgendwie war ich überzeugt,dass hier gleich eine Schießerei losgeht“), ziehen sich die beiden in die Therme zurück. Dort wird Dirk Langbecker so langsam bewusst, was für ein Glück er gerade hatte.„Ich war Luftlinie gerade mal 100 Meter von der Explosion entfernt. Wäre ich nur ein paar Sekunden später an der Tür zum Personaleingang gewesen, hätte das für mich schlimm ausgehen können“, weiß Langbecker. „Dann hätte ich die herumfliegenden Steine in den Rücken bekommen. Ich hatte ja an meinem Auto gesehen, mit welcher Wucht die Steine das Blech durchschlagen hatten.“

Attentat der RAF auf Herrhausen in Bad Homburg: Klar, dass etwas Schlimmes passiert war

Innerhalb weniger Minuten wimmelt es vor Polizisten, wenig später kreisen Hubschrauber über dem Tatort. Das Personal und die rund 100 Gäste dürfen die Therme nicht verlassen. Immer wieder werden Mitarbeiter und Besucher von der Polizei befragt. An Feierabend um 14 Uhr ist für Dirk Langbecker längst nicht mehr zu denken – überhaupt ist das Interesse an seiner Person immens. Vor der Therme hatten sich unzählige Pressevertreter versammelt. „Einige boten mir für ein Statement sogar Geld an. Da standen dann plötzlich viele Leute, Trittbrettfahrer, die behaupteten, irgendwas gesehen zu haben. Ich selbst habe aber nur kurz mit einem Fernsehsender gesprochen.“ 

Am frühen Abend darf Dirk Langbecker gehen, zu Hause warten bereits die ersten Gäste der Geburtstagsparty. Die Polizei lotst den jungen Mann um die Pressemeute herum und bringt ihn zu einem Taxi. „Zu Hause wollten dann alle wissen,was passiert war–die Stimmung war schon komisch.“ 

Auch Fred Winkler (77) erinnert sich noch heute an die ohrenbetäubende Detonation. „Ich saß in meinem Büro“, erzählt der damalige Leiter des Seedammbads. Zuerst denkt er, dass etwas auf der Baustelle passiert ist (zu der Zeit wird gerade das Seedammbad umgebaut). 

„Als ich aus meinem Büro raus kam und ins Schwimmbad laufen wollte, sah ich, dass von der neuen abgehängten Decke Paneele heraus gebrochen waren.“ Als er rüber zur Taunus Therme schaut, sieht Winkler eine Qualmwolke. „Da war mir klar, dass dort was Schlimmes passiert sein musste.“ Zunächst denkt er an die Therme selbst – sie hatte ja schon mal gebrannt. Winkler läuft hinaus,und auch seine Frau eilt aus der im Seedammbad gelegenen Dienstwohnung herbei. Zur gleichen Zeit, so erinnert sich der heute 77-Jährige, kommt der Leiter der Baustelle am Amtsgericht angerannt (das ebenfalls gerade umgebaut wird). „Der Bauleiter – ein großer, starker Mann – lief mit meiner Frau sofort zum Seedammweg. Sie waren bei den Ersten, die am Tatort eintrafen.“ 

Fred Winkler zu Attentat der RAF auf Herrhausen: „Sehe Mercedes noch genau vor mir“

Winkler selbst bleibt etwas weiter entfernt stehen. Von dort sieht er Herrhausens völlig demolierten Wagen schräg vor der Einfahrt der Taunus Therme stehen. „Hinter dem Fahrzeug stand noch ein Mercedes, den seh’ ich noch genau vor mir“, berichtet der Pensionär. „Der hatte die Kofferraum-Klappe auf, und es lag eine Maschinenpistole drin.“ Die Waffe gehört ganz offensichtlich dem Sicherheitspersonal. Die Detonation war so gewaltig, dass die Tore der Garagen am Seedammbad aufgedrückt sind. „An der einen Seite zu den Umkleiden hin haben wir eine große Glasfront –die Scheiben waren alle zerstört“, sagt Winkler. Dass im Schwimmbad niemandem etwas passiert ist, ist ein Glücksfall –gewöhnlich halten sich um diese Zeit Schulklassen im Bad auf. Noch am Vormittag sieht Winkler, wie ein Hubschrauber auf dem Freibad-Gelände landet. Darin sitzt der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU).„Er kam mit einer Gefolgschaft und lief an mir vorbei“, erinnert sich der Rentner. 

Hertha Liebel kann es bis heute nicht verstehen. Warum bloß, fragt sich die 74-Jährige noch immer, warum bloß haben die Personenschützer im vorausfahrenden Auto das Fahrrad am Straßenrand nicht bemerkt? Die gleiche Frage wird in den Tagen, Wochen und Monaten nach dem 30. November 1989 noch oft und von vielen Menschen gestellt werden, und stets klingt in ihr etwas vergeblich Flehendes mit – ein fast schon beschwörender Unterton, der ausdrücken soll: Es wäre doch so einfach gewesen, die Tragödie zu verhindern. Hertha Liebel wohnt im Seedammweg. Und dort ist sie auch, als an dem kalten Novembermorgen ein lauter Knall die morgendliche Stille durchbricht. 

„Nichts wie raus“, ist das Erste, was der Anwohnerin in den Kopf schießt. Sie eilt vom Keller des Gebäudes ins Freie, weil sie eine Explosion in ihrem eigenen Haus vermutet. Doch draußen fällt der Blick schnell auf eine dichte Nebelwand,die sich in Richtung Seedammbad gebildet hat. Als sich der Dunst auflöst, ist der Schrecken groß: „Ich sah die Umrisse eines Autos und kurz darauf das grauenhafte Ausmaß des Anschlags“, berichtet Hertha Liebel. Die Ungewissheit, was genau sich an diesem Morgen vor der eigenen Haustür ereignet hat, dauert nicht lange. „Frau Herrhausen kam an die Unglücksstelle –da wusste jeder,dass der furchtbare Anschlag Herrn Herrhausen gegolten hatte.“ In den folgenden Stunden und Tagen ist die ganze Gegend von Polizisten abgeriegelt. 

Attentat der RAF auf Alfred Herrhausen in Bad Homburg: „Warum musste das geschehen?“

Die heimischen Beamten werden durch weitere Einsatzkräfte verstärkt. „Und da diese jungen Männer auch in der Nacht nach Beweisstücken suchten und die Nächte sehr kalt waren,habe ich sie mit heißem Tee und Stollen versorgt.“ Inzwischen geht die Nachricht über alle Sender. „Verwandte und Freunde riefen an, sorgten sich, weil unser Haus ja in unmittelbarer Nähe des Tatorts war“, erinnert sich Hertha Liebel und sagt noch heute: „Es war alles so grauenhaft. Auch heute noch und gerade am Todestag von Herrn Herrhausen fragt man sich immer wieder, warum musste das geschehen und wer hat das getan?“ 

Fragen, die auch in den Tagen nach dem Anschlag die Ermittler beschäftigen. Immer wieder muss Dirk Langbecker zur Polizei, immer wieder wird er von der Sonderkommission verhört. Dabei interessieren sich die Beamten vor allem für einen Zwischenfall, der sich drei Wochen vordem eigentlichen Attentat abgespielt hatte. Der damalige Therme-Hausmeister hatte beim Schneiden der Hecke zum Seufzerpfad einen grün-weißen Klingeldraht entdeckt. „Er hatte bei uns nachgefragt, wofür der verlegt worden sei. Da wir mit dem Kabel nichts anfangen konnten, haben wir es aufgerollt. Uns war auch das angekettete Fahrrad aufgefallen, an dem später die Sprengladung befestigt wurde. Das stand da irgendwie doof rum. Wir hatten noch überlegt, auch das Fahrrad wegzuräumen...“, erinnert sich Langbecker. 

Das Interesse der Polizei an den Beobachtungen des Therme-Technikers hält noch bis nach der Wende an. Inzwischen sind die Terroristen, die in der DDR untergetaucht waren, festgenommen – und deshalb muss Dirk Langbecker sogar einmal zu einer Gegenüberstellung nach Stammheim. „Da wurde mir dann der RAF-Terrorist Henning Beer gezeigt,aber das war nicht der Mann, den ich auf dem Seufzerpfad gesehen hatte.“ Auch die Medien melden sich wieder und wieder bei ihm. 

Einmal wird Langbecker von einem Privatsender interviewt. Dessen Reporter verfolgen die Theorie, dass Herrhausen nicht von der RAF ermordet wurde, sondern von den Amerikanern – unter anderem wegen des von ihm vorgeschlagenen Schuldenerlasses für die Dritte Welt. Der Beitrag wird aber kurzfristig abgesetzt. „Wir hatten schon vor dem Fernseher gesessen.“ Auch Jahre nach dem Attentat denkt Dirk Langbecker noch oft über den 30. November 1989 nach. „Vor allem, wenn ich Geburtstag habe, den feiere ich seitdem als doppelten Geburtstag.“ 

Von Marc Kolbe und Anke Hillebrecht

Vor 30 Jahren stirbt der Bankier Alfred Herrhausen in Bad Homburg bei einem Bomben-Attentat der RAF. Es ist ein Tag, der das ganze Land erschüttert.

Dieser Text ist erstmalig in der Ausgabe der Frankfurter Neuen Presse vom 30. November 2009 erschienen. Zum 30. Todestag Herrhausens am 30. November 2019 hat sie den Artikel aus dem Archiv geholt.  Die Frankfurter Neue Presse gehört zum bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk.

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