Europawahl 2019

Die Grünen räumen im Hochtaunuskreis ab - die anderen Parteien unter Zugzwang

Nach der Europawahl gibt die Kreis-Politik ein gespaltenes Bild ab. Die Grünen frohlocken, die Union ist ungewohnt in sich gekehrt, die SPD förmlich abgetaucht. Dass die Grünen in zwei Kommunen stärkste Kraft wurden, kam eben überraschend. Nun rückt die Jugend in den Blick.

Hochtaunuskreis - Das politische Gefüge hat sich verschoben - dass das auch für den konservativ geprägten Hochtaunuskreis gilt, in dem die CDU lange als souveräner Wahlsieger gesetzt war, sollte spätestens seit Sonntag klar sein. Die Grünen spielen oben mit, die anderen Parteien müssen reagieren. Inhaltlich, aber auch kommunikativ.

In Oberursel wurden die Grünen stärkste Partei

"Im Hochtaunuskreis müssen wir überlegen, ob unsere Öffentlichkeitsarbeit so ist, wie sie sein sollte", sagte CDU-Kreisvorsitzender Jürgen Banzer. Sein Parteikollege, Bundestagsabgeordneter Markus Koob, macht sich auch Gedanken, welche Rolle das CDU-kritische Youtube-Video gespielt haben könnte. Die Reaktion der Union darauf sei nicht professionell gewesen.

Bei den Grünen war die Freude auch gestern noch riesig: Sie waren mit kreisweit 25,6 Prozent zweitstärkste Kraft hinter der CDU (30,3 Prozent) geworden. Die Grünen wurden in Oberursel sogar stärkste Partei mit 30,3 Prozent, dort holten sie in zwei Bezirken über 40 Prozent (Rathaus und Grundschule Mitte). "Das kam für uns in der Höhe auch überraschend", sagte das Oberurseler Grünen-Vorstandsmitglied Wolfgang Schmitt.

Er sieht im Ergebnis eine Abstimmung pro Europa und für Klimaschutz, weiß aber auch, dass die Grünen viele Wählerschichten erreichen: Die Grünen seien keine reine Jugendpartei. Wie in der Brunnenstadt lag die Öko-Partei auch in Neu-Anspach vor der CDU - dort allerdings nur mit einer Stimme (1739 CDU, 1740 Grüne).

Bürgerliche Hochburg bleibt Königstein

Königstein bleibt die Hochburg des bürgerlichen Lagers. In der Kurstadt holten sowohl die CDU (35 Prozent) als auch die FDP (13,8 Prozent) ihre besten Ergebnisse. Die SPD schaffte ihr bestes Resultat in Steinbach. Nur in ihrer einstigen Hochburg steht die "2" vorne. Die Sozialdemokraten kamen dort auf 20,1 Prozent.

Die Wahlbeteiligung ist im Kreis auf 65,1 Prozent geklettert, allerdings gibt es auch hier eine gewisse Streuung. Während sich die Steinbacher mit einer Beteiligung von 57,1 Prozent den Titel "Europawahl-Muffel" von den Grävenwiesbachern holten (diesmal mit 58,3 Prozent der zweitniedrigste Wert), hat Kronberg seinen Spitzenplatz verteidigt. Nach 59,8 Prozent 2014 zog es in diesem Jahr 70,6 Prozent der Wähler an die Urne.

Sucht man für die SPD nach extremen Werten, wird man bei den Königsteiner Sozialdemokraten fündig: Im Wahlbezirk Stadtmitte gab es nur 5,5 Prozent für die Sozialdemokraten, in Bad Homburg (Hölderlinschule II) 6,4 Prozent. Je kleiner der Wahlbezirk, desto mehr wiegt auch eine Stimme.

So sicherte sich Weilrod-Winden den Titel als AfD-Hochburg im Kreis. 14 Stimmen bedeuteten dort nicht nur 21,54 Prozent, sondern auch einen Vorsprung von fast fünf Prozentpunkten auf die zweitstärkste Kraft, die Grünen (elf Stimmen).

Bei der Europawahl 2019 lag der Hochtaunuskreis voll im Trend

Als erkennbar wurde, dass der Hochtaunus bei der Europawahl voll im Bundestrend lag, wurde auch auf der Facebook-Seite der Taunus Zeitung eifrig diskutiert. Dabei kochten die Emotionen schnell hoch - der Erfolg der Grünen spaltete die Facebook-Nutzer.

"26,62 sind 26,62 zu viel" meinte etwa Nutzer Robert Winkler und verband seine Meinung zum Grünen-Wahlergebnis mit einem - nett umschrieben - Smiley, dem offenbar etwas zu schwer im Magen gelegen hatte. Dieses Symbol wurde in der Einschätzung der Wahlnacht häufiger genutzt - allerdings ebenso die grünen Herzen und auch die Frage (beziehungsweise der Disput darüber), was denn nun gravierender sei: Die Gewinne der Grünen oder die 8,6 Prozent für die AfD.

"Dann steigen bald die Preise. Energie und somit alle Waren und Dienstleistungen inklusive den dazu gehörenden Steuern!", fürchtete ein Nutzer, ein anderer entgegnete mit Blick auf die rot-grüne Koalition im Bund: "Ich kann mich an die Jahre 1998 bis 2005 erinnern und habe das Gefühl, dass die Welt damals nicht untergegangen ist."

"Den ganzen braven Muttis, die gestern mit dem SUV vor dem Wahllokal geparkt haben um dann die Grünen zu wählen, sollte man wirklich das Recht zu wählen entziehen", echauffierte sich Nutzer Andreas Mueller. Anders sah das User Oliver Debus: "Die Arroganz gegenüber der Jugend, die sogar von den Profis, den Wissenschaftlern, unterstützt wird, wurde sehr deutlich abgestraft."

Facebook-Nutzer Gerhard Rink wiederum bemühte sich um Nachwahl-Deeskalation: "Ziemlich viele dumme Kommentare. Die jungen Wähler haben hauptsächlich zu diesem Erfolg beigetragen. Daher sollte man das Ergebnis auch ernst nehmen, auch wenn man die Grünen nicht mag. Es gilt jetzt gemeinsam eine vernünftige Politik für Europa zu entwickeln ( . . .). 

hko

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