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Nachgebessert: Ein dreireihiger Draht umgibt nun den Graben.

Unfall

Anwalt erhebt wegen des ertrunkenen Jungen Vorwürfe gegenüber dem Zoo

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Nachdem am 15. Juni sein Sohn Fisal (2) in einem Wassergraben im Frankfurter Zoo ertrunken ist, schildert der Vater, wie er den Unglückstag erlebt hat. Der Anwalt der Familie sieht Versäumnisse des Zoos.

Frankfurt - Den Tag im – Jalal F. durchlebt ihn immer und immer wieder. „Sobald ich die Augen schließe, sehe ich die Bilder vor mir“, sagt der 31-Jährige. Er sieht den lachenden kleinen Fisal, wie er hin- und herflitzt zwischen dem Streichelzoo und der Bank gegenüber, auf der seine Eltern sitzen. Und er sieht den reglosen Körper seines Sohnes auf dem Pflaster liegen, sieht eine Frau und einen Mann, Passanten, die versuchen, den Zweijährigen wiederzubeleben. „Ich habe seine Füße festgehalten“, sagt Jalal F. „Ich konnte nichts tun.“

Nur wenige Minuten liegen laut Jalal F. zwischen diesen beiden Erinnerungen. Noch immer ist dem Vater unbegreiflich, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte. „Fisal ist ein schüchternes Kind, er geht nie weit von uns weg“, erzählt er, so, als ob sein Sohn noch leben würde. .

Weil er seinen Sohn im einen Moment noch gesehen hat und er im nächsten spurlos verschwunden scheint, kommt es Jalal F. gar nicht in den Sinn, dass Fisal auf eigene Faust losgezogen sein könnte. Rasch suchen er und seine Frau (27) die Umgebung ab, sie läuft nach links, er Richtung Streichelzoo, doch Fisal ist nirgends zu sehen. Darauf rennt Jalal F. zur Kasse, befürchtet, jemand könnte den Kleinen mitgenommen haben. Die Mutter bleibt bei den Geschwistern (5 und 6).

„Ich habe mein Kind verloren, ein Junge, zwei Jahre alt. Er trägt eine blaue Hose und einen grauen Pulli. Lassen Sie niemanden raus“, bittet er die Frau am Eingang, auch an der anderen Pforte Bescheid zu geben. Die Frau sagt, das könne sie nicht. In seiner Verzweiflung wird Jalal F. laut. „Das kann doch nicht sein“, schimpft er, diskutiert mit der Mitarbeiterin, die schließlich eine Durchsage macht. „Diese Zeit habe ich verloren“, sagt Jalal F. nachdenklich. Dann sei ein Junge auf ihn zugestürmt: „Die haben dein Kind gefunden. Ich glaube, es ist tot.“

Junge ist im Himmel

Jalal rennt zurück. Seine Frau bricht beim Anblick ihres leblosen Sohnes ohnmächtig zusammen. Die Geschwister sehen alles mit an. „Ihre Fragen, wo Fisal ist und wann er wieder kommt, sind das Schlimmste“, sagt der Vater. „Ich antworte: ,Fisal ist im Himmel.‘“

Auf seinem Handy zeigt Jalal ein Foto vom Unglückstag. Zu sehen ist ein fröhlicher kleiner Junge bei seinem ersten Zoobesuch. „Die Kinder haben sich gewünscht, in den Zoo zu fahren“, erzählt Jalal. Für die muslimische Familie war es ein Feiertag, der Tag des Fastenbrechens. „Es sollte ein schöner Tag werden. So ganz habe ich es noch immer nicht begriffen“, sagt Jalal. Er hoffe immer noch, irgendwann aus diesem Alptraum aufzuwachen.

Nach dem Unglück kommt die Familie bei Verwandten unter, kehrt erst am Sonntag in ihr Zuhause in Bad Homburg zurück. „Das war der schlimmste Moment seit dem Unglück. Die Wohnung ist voller Erinnerungen.“ Jalals Frau bricht zusammen, schreit vor Kummer, kramt schmutzige Kleider ihres Sohns hervor, die sie sich vors Gesicht presst. „Sie hat seit Tagen nicht gegessen, hat Krämpfe“, schildert Jalal. Er selbst versuche, stark zu sein für die Familie. Manchmal geht Jalal nach draußen. Dann lässt er den Tränen freien Lauf.

Dass der Zoo jegliche Schuld an dem Unglück von sich weise und in der Öffentlichkeit Vorwürfe laut wurden, die Eltern hätten nicht gut genug aufgepasst – Jalal macht das traurig und wütend zugleich. „Wir haben Fisal nur für Sekunden aus den Augen verloren“, sagt er. Enttäuscht zeigt er sich, dass ihm weder die Stadt noch der Zoo ihr Beileid ausgesprochen hätten.

Dem widerspricht Zoo-Sprecherin Christine Kurrle: „Die Stadt Frankfurt hat persönlichen Kontakt zum Vater und hat ihr Beileid ausgedrückt und ihre Unterstützung angeboten, die auch angenommen wurde.“

Anwalt Thomas Filler, der die Familie vertritt, sieht Versäumnisse. „Die Zoo-Verantwortlichen haben ihre Verkehrssicherungspflicht verletzt“, sagt er und erläutert anhand von Fotos, dass der Zugang zum Wassergraben aus seiner Sicht nicht ausreichend gesichert war. Vor allem eine Stelle hält er für bedenklich: den Wirtschaftsweg, der zu einem Gebäude im Kamelgehege führt. Dieser ist mit einer Metallkette abgetrennt, an der ein Stopp-Schild baumelt. Daneben könne ein Kind mühelos vorbeilaufen.

Fahrlässige Tötung?

Auf der Bank direkt gegenüber saßen Jalal und seine Frau. „Auch der Stolperdraht im Gestrüpp ist völlig unzureichend“, kritisiert Filler. Da seine Mandanten Eintritt bezahlt hätten, bestehe seitens des Zoos eine Garantenpflicht – das heißt, so Filler, dieser könne sich durch Unterlassen der fahrlässigen Tötung strafbar gemacht haben.

Dass laut einer Zeugin im Oktober schon mal ein Kind in eben jenen Wassergraben gefallen sein soll – Filler hegt Zweifel daran, dass dies den Behörden bislang nicht bekannt war: „Da wird ein Kind aus dem Becken gezogen und keiner bekommt es mit?“

Zwischenzeitlich hat der Zoo nachgebessert, ein dreireihiger Draht umgibt nun den Wassergraben. Dazu teilt Zoo-Sprecherin Kurrle mit: „Wir haben weiterhin keine Bedenken an unserem Sicherheitskonzept. Doch jeder Unglücksfall ist ein Fall zu viel.“ Deshalb habe der Zoo begonnen, seine Sicherheitsvorkehrungen erneut zu überprüfen und diese „als vorläufige Maßnahme“ am Kamelgehege verstärkt. Weitere Fragen könne man „vor dem Hintergrund der laufenden Ermittlungen derzeit nicht beantworten“.

Der Leichnam des Kindes ist mittlerweile in den Jemen überführt worden, wo Fisal gemäß dem Wunsch seiner Mutter bestattet wurde.

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