Während der Geschäftsschließungen durften nur die Werkstätten der Fahrradhändler öffnen. Aufträge gab und gibt es reichlich. Fotos: Jens Priedemuth
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Während der Geschäftsschließungen durften nur die Werkstätten der Fahrradhändler öffnen. Aufträge gab und gibt es reichlich. Fotos: Jens Priedemuth

Ausgefallene Verkäufe bereits aufgeholt

Auch in der Krise fest im Sattel

  • vonJens Priedemuth
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Fahrradhändler haben durch Corona mehr Aufträge

Rauf aufs Rad. Während der Einzelhandel in den Fußgängerzonen und Innenstädten teilweise noch immer stark unter den Folgen der Corona-Krise leidet, sind Fahrradfachgeschäfte recht gut über die Runden gekommen. Nach subjektiver Betrachtung sind seit ein paar Monaten viel mehr Menschen mit dem Rad unterwegs als zuvor - und auch eine Umfrage des Instituts "YouGov" ergab, dass 18 Prozent der Deutschen mehr radeln (lesen Sie dazu die Box).

Doch auch bei den Fahrradhändlern hat der Shutdown Spuren hinterlassen. "Ab März hatten wir rund fünf Wochen geschlossen. Das haben wir schon gespürt, zumal dies ja die Zeit ist, in der sonst reichlich Räder gekauft werden. Lediglich die Werkstatt und der Verkauf von Ersatzteilen mit Abholung außerhalb des Geschäftes war möglich. Zum Glück hatten wir bereits im vergangenen Jahr reichlich Ware bestellt, so dass unser Lager voll war", erinnert sich Jörg Denfeld, einer der Geschäftsführer von Radsport Denfeld. Als die aufkommende Krise absehbar war, entschied man sich beim dem Bad Homburger Traditionsgeschäft, die Bestellungen bei den Herstellern nicht zu stornieren. "Da die Dauer des Shutdowns nicht absehbar war, haben wir uns gleich mit unseren beiden ortsansässigen Hausbanken zusammengesetzt, dort Kapital gesichert, um im schlimmsten Falle rund neun Monate überstehen zu können. Letztlich mussten wir jedoch keine Hilfen, auch keine vom Staat, in Anspruch nehmen", so Denfeld weiter.

Die knapp 100 Mitarbeiter haben anfangs Urlaub genommen und Überstunden abgebaut. Deshalb gab es auch nur eine minimale Rate an Kurzarbeit. Im Gegenzug haben alle Angestellten für sechs Monate 97 Prozent ihres Gehaltes zugesichert bekommen.

Als dann die Tore wieder geöffnet wurden, arbeiteten Verkauf und Werkstatt unter Hochdruck. In der Anfangsphase gingen täglich bis zu 1000 Anrufe ein, die kanalisiert und abgearbeitet werden mussten. "Wir wollten den Leuten bei den angefragten Reparaturen natürlich nichts versprechen, was wir dann nicht einhaltbar war. Zudem wollten wir für Bestandskunden eine möglichst akzeptable Lösung finden, was in der Regel auch gelang", berichtet Geschäftsführungs-Assistent Tobias Niederelz. Durch behördliche Auflagen war die maximale Kundenzahl auf den rund 3000 Quadratmetern Verkaufsfläche auf 150 Besucher beschränkt. Schnell merkte man aber, dass das in der Praxis nicht umzusetzen war, fachkundige Beratung war so unmöglich. In den ersten Tagen reduzierte das Denfeld-Team den Zugang zum Geschäft auf 75 Personen, wenig später auf 60, dann 50 und schließlich 35 Kunden. Das war eine Zahl, die gut betreut werden konnte.

Bedingt durch die langen Warteschlangen vor der Tür musste eine Einlasskontrolle engagiert werden, bei heißem Wetter wurde Wasser an die Wartenden verteilt und die Abholung der bestellten Räder geschah in einem großen Zelt auf dem Parkplatz. Zudem wurden für die Kunden noch 10 000 Einweg-Masken und Handschuhe für die Probefahrten angeschafft. Ein logistischer Aufwand, der auch mit Kosten verbunden war.

"Wir hatten das Glück, beim nun eingetretenen Strukturwandel in Sachen Mobilität und Freizeitgestaltung mit dabei gewesen zu sein. Die Kosten der Krise haben wir einigermaßen eingefangen und werden das Jahr nach heutigem Stand im grünen Bereich beenden" wagt Jörg Denfeld ein Resümee.

Auch bei der Firma "Snow + Bike Action" gibt es zufriedene Gesichter. "Wir haben keinen Grund zu klagen. Radfahren boomt. Die richtigen Rennradfahrer gab es ja schon immer. Mittlerweile sind aber sehr viele Radler, quer durch alle Altersklassen, hinzugekommen. Einerseits Leute, die einfach an der frischen Luft von A nach B kommen wollen, aber auch Senioren, die mit ihren Enkeln durch die Gegend fahren möchten. Einen großen Zuwachs gab es bei den Pendlern, die lieber aufs Rad steigen, als sich in Bus oder Bahn zu quetschen. Auch das Marktsegment E-Bike ist kontinuierlich gewachsen", berichtet Geschäftsführer Peter Kettner.

Auch bei ihm war der Laden, der seit rund 25 Jahren in Ober-Eschbach beheimatet ist, den ganzen März geschlossen. Die Werkstatt lief, aber eben kein Verkauf von Rädern. Mittlerweile hat man die ausgefallenen Verkäufe gut eingeholt. Auch in der Werkstatt brummt es. Sechs Fachkräfte arbeiten hier Reparaturen und andere Aufträge ab. Trotzdem gibt es hier für einen Termin Wartezeiten von knapp fünf Wochen.

"Aktuell leiden wir unter der sehr hohen Nachfrage und sind in einigen Bereichen nahezu ausverkauft. Uns fehlen die neuen Modelle. Die Werke vieler Hersteller, zum Beispiel in Taiwan und Kambodscha, produzieren zwar, doch in Folge der Corona-Krise läuft auch die Logistik zum Teil nicht so richtig rund. Beim Personal baue ich auf erfahrene Stammkräfte. Ich bin kein Freund von Leiharbeitern. Qualität kann man eben nicht herbeizaubern." Zu Beginn der Krise habe ein wenig Unsicherheit geherrscht, "es hat sich dann aber relativ schnell gezeigt, dass das Fahrrad zu den Gewinnern gehört", fasst Geschäftsmann Kettner die Situation zusammen. Auch bei den ambitionierten Radlern sind die Ober-Eschbacher bestens vernetzt. Vor seiner Zeit als erfolgreicher Triathlon-Profi haben die Jungs von "Snow + Bike Action" die Rennmaschinen von Patrick Lange montiert. Für Jenny Schulz, Profi-Athletin aus Friedrichsdorf, tun sie das noch immer und auch die Tria-Teams der unterschiedlichen Liga-Mannschaften vom SC Oberursel können sich auf die fachliche Unterstützung in Sachen Radsport verlassen.

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