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Bad Homburg: Den Draht-Figuren Leben einhauchen

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Von: Ulrich Boller

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Licht- und luftdurchlässig, befreit von der Masse, reduziert auf wenige konturierende Strukturen: Das sind die Markenzeichen von Stefanie Welks Ouevre, wie hier bei ihrem Werk "Trans Personal" aus geglühtem Eisendraht zu sehen.
Licht- und luftdurchlässig, befreit von der Masse, reduziert auf wenige konturierende Strukturen: Das sind die Markenzeichen von Stefanie Welks Ouevre, wie hier bei ihrem Werk "Trans Personal" aus geglühtem Eisendraht zu sehen. © JP

Stefanie Welk und Eckhard Gehrmann stellen ihr Werk in der Galerie Artlantis aus. Wer die Regenwälder Amazoniens unterstützt, kann eines der Ausstellungsstücke eventuell bald sein Eigen nennen.

Bad Homburg - Gleitend scheint sich die Gestalt zu bewegen, als schwebe sie gleichsam schwerelos im Raum. Dabei scheint sich der von dünnen Linien begrenzte Körper um mehrere Achsen zu drehen. Einander überschneidende Kreisbahnen um ihn herum beschreiben seinen Bewegungsradius. Wie mit einem feinen Stift gezeichnet wirkt die menschliche Figur, körperhaft, dennoch offen, durchsichtig, filigran. "Immersion" betitelt Stefanie Welk ihr vor gut zwei Jahren entstandenes Kunstwerk. Zu sehen ist es mit weiteren Arbeiten der Heidelberger Künstlerin sowie Steindrucken von Eckhard Gehrmann bei der Ausstellung "Panta Rhei" in der Galerie Artlantis, die kürzlich ihre Pforten öffnete.

Die Grenzen verschwimmen rasch

Der Titel geht auf das lateinische immersio für eintauchen, einbetten zurück. Eintauchen in die lautlose Welt des Wassers oder eine virtuelle Realität. Bewegung im Raum zeichnen Welks Schöpfungen aus Kupfer- oder Eisendraht zumeist aus. Dieses Material erlaube es ihr, "hinter der Materie liegende Räume, Schwingungen, Felder oder Bewegung sichtbar zu machen", sagt die 1972 in der Stadt am Neckar geborene Psychologin und freischaffende Künstlerin. So verschwinde das vordergründig Schwere, Feste und Abgegrenzte, es zeige sich "eine energetische Realität, indem Körpergrenzen sich auflösen und pulsieren". Das spielt Welk in ihren Figuren immer neu durch, im "Grenzgänger", der eine scheinbar undurchdringliche eiserne Wand durchschreitet, ebenso wie im fast lebensgroßen Ensemble der "Aeronauten". Diese "Luftfahrer" oder "Luftschiffer" bewegen sich in jenem Element, das sich selbst gleichermaßen und ohne Grenzen bewegt und zugleich lebendigen Atem bedeutet. Grenzen zwischen innen und außen aufzuheben, diesen Aspekt griff Stefan Soltek während seines knappen Einführungsvortrags auf. Er zitierte Johann Wolfgang Goethe: "Müsset in Natur betrachten / Immer eins wie alles achten: / Nichts ist drinnen, nichts ist draußen; / Denn was innen, das ist außen." Welks Kunst, hob der ehemalige Leiter des Offenbacher Klingspor Museums hervor, orientiere sich an diesem Gedanken, der beim Dichter in die Quintessenz münde: "Kein Lebendiges ist ein Eins, / Immer ists ein Vieles." In der Bewegung in Raum und Zeit sah Soltek eine Parallele im Schaffen Welks und Gehrmanns. Dessen Werk sei "gebunden an einen sehr großen Stein". Die Technik der Lithographie ermögliche es, lange an einem einzelnen Werkstück zu arbeiten, es zu verändern, auch Pausen einzulegen.

Das Neue mit dem Vorherigen verbinden

"Das Eigenleben des Steins erfordert die volle körperliche und geistige Präsenz des Künstlers", hob der Kunsthistoriker hervor. Erst dadurch gelinge es, die körperlichen, seelischen und emotionalen Aspekte im schöpferischen Werk gegenwärtig werden zu lassen. Es bedürfe des genauen Hinsehens, in der Fläche die reliefartige Kontur und räumliche Tiefe zu erkennen. Studieren lässt sich das an mehreren Drucken mit dem Titel "Palimpsest". Dabei wird der ursprüngliche Inhalt abgeschabt oder abgewaschen und die Fläche neu beschrieben. Das Neue vermischt sich mit den Resten des Vorherigen. So bilden sich neue Zusammenhänge. Soltek sprach von der "Tiefengründigkeit", die Gehrmanns Lithographien ausmache. Beider Künstler Werke lebten "von der Spannkraft und Eigenlebendigkeit". Soltek: "Sie arbeiten sich nicht an Formen ab, sondern geben ihnen ein markantes Eigenleben."

Die Welt erfahre eine ungeheure Beschleunigung, in der sich Räume verdichteten, führte er aus. "Das regt an, über das Thema Raum nachzudenken. Wir müssen uns sehr überlegen, wie wir Zukunft erschließen und Zukunftskompetenz erwerben." Wichtig sei, der Zukunft offen zu begegnen, Entwicklungen zuzulassen. Vielfach bestehe die Neigung, "Erinnerungen in falscher Form zu idealisieren" und Zukunft aus dieser idealisierten Vergangenheit heraus zu entwickeln, sagte Soltek. Gehrmanns und Welks Arbeiten seien daher als "Zeitzeichen" zu sehen und zu lesen, als "Erlebnis einer bestimmten Zeit."

Wird eine Spendensumme in Höhe von 25 000 Euro zugunsten der Regenwälder Amazoniens erreicht, wird Welks "Immersion" unter den Spendern verlost. Die Ausstellung dauert bis 1. Mai.

Leichtfüßig: Mit ihrem filigranen Charakter erscheinen viele von Welks Plastiken wie Zeichnungen im Raum.
Leichtfüßig: Mit ihrem filigranen Charakter erscheinen viele von Welks Plastiken wie Zeichnungen im Raum. © JP
In Stein gemeißelt: Der Künstler Eckhard Gehrmann vor einer Reihe seiner Lithographien.
In Stein gemeißelt: Der Künstler Eckhard Gehrmann vor einer Reihe seiner Lithographien. © JP

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