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Mit vier Nägeln ist Fredrik Wretmans Skulptur "Big Half Foot" auf einer Betonplatte befestigt, die wiederum diagonal auf einem dicken Podest ruht. Diese Art der Präsentation lehnt der Künstler ab. Ein Witzbold hat derweil am Kunstwerk ein Schild befestigt, das für "Fußpflege" bei "Dr. Klumpfuß" wirbt.

Bizarrer Streit

Kunstwerk sorgt für Entsetzen: So hatte sich das der Künstler nicht gedacht

  • Anke Hillebrecht
    vonAnke Hillebrecht
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Bildhauer Fredrik Wretman ist entsetzt über Präsentation seines „Fußes“ in Bad Homburg. Es steht auf vier kurzen Stangen statt auf auf einer Wiese.

  • Das Kunstwerk eines schwedischen Bildhauers steht in Bad Homburg.
  • Als der Künstler erfährt, in welchem Umfeld die Fuß-Skulptur steht, wird er sauer.
  • Der Fuß steht quasi auf Fakir-Nägeln an einer unansehnlichen Kreuzung.

Bad Homburg – Aua! Es muss der Fuß eines Fakirs sein, denkt man, wenn man sich die Skulptur „Big Half Foot“ auf ihrem neuen Betonsockel anschaut. Das von der Stadt für 100 000 Euro angekaufte „Blickachsen“-Kunstwerk ist inzwischen an seinem erkämpften Bestimmungsort, der PPR-Kreuzung, angekommen. Jetzt hat sich derjenige über den Standort und die Art der Präsentation geäußert, dessen Meinung man bisher überhaupt noch nicht erfragt hatte - Bildhauer Fredrik Wretman selbst.

„Ich hoffe, dass diese Platzierung nur vorübergehend ist“, schreibt der 67 Jahre alte schwedische Künstler per E-Mail an die TZ. Und dass „ohne zu viel Aufhebens ein neuer, passenderer Ort für den ,Big Half Foot‘“ gefunden werde. Ihm habe nie jemand Pläne oder Fotos des Bestimmungsortes für sein Kunstwerk geschickt geschweige denn ihn einbezogen - was Wretman befremdlich findet, nicht zuletzt angesichts des nicht unbeträchtlichen Kaufpreises, den die Stadt und somit die Steuerzahler dafür aufgebracht haben.

Bad Homburg: Fuß-Kunstwerk schwebt auf Fakir-Nägeln an unansehnlicher Kreuzung

Er habe keine Präferenz, wo in der Stadt sein "Fuß" stehen soll, da er sich ja nicht auskenne. Doch nachdem sein 2,40 Meter großes und bei den Blickachsen 12 beliebtes Kunstwerk auf der großen Wiese des Kurparks unterhalb vom Schmuckplatz präsentiert worden war, ging Wretman davon aus, dass der dauerhafte Standort ähnlich grün aussehen würde - "am liebsten in einem Park".

Die Stadtverwaltung habe ja zwei Standortvorschläge im Grünen gemacht, kontert Rathaussprecher Marc Kolbe die Kritik - gemeint sind die Grünfläche am Hindenburgring und der Acker unterhalb des Gotischen Hauses. "Aber die Politik hat anders entschieden, und daran müssen wir uns halten." Dennoch ist die Entscheidung höchst umstritten, waren doch ursprünglich sowohl die Homburger CDU als auch ihr Koalitionspartner SPD strikt gegen die PPR-Kreuzung gewesen. Am Ende ließ sich die CDU doch vom Dornholzhäuser Ortsbeirat umstimmen und votierte mit den Stimmen von AfD-Einzelkämpfern im Juni in der Stadtverordnetenversammlung für den Parkplatz vor Dornholzhausen.

Derzeit muss sich der "Fuß" optisch zwischen Feuerwehr-Halle und Klohäuschen behaupten - beides wird noch vom Parkplatz an der PPR-Kreuzung verschwinden.

Die wuselige, nicht gerade malerische Kreuzung als Hintergrund ist eine Sache; vor allem aber stört Wretman, dass der Fuß nicht im Gras steht. Derzeit schwebt der riesige Fuß quasi auf Nägeln oberhalb zweier Beton-Podeste - der Fakir lässt grüßen. "Ein Podest könnte okay sein - aber nicht noch das diagonale", ärgert sich Wretman mit Blick auf die versetzte obere Betonplatte. "Und definitiv darf man die metallene Befestigung nicht sehen!"

Bad Homburg: Boden unter Podest von Fuß-Kunstwerk soll begrünt werden

Wie Kolbe sagt, wird es aber genauso kommen. Geplant sei lediglich eine Begrünung des Bodens, auf dem der untere Podest steht. "Rund um das Podest wird Rasen gepflanzt, und außenrum kommt Lavendel." Der Fakir-Fuß wird also dauerhaft auf Nägeln schweben. "Die Verwaltung bedauert, dass die Gestaltung dem Künstler nicht gefällt", so Kolbe.

Die missfällt allerdings auch "Blickachsen"-Galerist Christian Scheffel. "Der Sockel sollte unter der Erde sein", findet Scheffel. Die Nägel dürfe man nicht sehen. "Man hat mir versprochen, dass eine Wiese mit Hügel angelegt wird." Das werde er bei einem Gespräch mit dem Oberbürgermeister diese Woche auch noch mal betonen. Den Standort PPR-Kreuzung finde er in Ordnung. "Man muss die Autonomie der Stadt anerkennen - sie hat das Kunstwerk schließlich gekauft", so Scheffel.

Bad Homburg: Bürger dürfen künftig den Standort für Kunstwerke wählen

Eine über den Standort entsetzte Bad Homburgerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, hatte den Künstler kontaktiert und ihm Fotos gemailt, wie sich dessen Kunstwerk derzeit präsentiert. Diese E-Mail war freilich von ihrer Überzeugung gefärbt - entsprechend ärgerlich war eine erste Reaktion des Künstlers ausgefallen. Hässlich finde er den Standort und die Handhabung der Angelegenheit respektlos, total bizarr und äußerst demütigend. Er will, dass sein Name nicht an seinem Kunstwerk stehen wird.

Die Stadt hat in den vergangenen Jahren schon zahlreiche Werke aus den "Blickachsen" erworben. Dass Künstler in die Standortsuche einbezogen werden, sei "nicht Usus in Bad Homburg", sagt Kolbe. Wohl aber habe die Politik das Problem erkannt. So habe der Kulturausschuss in seiner jüngsten Sitzung beschlossen, dass die Bürger künftig nicht nur bei der Auswahl der Kunstwerke mitbestimmen dürfen, sondern auch bei deren künftigem Standort. (Anke Hillebrecht)

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