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Bad Homburg: Gedehnte Karossen, verzerrte Technik

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Von: Ulrich Boller

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Als wäre die Ente bei einer Weltraum-Spazierfahrt einem schwarzen Loch zu nahe gekommen: Auch das Werk "Entzwei 2" von Stefan Rohrer ist derzeit in der Galerie Scheffel zu sehen.
Als wäre die Ente bei einer Weltraum-Spazierfahrt einem schwarzen Loch zu nahe gekommen: Auch das Werk "Entzwei 2" von Stefan Rohrer ist derzeit in der Galerie Scheffel zu sehen. © Priedemuth

"Drift" zeigt Werke des Künstlers Stefan Rohrer in den Jakobshallen der Galerie Scheffel. Die Ausstellung ist bis zum 10. September geöffnet.

Bad Homburg - Weit voraus eilt die Lenkstange, losgelöst von den übrigen Teilen des Motorrollers. Vorderrad und Schutzblech scheinen Mühe zu haben, diesem Höhenflug zu folgen - mehr noch das gewölbte Frontteil mit Lampe und Blinkern. In langem Schwung beschreibt der Mittelteil der Vespa einen schleifenförmigen Bogen um eine in warmem Gold leuchtende Straßenlaterne. Die scheint von der Sogkraft des hochgeschwind in die Länge gezogenen Kultgefährts derart erfasst, dass sie kaum zu wissen scheint, in welche Richtung sie sich biegen und bauchen soll. Erst dann folgen Hinterrad und Sitzbank, den Fliehkräften gehorchend, elegant in der imaginären Kurve liegend. Ein Sinnbild der Doppeldeutigkeit von Tempo und Fortbewegung schuf Stefan Rohrer mit "Vespa azzurro chiaro".

Elegante Schwünge lassen sich darin wahrnehmen, aber auch ein "schwindelnder Strudel", wie Rohrer sein 2014 entstandenes Werk charakterisiert. Zu sehen ist es mit zahlreichen weiteren Exponaten in den Jakobshallen der Galerie Scheffel in der Dorotheenstraße. Einer Fotografie, aufgenommen mit extrem langer Belichtungszeit, gleicht die Skulptur. Form löst sich auf, gerinnt zum Strom aus Farbe. Bewegung und Erstarrung scheinen im Moment festgehalten. Diese kreiselnden Strudel bilden gleichsam ein Leitmotiv, ebenso wie die Vespa oder Autos unterschiedlichen Formats bis hin zum 2CV, der "Ente", in Originalgröße.

Von jeher sei er "autoaffin" gewesen, sagt der 1968 im schwäbischen Göppingen geborene Rohrer. Die Leidenschaft ging so weit, dass der Sohn eines Architekten Autodesigner werden wollte. "Mit 16, 17 fing der Wunsch an zu bröckeln, wozu mein mehr ökologisch orientierter Freundeskreis einiges beitrug", blickt er zurück.

Stattdessen begann er eine Lehre als Steinmetz, legte darin seine Meisterprüfung ab. Studien in Bildhauerei schlossen sich an. Auf die Autos sei er erst langsam wieder gekommen, berichtet Rohrer, dessen Skulpturen unter anderem bei den "Blickachsen" zu sehen waren.

Nichts wird dem Zufall überlassen

"Java" spielt das Motiv der schleifenförmig abhebenden Vespa ein weiteres Mal durch, variiert es jedoch. Bei dieser Skulptur in Echtgröße nimmt das Vorderrad förmlich Reißaus, Federung und Stoßdämpfer sind beinahe grotesk in die Länge gezogen, der Motor hängt entblößt wie ein maschinelles Herz in der Luft. Direkt daneben blaut in kühner Biegung die Motorhaube des 2CV. Bevor er sich an ein Werk dieser Größenordnung wage, probiere er an einem Modell aus, was möglich sei, gibt Rohrer Einblick in seine Werkstatt.

Dem Zufall mag er nichts überlassen. Maß und Proportion müssen stimmen, die Statik tragfähig sein. Erst dann greife er zur Flex sowie zu Biege- und Profilmaschinen. Schweißen, Spachteln, Grundieren, Lackieren komplettieren den vielstufigen Arbeitsvorgang. Auf engem Raum erzählen vollplastische Wandbilder wie "Cobra 6" oder "Highway Patrol 6" comicartig kleine Geschichten. Der Streifenwagen der US-Polizei dreht sich dabei um ein imaginäres Zentrum, während der rote Mustang einem Fragezeichen gleich daran vorbeirauscht. Fesselnd wirkt ebenso "Power Flower". Der ironischen sprachlichen Verfremdung steht ein VW Käfer gegenüber, aus dessen Dach eine blaue Blume, Sehnsuchtssymbol der Romantik, sprießt.

Rohrers drei-, nein, die Zeit einbezogen eigentlich vierdimensionale Schöpfungen ergänzt eine Serie von Bildern, die Bauteile von Autos zeigen, vorwiegend Motoren. Rohrer bannt sie aufs Papier mittels Bleistift und Altöl, eine schwierig zu erlernende Technik.

Die plastisch ausgezeichneten Aggregate wirken auf die Distanz wie herausgerissene menschliche Organe oder verkrüppelte Insekten. Anschaulichkeit und Vieldeutigkeit machen Rohrers Schöpfungen aus.

Ihr Anblick regt an, beruhigend und beunruhigend zugleich. Bewegung in der Ruhe und umgekehrt. Ihr Rhythmus teilt sich dem Betrachter mit als "Rhythmus der Erkenntnis". Und die findet vielschichtig, auf unterschiedlichen Ebenen und aus unterschiedlichen Perspektiven statt. Oder wie es in Rohrers Herkunftsregion vielsagend heißt: "So isch no au wieder!"

Zu sehen sind Stefan Rohrers Arbeiten noch bis einschließlich Samstag, 10. September, in den Jakobshallen der Galerie Scheffel, Dorotheenstraße 5. Die Öffnungszeiten sind mittwochs bis freitags jeweils von 14 bis 19 Uhr und samstags 11 bis 15 Uhr.

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