Wie viele Kurgäste stieg der Sultan im "Hotel Russischer Hof" (1868), später Hotel de Russie" (1897) in der Louisenstraße 80/82 ab. Seit 1901 hieß das Haus "Hotel Augusta Victoria". Autos parkten damals noch nicht in der Kisseleffstraße.
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Wie viele Kurgäste stieg der Sultan im "Hotel Russischer Hof" (1868), später Hotel de Russie" (1897) in der Louisenstraße 80/82 ab. Seit 1901 hieß das Haus "Hotel Augusta Victoria". Autos parkten damals noch nicht in der Kisseleffstraße.

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Bad Homburg: Wer verkehrte wo mit wem?

  • Anke Hillebrecht
    VonAnke Hillebrecht
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In Bad Homburg gibt es jetzt eine neue Datenbank über die Kurgäste - darin finden sich viele prominente Namen.

Bad Homburg -Er kam vom anderen Ende der Welt; etwa eine Woche dauerte die Passage mit dem Dampfschiff Mitte des 19. Jahrhunderts von seinem Sultanat auf der malaiischen Halbinsel zu einem der Häfen Europas, wo Abu Bakar von Johor anlegte, um nach Homburg zu kommen. Der Sultan war einer der frühen Touristen der Kurstadt. Von Anfang August bis Anfang September 1890 weilte er hier und wohnte mit Gefolge und Dienerschaft im damaligen Hotel de Russie, auch bekannt unter Villa Augusta. Heute ist eine Drogerie in dem repräsentativen Eckhaus.

All diese Informationen, die man sich vorher bei Interesse mühsam in den alten Akten im Stadtarchiv zusammensuchen musste, sind jetzt mit zwei, drei flinken Mausklicks zu finden. Denn Historiker haben die papiernen Kurlisten, die von 1834 geführt wurden (ab 1860 hießen sie Fremdenlisten), ausgewertet und mit dem Digitalen Gebäudebuch der Stadt zusammengeführt. Durch dieses neue Modul kann man nun übers Internet forschen, wer wann nach Homburg kam, welchen Beruf die Person hatte und in welchem der damals zahlreichen Hotels sowie in wessen Begleitung sie abstieg.

Rund vier Jahre Arbeit hat ein sechsköpfiges Marburger Historiker-Team vom Landesamt für geschichtliche Landeskunde in das Projekt Kurgäste-Datenbank gesteckt. Mehr als 500 000 Ankunftsmeldungen und fast 5 Millionen Angaben zu Personen, teils in verschiedenen Schreibweisen, mussten validiert und via Excel-Listen eingepflegt werden.

Zurück zum Sultan: Ging er im Hotel zum Dinner, wurde an den Tischen um ihn herum viel Englisch gesprochen. Die Fremdenlisten weisen für das Hotel auf der Louisenstraße/Ecke Kisseleffstraße in diesem Zeitraum viele englische Namen auf - auch sie kann man im Datenbank-Eintrag über den Sultan lesen. Die Häufigkeit der Nationalitäten ist in farbigen Diagrammen dargestellt.

Spielbank, Prominenz, Kaiser: Viele Gründe

Einen Klick weiter öffnet sich das bereits über die Internetseite der Stadt abrufbare Digitale Gebäudebuch; es zeigt ein Foto von dem einstigen Hotel, einen historischen Grundriss und die heutige Fassade. Das neue Modul ist im Internet unter www.lagis-hessen.de/de/klhg zu finden und soll in Bälde auch auf www.bad-homburg.de verlinkt sein.

Der Name von Fjodor Dostojewski ist ebenfalls über die Datenbank zu finden - bei ihm hatten die Historiker allein in lateinischer Schrift mit 124 verschiedenen Schreibweisen zu kämpfen. Der russische Schriftsteller, einer der berühmtesten Gäste der Kurstadt, weilte zwei Mal hier: 1867 im Hotel Victoria (dort ist heute das Kaufhaus Karstadt) und 1870 im Hotel du Parc (Schwedenpfad 8).

Das Spielcasino oder einfach Erholung waren Gründe, warum die Besucher die damals beschwerliche Reise auf sich nahmen - darunter viele Briten. "Manche machten im Sommer eine Rundreise durch verschiedene Kurstädte auf dem Kontinent", erläutert Dr. Kai Umbach, einer der Historiker. Manche wollten aber auch einfach nur Prominenz treffen, die Militärparaden oder den Kaiser erspähen, wenn dieser gerade in seiner Sommerresidenz, dem Schloss, weilte - oder aber einen standesgemäßen Ehemann finden.

Ein früher "Arbeitsmigrant", so Projektleiter Prof. Holger Gräf, war Henry Jones Thaddeus (1859-1929). Der Porträtmaler aus Irland mietete sich jeden Sommer in einem Zimmer in der Kaiser-Friedrich-Promenade 93 ein. Gräf: "Denn hier saß schließlich das Geld."

"Das neue Modul ist ein wichtiger Baustein für die Erforschung der Geschichte unserer Stadt", erklärt OB Alexander Hetjes (CDU). Die Kurgäste-Datenbank ergänzt die "Orte der Kur" (2013 freigeschaltet) und das Digitale Gebäudebuch (2016), die sich der Topografie und dem Baukörper der Stadt widmen - und nun geht es um die Kurgäste selbst.

Stadtarchiv-Leiterin Dr. Astrid Krüger hofft, dass sich auf diese Weise auch jüngere, internetaffine Bevölkerungsgruppen stärker für die Homburger Historie begeistern lassen. Mit Blick auf andere Kurstädte, die an diesem Wochenende den Welterbe-Status erhalten haben - Bad Homburg hatte sich mit seiner Kurgeschichte dafür einst erfolglos beworben -, wirbt Krüger dafür, dass weitere Kurstädte ihre Historie für die Bürger dergestalt nutzbar machen. Bad Homburg hat mit dem neuen Modul bislang noch ein Alleinstellungsmerkmal. "Andere Städte sind jetzt Welterbe; Bad Homburg hat diese Datenbank", fasst es der Projektleiter zusammen.

von Anke Hillebrecht

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