Betörende Balladen

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Tango und Jazz wie neugeboren. Die israelische Band „Last of Songs“ nahm den Kulturspeicher mit Phantasie und Rhythmus ein.

Irit Dekel ist eine Knospe. Ihr schwarzer Pagenkopf umrahmt dunkle Augen und einen sehr roten Mund wie Blütenblätter. Zögernd entlässt sie die ersten Worte des zarten Liebeslieds „The Rose“ in den Raum, fast im Sprechgesang: „Some Say Love“. Der Flügel (Eldad Zitrin) untermalt die eingängige Melodie, die Trommel (Elad Cohen Bonen) schlägt, wie um jedes Wort end-gültig werden zu lassen. Adi Har Zvi am Bass bringt die Schwermut. Dann ein Tango, Zitrins Hände in windeseiligem Tempo am Akkordeon, der Rhythmus fährt durch den schlanken Körper der Sängerin. Sie lacht mit kokettem Blick, wiegt sich im Takt der Klezmermusik, aus dem die Klarinette mit schrillem Ton wie ein Schrei hervorschießt.

„Last Of Songs“, vier junge Musiker aus Israel, malen Straßenleben und Liebesleid auf die in verführerischem Rot angestrahlte Ziegelwand des Kulturspeichers. Es ist ein deutscher Donnerstagabend, die Gedanken sind längst ganz woanders. Wir spazieren die Straßen im Melting Pot Jerusalem auf und ab, fühlen uns in den aufreizenden Jazz der dreißiger Jahre versetzt. Die musikalische Phantasie, die hier so frisch und vielsagend nach Platz greift und Altes mit neuem Schwung und neuem Sentiment versieht, hat etwas ungemein Betörendes.

Jeder Gedanke, Jazz könne am Sterben sein, weil er doch für junge Leute nichts sei, weder als Musiker noch als Hörer, verfliegt. Er kommt im Gewand des Blues, mit Pop versetzt, mit Synthesizertönen erfrischt, ein himmlischer Cocktail mit höllischen Soli, bei denen etwa Cohen Bonen sein Schlagzeug mit einem Tempo drischt, dass die Augen nicht mehr folgen können und sich die Ohren vorsichtshalber belegen.

Geduld und ein wunderbarer Zufall brachten die Begegnung von Irit Dekel und Eldad Zitrin hervor. Sie versuchten es mit einem Probearrangement von „Blues In The Night“ und hatten Glück, das sie jetzt, an diesem aufregenden Abend, weitergeben, gemeinsam auf dem Klavierschemel sitzend, strotzend vor Musik.

Wie sie aus dem montagmor-genfrischen Lied „Bye-Bye, Love“ eine gedankenverloren vor sich hin tastende Ballade machen, das hatte Klasse.

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