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Mit kritischem Profi-Fotografen-Blick begutachtet Alexandra Berninger die ausgestellten Arbeiten des Fotoclubs. Ihr Urteil ist eindeutig: ?Sehenswert sind sie alle!?

Der Blick des Profis

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„Jung und/oder Alt“ – der zugegebenermaßen etwas sperrige Titel der Jahresausstellung des Fotoclubs Bad Homburg zeigt, dass es sich die Mitglieder in diesem Jahr nicht leicht gemacht haben. Denn natürlich geht es nicht nur um Gegensätze oder darum, typisch Altes und/oder Junges einzufangen, sondern das Thema kreativ zu „beackern“. Und das ist gelungen. Es ist eine Ausstellung entstanden, die sogar Profi-Fotografen beeindruckt – und unbedingt sehenswert ist.

Die Schiffswracks türmen sich rechter- und linkerhand. In der Mitte geben sie den Blick frei auf den kleinen, schnuckeligen Hafen, in dem ihre Nachfolger, frisch lackiert und jederzeit startklar, darauf warten, von den Leinen losgemacht zu werden. Ein unglaublich intensives Foto mit dem Titel „Sie erzählen ihm von früher“ und eines, das perfekt das Jahresmotto des Fotoclubs Bad Homburg „Jung und/oder Alt“ einfängt. Gemacht hat es Michael Flasshoff, der Vorsitzende des Fotoclubs Bad Homburg, und zwar in der Bretagne.

„Die Kombination zwischen Zerstörtem und Neuem hat dieser Fotograf ganz wunderbar eingefangen – auch perspektivisch“, sagt Alexandra Berninger. Sie muss es wissen. Die Profi-Fotografin betreibt ein Fotostudio im Schwedenpfad und ist auf Einladung der TZ mit zur Vernissage gekommen, um die Bilder genauer unter die Lupe zu nehmen.

Gleich vorweg: Ihr Urteil fällt ziemlich gut aus. „Man sieht in vielen Fällen, dass hier nicht nur Fotografen am Werk waren, die die Technik beherrschen, sondern auch ein Auge fürs Detail und für die Komposition haben. Das ist klasse.“ Sie sage ihren Auszubildenden immer: „Ich kann Euch 80 Prozent in Sachen Fotografieren beibringen. Aber 20 Prozent sind Talent. Das hat man – oder nicht.“ Im Falle der Werke des Fotoclubs habe sie viele gesehen, deren Schöpfer „definitiv über besagte 20 Prozent verfügen“.

Zum Beispiel Dr. Sibylle

Mattern. „Junges Grün auf alten Stümpfen“ hat sie ihr Foto überschrieben. Es zeigt einen alten Baumstumpf im Nebel, auf dem junges Grün und Pilze sprießen und hinter dem sich dicht an dicht weitere alte Bäume aneinanderreihen. „Das ist kein typisches Motiv für das Thema ,Jung und/oder Alt‘ und gerade deswegen ist es so kostbar. Es zeigt nämlich, dass da jemand um die Ecke gedacht hat“, urteilt Berninger.

Ernst Fritzemeiers Foto „Zwiegespräch“ wirkt erst auf den zweiten Blick – dafür aber doppelt. Es zeigt eine Frau, die mit ihrem Sohn diskutiert. Eine Alltagssituation. Zumindest so lange, bis man sich die Fingerhaltung der Frau anschaut. Daumen und Zeigefinger sind ineinander verschränkt, die restlichen Finger zeigen in gerader Linie nach vorne. Was Fragen aufwirft. Und was genau die Intention der Bilder des Fotoclubs ist. Der Betrachter soll sich schließlich damit auseinandersetzen.

32 von insgesamt 81 Mitgliedern des Fotoclubs Bad Homburg, der zu den größten in Hessen zählt, sind in der Jahresausstellung in der Volkshochschule zu sehen. Viele weitere werden in einer Dia-Show eingeblendet. „Sehenswert sind sie alle, auch wenn einige das Thema vielleicht oberflächlicher einfangen als andere“, sagt Berninger und verweist auf Fotos, die ganz typisch die Gegensätze von Alt und Jung einfangen. Etwa solche, die alte und junge Menschen gemeinsam zeigen.

Zu Berningers persönlichen Favoriten zählt das Werk von Gerhard Spangenberg „Alter Mann in der Camargue“. Es zeigt in Nahaufnahme das Gesicht eines alten Mannes, vom Leben mit unzähligen Falten gekennzeichnet, in grobe Wolle gehüllt und mit halb aufgerauchter Zigarette im Mund. „Ein preisverdächtiges Foto“ urteilt Berninger, denn hier stimme bis zum Lichteinfall und den deutlich zu sehenden Poren auf der Nase „so ziemlich alles“. Das Foto könnte auch in einer Geo-Reportage über Fischer in der Camargue zu sehen sein. Nur eines hätte die Profi-Fotografin anders gemacht: „Ich hätte noch ein bisschen mehr von seinem Hals gezeigt. So endet das Bild am unteren Rand für meinen Geschmack ein bisschen zu abrupt.“

Die Ausstellung ist bis Freitag, 24. März, im Foyer der Volkshochschule, Elisabethenstraße, zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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