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In seiner Ansprache betonte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die charakterbildende Bedeutung von Musik.

Hoher Besuch

Bundespräsidenten Steinmeier bei den Tagen der Chor- und Orchestermusik

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Wenn der Bundespräsident kommt, steht eine ganze Stadt Kopf. Und Spalier. Die präsidiale Visite gestern zum Abschluss der Tage der Chor- und Orchestermusik im Kurhaus geriet zu einer fröhlichen Angelegenheit. Der oberste Repräsentant der Republik zeigte sich volksnah und musikinteressiert. Ein Mal hat er sogar selbst mitgesungen . . .

„Wo man singt, da lasse dich ruhig nieder (. . .) Böse Menschen haben keine Lieder“, reimte einst Johann Gottfried Seumes in einem Volkslied. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier konnte bei seiner Visite gestern im Bad Homburger Kurhaus also ziemlich sicher sein, dass ihm nichts Böses widerfahren würde. Deshalb konnte er sich auch im wahrsten Sinne „ruhig niederlassen“, gleich neben Oberbürgermeister Alexander Hetjes, Landrat Ulrich Krebs und Boris Rhein, Landesminister für Wissenschaft und Kunst (alle CDU), in der „protokollarisch ersten Reihe“ des Landgraf-Ludwig-Saals, was aber tatsächlich die vierte Reihe war, weil ganz vorne die Musiker saßen.

Anlass des Empfangs in der, so der OB, „schönsten Stadt Deutschlands“ war die Verleihung der Zelter-Plakette an den Winkeler Frauenchor und der Pro-Musica-Plakette an den Musikverein Viktoria 08 Ober-Roden durch den Bundespräsidenten.

Der Sicherheitsaufwand zum Schutze des Staatsoberhauptes war riesig, denn so recht wollte sich bei der Polizei niemand auf die literarisch gemachte Friedfertigkeit der Sänger und deren Publikum verlassen. Über 100 Beamte, meist uniformiert, teils aber auch auffällig unauffällig im Anzug und bis über beide Ohren verkabelt, wachten darüber, dass nichts passierte. Ins Kurhaus kam nur, wer nach aufwendiger Durchsuchung als „ungefährlich“ eingestuft und mit einem roten Bändchen versehen worden war. An alles war gedacht, selbst in den Aufzügen, die gestern von aufmerksamen Liftboys und -girls pilotiert wurden. Die kannten den Weg genau, ein Auf und Nieder immer wieder.

Nur wenige Schaulustige harrten der Ankunft Steinmeiers vor dem Kurhaus beiderseits des roten Teppichs, OB Hetjes nebst Gattin Stephanie wartete gemeinsam mit Boris Rhein und Ernst Burgbacher, Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Chor- und Orchesterverbände, auf den Gast, dazu spielte die Kapelle „Münchner Blechreiz“ – großes Kino. Es war 10.44 Uhr, als die Wagenkolonne des Präsidenten, begleitet von acht Polizeimotorrädern, am Kurhaus vorfuhr. Beifall brandete auf, als der hohe Gast, begleitet von seiner First Lady Elke Büdenbender der Staatslimousine mit dem markanten Kennzeichen „0-1“ offensichtlich gut gelaunt entstieg und, das huldigende Winken erwidernd, dem Eingang zum Kurhaus zustrebte.

Sehr zum Schrecken seiner Sicherheitseskorte nahm der Präsident, ganz volksnah, auch per Handschlag Kontakt zum Volk auf. Augenscheinlich wurden dabei aber nur freundliche Worte gewechselt und natürlich auch Selfies gemacht. Aber der Präsident ließ die weit über 600 Gäste im Saal noch etwas warten, denn draußen auf dem Flur roch es nach Kaffee. Selbst als Minister Rhein bereits rein wollte, goss sich Steinmeier eigenhändig und locker parlierend die zweite Tasse ein. Dann war es aber so weit, die Türe öffnete sich, der Saal erhob sich beifall-spendend auf den Tipp von Moderator Lorenz Overbeck hin. Bad Homburg und die deutsche Amateurmusik standen Kopf. Und Spalier.

In einer Zeit, in der jeden Tag in Deutschland mehr Gesangvereine in Schweigen verfallen als sich neue gründen, wird die Affinität von Bundespräsident Steinmeier zur tonal gereimten Lebensäußerung nicht zuletzt als ein Plädoyer für den kollektiven Gesang zu verstehen sein. Steinmeier gilt im Volke als bodenständig und den Sorgen, aber auch Freuden der Deutschen stets zugewandt. Man weiß von ihm, dass er musikalischer Erbauung nicht abgeneigt ist. Auch hat man bei verschiedenen hochrangigen, musikalisch begleiteten Anlässen schon ein ums andere Mal ein taktvolles Mitwippen des präsidialen Fußes beobachtet.

Was die am Sonntag im Prunksaal des Kurhauses versammelten Chöre und Kapellen aber besonders interessierte: Wie hält es der Bundesvater, der natürlich nur im übertragenen Sinn im Staat die erste Geige spielt, selbst mit dem Musizieren? Die Frage, ob er bei langen Autobahnfahrten zwischen Aktenstudium und Telefonaten mit den Wichtigen dieser Welt in seinem schwarzen Wagen, so wie weiland Amtsvorgänger Walter Scheel auf seinem gelben, bisweilen ein frohes Lied auf den Lippen hat, ist nicht überliefert. Verlautbarungen des fahrenden Personals und möglichen Publikums gibt es dazu nicht. Ist aber auch klar, des Präsidenten Chauffeur hat natürlich ein Schweigegelübde abgelegt, bevor er seinen Dienst am Steuer der Präsidentenlimousine antrat. Aber seit gestern weiß man: Steinmeier kann singen. Textsicher nahm er am „Gemeinsamen Lied“ teil, zu dem Chorleiter Jan Schumacher ähnlich den Fischer-Chören den ganzen Saal verhaftet hatte: „Es tönen die Lieder!“ Schumacher ließ vierstimmig singen, quer durcheinander sollten sich die Sänger analog ihrer Geburtsmonate äußern, praktisch vierteljährig. Steinmeier sang gleich im ersten Quartal mit, er hat am 5. Januar Geburtstag.

In seiner Ansprache hob er die charakterbildende, gesellschaftsfördernde Bedeutung des Musizierens hervor. „Wenn ein Stück nach langen Proben gelingt, dann stellt sich dieses Gefühl von Einheit ein, das Empfinden, teilzuhaben an einer sinnvollen Ordnung, an Gemeinschaft“, sagte Steinmeier. Wenn es gut gehe, entstehe daraus etwas, das den meisten Menschen ein Grundbedürfnis sei – Harmonie, ein gutes Gefühl, ein Quell der Freude.

Staatsminister Rhein betonte die Verbundenheit zwischen Musik und Heimat. Heimatgefühl lasse sich kaum besser leben als durch Musik. OB Alexander Hetjes sah in dem Festakt den klangvollen Schlusspunkt einer Reihe von wunderbaren Tagen der Chor- und Orchestermusik. Er habe erlebt wie mitreißend Musik sein und wie viel Freude sie vermitteln könne. Die Stadt fühle sich bestärkt in ihrem Weg, Musik in allen Altersstufen zu fördern,

Musikalisch hochkarätig umrahmt wurde der Festakt durch das Orchester der TU Darmstadt mit Beethovens Sinfonie Nr. 2, 1. Satz. Der Jugendchor Hochtaunus unter Leitung von Tristan Meister erhielt geradezu frenetischen Beifall, ebenso das Ensemble Vocapella Limburg. Zum Ausklang machte die Landes-Akkordeon-Big-Band Hessen den „Rausschmeißer“.

Für Steinmeier war der Besuch damit noch nicht zu Ende. OB Hetjes hatte das Glück für Bad Homburg dadurch perfekt gemacht, dass er die Steinmeiers zum Lunch in die Spielbank einlud: Vier Gänge gab’s, ganz sicher ein kulinarischer Gewinn ganz ohne Risiko. Danach eilten die hohen Gäste frisch gestärkt zum Flughafen, wo bereits die Präsidentenmaschine für den Rückflug nach Berlin wartete.

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