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Das Kopftuch ist für sie ein Gebot Gottes: Khola Maryam Hübsch.

In der Englischen Kirche

"Burka macht mir auch Angst": Hochkarätige Diskussion über Islam und Toleranz

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„Er im T-Shirt, sie mit Kopftuch, das ist keine Gleichberechtigung.“ Bei der Podiumsdiskussion über die Fremdheit islamischer Gepflogenheiten in der Englischen Kirche ging es um Gesetz und Toleranz. Eine harte, aber faire Diskussion.

Die Journalistin und Muslimin Khola Maryam Hübsch trug ihr Haupt bis zum Kinn verhüllt. Sie hatte aber noch einen zweiten Schal um ihre Schultern liegen, ganz der Mode nach, als wolle sie sich als moderne Frau identifiziert wissen und beweisen – der Westen und der Islam passten zusammen. „Ich darf ihnen ja nicht die Hand geben“, sagte der Moderator Meinhard Schmidt-Degenhardt eingangs und war sofort beim Thema der Podiumsdiskussion am Mittwochabend: „Vom Kopftuch und anderen Konflikten, Toleranz und ihre Grenzen“. Sechs Musliminnen bekannten sich mit allerdings schicker winterlicher Kopfbedeckung in der voll besetzten Englischen Kirche zu ihrem Glauben.

Dr. Bettina Gentzcke vom Magistrat wies darauf hin, dass früher das Kopftuch auch hier üblich war und etwa Grace Kelly und Audrey Hepburn es berühmt gemacht hatten. Khola Maryam Hübsch sagte, sie wolle niemanden brüskieren, doch körperlicher Abstand sei vom Islam gewollt. Frauen seien angehalten, ihre Augen auf der Straße zu Boden zu schlagen. Auch Männer sollten keine enge Kleidung tragen. „Im Koran gibt es keine Kleidervorschrift, aber das Kopftuch drückt meine Liebe zu Gott aus. Für mich ist es Gebot.“ Letzthin werde sie deswegen angefeindet. „Aber ich habe mir ein dickes Fell zugelegt“, sagte sie weiter. Und: „Meine Töchter können mit 14 Jahren entscheiden, ob sie es tragen wollen.“

Die Entgegnung ihrer Nachbarin auf dem Podium war eindeutig. Die Kölner Muslimin und ehemalige Bundestagsabgeordnete Lale Akgün: „Wir haben in unserer Familie nie Kopftuch getragen. Die Hand zu geben gehört zum sozialen Selbstverständnis, das ist hier Sitte.“ Das Publikum reagierte mit lautem Beifall. Akgün weiter: „Bedeckung heißt für mich, dass sich Frauen vor Männern schützen müssen.“ An Hübsch gewandt sagte sie: „Ihr bedecktes Kinn bedeutet mir, sie müssen sich vor Vergewaltigung schützen.“ Sie als Feministin sei für Gleichberechtigung, auch bei der Kleidung. Wenn bei 40 Grad der Mann im T-Shirt, die Frau aber bedeckt gehe, sei das eben nicht gleichberechtigt.

Sie bezweifelte auch die Freiwilligkeit beim Thema junge Mädchen und Kopftuch: „Wenn sie so erzogen wurden, glauben sie am Ende noch, sie zögen aus freien Stücken das Kopftuch an. Da springt mir das Messer in der Tasche auf. Eine bekennende Muslimin muss kein Kopftuch tragen.“ In der Schule etwa laufe das darauf hinaus, dass Mädchen nicht am Schwimmunterricht teilnähmen, nicht an Chemie wegen des Alkohols, nicht an Biologie wegen der Sexualkunde. „Das wird vom politischen Islam diktiert.“

Stephanie Braun von der Leitung der Gesamtschule am Gluckenstein (GaG) berichtete von ihren Erfahrungen: „Wenn nach den Ferien Mädchen mit Kopftuch kommen, haben sie das oft zuvor über die sozialen Medien verbreitet. Wir begegnen ihnen mit Toleranz und leben unsere demokratischen Werte vor.“

Der emeritierte Professor für Öffentliches Recht, Dr. Rudolf Steinberg, sagte: „Das Kopftuch ist vom Recht auf Religionsfreiheit gedeckt, also grundsätzlich in der Schule erlaubt. Es geht aber auch um den Schulfrieden. Eine Lehrerin darf es tragen, so es den Schulfrieden nicht gefährdet. Was aber, wenn Pegida-Eltern am Tor stehen und protestieren. Wir haben die Möglichkeit, das Kopftuch bereichsspezifisch zu verbieten, wenn etwa Salafisten in bestimmten Gegenden unheilvollen Einfluss aufs Lebensumfeld ausüben. Sie lehnen die Grundrechte ab, wollen unsere Grundordnung abschaffen. Die Niqab, die Burka mit Sehschlitz, wird fast ausschließlich von ihnen getragen. Hier muss der Staat das Gemeinwesen schützen.“ Er sehe ein generelles Verbot skeptisch, nicht aber dort, wo eine „kommunikative Situation“ bestehe, auf Behörden oder vor Gericht. „Hier muss der Staat eingreifen.“

Von Gesetzeskonflikten in der GaG kann Stephanie Braun nicht berichten. „Wir pflegen einen unaufgeregten Umgang mit den Schülern. Ich habe herumgefragt: Die Schülerinnen sagen, sie seien nicht unter Zwang, kennen aber welche, bei denen das so sei. Wir werben um das Vertrauen ihrer Eltern; fällt die Klassenfahrt in den Ramadan, können sie das Fasten um eine Woche verlegen.“ Steinberg sagte, dass Schulen nicht frei von Religion sein müssten. „Aber keine Religion wird privilegiert. Keine religiösen Symbole im Gebäude, nur der Lehrer darf seine Bekenntnis zeigen.“

Bei der Burka waren sich alle Beteiligten ziemlich einig. Hübsch: „Sie macht mir auch Angst. Aber die Burka-Frau verletzt nicht Grundrechte, sie beruft sich auf sie.“ Steinberg meinte, die Burka widerspreche fundamental den Gepflogenheiten dieser Gesellschaft, was ihm ebenfalls viel Beifall einbrachte. Trotzdem sei er gegen ein Verbot, das auch verstärkenden Effekt haben könne. „Mich besorgt die Entfremdung zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den sehr unterschiedlichen Muslimen. 40 Prozent der Deutschen fühlen sich fremd im eigenen Land.“ Unter weiterem Beifall sagte er: „Wir Deutschen müssen tolerant sein, es muss aber auch Rücksicht der Muslime auf die Mehrheitsgesellschaft geben.“ Akgün wiederum macht es Angst, dass der private Islam im Rückzug sei, der politische aber im Anmarsch: „Normalerweise passen sich Einwanderer an ein Land an.“ Steinberg: „Die Minderheit muss auf die Mehrheit zugehen, aber Muslime dürfen nicht zu Sündenböcken werden.“ Hübsch forderte ein neues Wir-Gefühl auf Augenhöhe und zitierte Goethe: „Toleranz sollte nur eine vorübergehende Gesinnung sein. Sie muss zur Anerkennung führen.“

Am Rande bemerkt: Die Handtaschenkontrolle in der Englischen Kirche war durchaus ungewohnt, aber es blieb trotz teils scharfer Diskussion ein ungestörter Abend.

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