Die Lage auf den Intensivstationen ist angespannt, der Kampf gegen Corona ist auch in den Hochtaunus-Kliniken ein Kraftakt.
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Die Lage auf den Intensivstationen ist angespannt, der Kampf gegen Corona ist auch in den Hochtaunus-Kliniken ein Kraftakt.

Interview

Corona-Patienten in den Hochtaunus-Kliniken: "Bis auf das Piepsen ist es ruhig im Zimmer"

  • Anke Hillebrecht
    vonAnke Hillebrecht
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Der Leiter des Intensivzentrums Bad Homburg spricht im Interview über die schwierige Corona-Situation in den Hochtaunus-Kliniken und erklärt, warum die Patienten immer barfuß sind.

Bad Homburg - Es sind die Menschen, die direkt mit den schwer an Covid-19 Erkrankten zu tun haben - und oft die letzten, die die Patienten sehen. Die Pflegerinnen und Pfleger auf den Intensiv-Stationen leisten Ungeheures. Wie es derzeit in den Hochtaunus-Kliniken in Bad Homburg aussieht, berichtet Christian Scharf (44), Stationsleiter im dortigen Intensivzentrum, im Interview mit TZ-Redakteurin Anke Hillebrecht.

Guten Tag, Herr Scharf. Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?

Ein typischer Frühdienst beginnt um 6 Uhr mit einer Übergabe vom Nachtdienst zu jedem Patient, jeder Patientin. Eine Schicht dauert mit Vor- und Nachbereitung zwischen 8,5 und 9 Stunden.

Und sind Sie immer für Corona-Patienten zuständig?

Alle Mitarbeiter des Intensivzentrums rotieren regelmäßig in den Covid-Bereich. Bei uns sind alle Altersschichten vertreten; wir versuchen es aber so weit wie möglich, Kollegen über 60 nicht im Covid-Bereich einzusetzen.

Bad Homburg: Leiter des Intensivzentrums im Interview - „Geht bei vielen an Belastungsgrenze“

Was macht dies so fordernd?

Im Covid-Bereich kommt noch das Anlegen der Schutzkleidung dazu: Komplettschutz von Kopf bis Fuß mit Haube, Brille, Visier, FFP2- oder FFP3 Maske, wasserabweisende Kittel oder Anzüge und OP-Schuhe. Das geht bei vielen an die körperliche Belastungsgrenze. Es sind aber mehrere Pausen für die Mitarbeiter vorgesehen und die Klinikleitung achtet auch darauf, dass wir genügend Getränke und Mahlzeiten erhalten.

Ist das Anlegen der Schutzmontur nicht auch ein erheblicher Zeitaufwand?

Ja, aber in der Regel bleibt jemand, der einen Schutzanzug angelegt hat, länger im betreffenden Zimmer.

Christian Scharf, Leiter des Intensivzentrums Bad Homburg.

Schwierig ist sicherlich auch das Drehen der Patienten. Sind diese dabei bei Bewusstsein?

Nein, sie sind im künstlichen Koma. Ihre Lunge ist durch Covid-19 stark beeinträchtigt. In Bauchlage ist die Lunge besser belüftet. Sie sind überall abgepolstert, um keine Druckschäden zu bekommen, aber für Untersuchungen und Körperpflege müssen sie nach 16 bis 18 Stunden umgedreht werden. Das machen wir mit vier oder fünf Kollegen, auch Ärzten, zusammen. Jeder hat dabei seine Aufgabe. In der Pause wird auch geschaut, ob sich der Zustand des Patienten verbessert hat. Es dauert eine Dreiviertelstunde, bis er anschließend wieder neu verkabelt ist.

Warum sind die Kranken eigentlich immer barfuß, wie im Fernsehen zu sehen ist?

Viele haben hohes Fieber und sind daher barfuß, aber wache Patienten dürfen auf Wunsch Socken tragen.

Corona in den Hochtaunus-Kliniken in Bad Homburg: „Bis auf das Piepsen der Geräte ist es ruhig im Zimmer“

Wie geht es den Patienten?

In der Regel sind sie so schwer erkrankt, dass sie nicht auf Toilette gehen können. Wer nicht künstlich beatmet wird, bekommt natürlich Essen, Getränke und hochkalorische Nahrung, damit dem Körper während der Krankheit genügend Energie zur Verfügung steht.

Sprechen Sie auch mit den Patienten?

Die meisten werden beatmet; diese Patienten sind nicht wach. Andere liegen mit Sauerstoffmaske da. Da ist es bis auf das Piepsen der Geräte recht ruhig im Zimmer. Und da ja Besuchsverbot herrscht, kommt außer uns und den Ärzten auch niemand zu den Covid-Patienten. Aber sie können ihre Angehörigen anrufen oder Videobotschaften empfangen. Unsere IT bereitet dies dann so auf, dass auch ältere Leute sich die Videos ansehen können. Man merkt, dass ihnen das gut tut! Unter den Infizierten sind auch einige Demenzkranke; es ist wichtig, dass sie ein bekanntes Gesicht sehen. Wir haben viele ältere Patienten, die gar nicht verstehen, was passiert ist. Ausnahmen gibt es bei Patienten, die im Sterben liegen: Hier ermöglichen wir den Angehörigen ein angemessenes Abschiednehmen.

Wie viele Patienten haben Sie insgesamt zu versorgen?

Zurzeit etwa 20 Patienten. Das Intensivzentrum ist in mehrere Bereiche aufgeteilt: Nicht-Covid-Intensivstation (weißer Bereich), Covid-Intensivstation (schwarzer Bereich), Verdachtsbereich (grauer Bereich; hier liegen alle Intensivpatienten, bei denen der Covid-Abstrich noch aussteht) und die Überwachungsstation.

Wie lange liegen die Patienten durchschnittlich auf Intensiv?

Zwischen 14 und 21 Tagen im bestmöglichen Verlauf.

Sind die Patienten auf Intensiv ansprechbar?

Es gibt Patienten, die ansprechbar sind - meist jüngere mit mehr körperlichen Reserven. Viele sind jedoch intubiert und werden künstlich beatmet; das sind meist ältere, geschwächte Personen, oft mit vielen Vorerkrankungen.

Bad Homburg: Gute Ausbildung im Intensivzentrum - Trotzdem herrscht Fachkräftemangel

Haben Sie das Gefühl, Sie sind personalmäßig gerüstet für diese Pandemie?

Fachkräftemangel gibt es natürlich überall, gerade in diesen schweren Zeiten. Wir können uns aber glücklich schätzen, dass im Intensivzentrum schon immer Wert auf eine guten Ausbildung bestand. Wir bilden zwei Fachkräfte pro Jahr aus. Aber es gibt natürlich auch viele Pflegekräfte mit großer Intensiv-Erfahrung bei uns, die nicht diese Zusatzqualifikation haben, aber auch unersetzlich sind. Und gerade in diesen Zeiten spielt Motivation eine große Rolle.

Wie hoch ist der Anteil an Männern bei Ihnen?

Immerhin fast 40 Prozent. Wir werden immer mehr, gerade auf der Intensivstation. Vielleicht, weil es hier medizinischer ist als auf anderen Stationen - und durch die Geräte, die man bedienen muss, auch technischer.

Bad Homburg: Schwerer Corona-Verlauf bei jungem Altenpfleger blieb im Gedächtnis

Gab es eine Situation, die Ihnen besonders nahe ging?

Ein besonderes Beispiel war ein junger Altenpfleger (28) aus der Umgebung, der mit einem schwerem Verlauf zu uns auf die Intensivstation kam. Bei Aufnahme war er ansprechbar und konnte meinen Kolleginnen über seine Ängste berichten. Später verschlechterte sich sein Zustand rapide, so dass er ins künstliche Koma versetzt werden musste. Auch danach trat keine Besserung ein, und der junge Mann wurde nach Frankfurt in die Uniklinik verlegt. Dort ist ECMO, eine spezielle Sauerstofftherapie möglich, die wir hier nicht haben. Nach zwei Wochen kam der Patient zurück. Er bedankte sich bei meinen Mitarbeitern für ihre aufopfernde Arbeit und Betreuung.

Haben Sie nicht Angst, sich selbst anzustecken?

Diese Angst hat natürlich jeder von uns Pflegekräften. Die hat man im Hinterkopf, auch wenn wir immer vorsichtig sind. Zwar sind wir die meiste Zeit hier in der Klinik und werden auch regelmäßig getestet. Aber wir haben ja zu Hause auch Familie und leben ganz normal.

Bad Homburg: Test-Zentren erweitern ihre Kapazitäten

Viele Menschen im Taunus suchen derzeit Möglichkeiten, sich vor den Feiertagen noch schnell auf Corona testen zu lassen. Die Hochtaunus-Kliniken haben reagiert und bieten in ihrem Testzentrum auf dem Bad Homburger Campus erweiterte Öffnungszeiten vor Weihnachten an. Dabei handelt es sich um einen PCR-Labortest, der als sicherstes Verfahren gilt, um eine Infektion nachzuweisen. Er kostet 90 Euro; nach 24 Stunden wird das Ergebnis mitgeteilt. Die Abstrichambulanz hat am Montag, 21., und Dienstag, 22. Dezember, von 7 bis 13 Uhr geöffnet. Termine können nur über die Website der Kliniken gebucht werden: www.hochtaunus-kliniken.de. Dort findet man auch weitere Infos zum Corona-Test. Während der Feiertage ist die Abstrich-Ambulanz geschlossen. Von Montag, 28., bis Mittwoch, 30. Dezember, kann man sich dort wieder testen lassen (Montag und Dienstag von 7.30 bis 11.30 Uhr, Mittwoch 7.30 bis 9.30 Uhr). Von Silvester, 31.Dezember, bis einschließlich Sonntag, 3. Januar, ist das Test-Center geschlossen.

Auch die Corona-Schwerpunktpraxis im Gluckensteinweg (Kirdorf) hat ihr Angebot wegen großer Nachfrage ausgebaut. Im ehemaligen Gemeindezentrum auf der (Richtung Nesselbornfeld fahrend) rechten Straßenseite werden montags bis freitags von 10 bis 14 Uhr Personen mit Erkältungssymptomen getestet und jetzt auch Personen, die sich gut fühlen, aber gemäß aktueller Test-Verordnung Kontakt zu einer Corona-positiven Person hatten. Auch privat bezahlte Tests seien möglich, erklärt Praxis-Gründer Dr. Christian Müller. Anmeldung unter Telefon (0 61 72) 8 03 99 82 (AB) oder per Mail an info@coronapraxis-hochtaunus.de, Näheres auf http://coronapraxis-hochtaunus.de. Am 22. und 23. Dezember bietet die Praxis auch Schnelltests für die Weihnachtsfeiertage an. Hier bekommt man das Ergebnis sofort. Kosten: rund 45 Euro.

Während die Kliniken darauf hinweisen, dass Schnelltests kein verlässliches Ergebnis bieten und nur ein kurzes Zeitfenster abbilden, verweist Müller darauf, dass diese zumindest eine Momentaufnahme der Infektiosität böten. Müller wiederum warnt davor, sich mit aus dem Internet bestellten Tests selbst zu testen. "Das ist brandgefährlich, da es darauf ankommt, den Test richtig abzunehmen, was ohne fachliche Anleitung kaum möglich ist." Somit wiege man sich in trügerischer Sicherheit. (ahi)

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