Jeans-Engel-Chef Ulrich Engel hat für&#39s Foto kurz die Maske abgesetzt und ein Fußmaß in die Hand genommen. Er schließt am Samstag sein Traditions-Geschäft.
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Jeans-Engel-Chef Ulrich Engel hat für's Foto kurz die Maske abgesetzt und ein Fußmaß in die Hand genommen. Er schließt am Samstag sein Traditions-Geschäft.

Traditions-Jeans-Geschäft in Bad Homburg schließt

Corona zerstört Existenz oder steigert Umsatz

  • vonChristiane Paiement-Gensrich
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In der Haingasse schließen Jeans-Engel und Torten-Atelier

Bad Homburg -In den Schaufenstern locken Plakate mit Rabatten. Einige Kisten sind schon gepackt. "Hier im Laden habe ich als Kind gespielt", sagt Ulrich Engel. Wehmütig lässt der Inhaber von "Jeans Engel" seinen Blick über Kleiderständer und Regale schweifen. Sicherheitsschuhe gibt es da, weiße Kittel, wie sie Apotheker tragen, Cowboystiefel, Cowboyhüte, Cargo-Hosen und natürlich Jeans. Am 15. August ist der letzte verkaufsoffene Tag. Dann schließt der 65 Jahre alte Geschäftsinhaber den Laden, der seit 1954 in der Haingasse bestand, für immer. Zuvor war das Familienunternehmen, von 1952 an, in der Wallstraße.

"Wir waren das erste Jeans-Geschäft im Kreis", erzählt Engel. Mit dem Verkauf von gebrauchter Armeekleidung hatte sein Vater Ludwig Paul Engel einst angefangen. Später kamen Jeans dazu und dann Berufskleidung. "Mein Vater und mein Großonkel sind damals über Land gefahren und haben die Waren in Gasthäusern angeboten", berichtet Engel. Mutter und Tante verkauften unterdessen im Laden. Später ist Ulrich Engel selbst mit dem Vater auf Tour gegangen. In den 1980er-Jahren sei das kleine Unternehmen so bekannt gewesen, dass Kunden, die am Bad Homburger Bahnhof ein Taxi bestiegen, nur zu sagen brauchten: "Bitte zu Jeans-Engel" oder: "Zu US-Engel bitte."

Schwieriges Pflaster

Die Corona-Krise allein sei nicht schuld an der Schließung, so Engel weiter. Die Online-Händler, aber auch die Einkaufszentren und vor allem die Geiz-ist-geil-Mentalität hätten ihm die Geschäfte immer schwieriger gemacht. Ein bisschen verbittert sagt er: "Die ganz Schlauen lassen sich bei mir beraten und bestellen dann im Internet. Wir machen also den Service, und der Online-Fritze hat dann die Wurst auf dem Brot." Das größte Problem jedoch sei der Standort. "Die Haingasse ist keine Laufkundschaft-Straße mehr", bedauert Engel. Es gebe viel Verkehr und kein Grün. Früher hätten die Händler bei Festen mitgemacht, mit Zapfanlage und Grill. "All das ist vorbei."

Mit der Kanalsanierung und der damit verbundenen Sperrung der Haingasse vor einigen Jahren hätten die Schwierigkeiten begonnen. Wegen der Baustelle seien viele Kunden ausgeblieben. Auch die derzeitige Baustelle am Nachbarhaus mache dem Geschäft zu schaffen. Und sogar die zweiwöchige Schließung der Kreuzung Promenade/Schwedenpfad habe ihn Kunden gekostet. "Wenn dann auch noch in einem oder zwei Jahren der Schulberg saniert wird, sehe ich schwarz." Deshalb sei jetzt Schluss. Immerhin: Auch bei Jeans Engel kann man inzwischen Waren im Internet bestellen. Während der Corona-Virus-bedingt verordneten Schließung hatte der Geschäftsmann seine Kunden per Telefon oder Video-Telefonie beraten. Und ein kleines bisschen hofft er noch darauf, dass er irgendwo, vielleicht in einem Industriegebiet, einen kleinen Laden mit niedriger Miete findet.

Ausverkauf unterdessen ist auch im Torten-Atelier schräg gegenüber. Traumhaft schöne Zuckerbäckerkunst konnte man da immer bestellen. Sabine Hörndler schließt ihr Geschäft zum Ende des Monats. "Kleine Viren richten manchmal großen Schaden an. Elf Jahre Arbeit sind zunichte", sagt die 56 Jahre alte Konditormeisterin traurig. Durch die Corona-Krise sei ihr Umsatz um 80 Prozent eingebrochen. "Es gab wochenlang keine Hochzeiten, Taufen, Erstkommunionen, Firmungen, Konfirmationen und Firmenfeiern." Auch ihre Seminare, wie das Familien-Backen, durfte sie nicht mehr halten. "Und die Aussicht auf nächstes Jahr ist sehr unsicher, daher war die Schließung die logische Konsequenz." Der Standort dagegen war für Hörndler kein Problem, auch wenn die Haingasse alles andere als eine Flanier-Straße sei. "Für mich war sie praktisch. Einerseits durch die unmittelbare Nähe zur Louisenstraße und andererseits dadurch, dass sie mit dem Auto befahrbar war - auch wenn die Parkplatz-Situation hier sehr angespannt ist. Wie es für die Torten-Spezialistin nun beruflich weitergeht: "Ich werde nach Erlangen ziehen und dort im Angestellten-Verhältnis in einer Konditorei arbeiten", sagt sie. "Für mich war das hier eine tolle Zeit, aber es muss jetzt ein Ende haben."

Fahrrad-Helme sehr gefragt

Gar kein Problem mit der Corona-Krise dagegen hatte Sabine Diehl-Becker von Fahrrad-Diehl. Das Geschäft führt Fahrrad-Zubehör, aber keine Fahrräder. "Die ganze Fahrrad-Branche hat profitiert", sagt Diehl-Becker. Der Umsatz sei höher als im vorigen Jahr. Vor allem Helme habe sie verkauft, aber auch viele Radler-Hosen, Schlösser und Handy-Halter. "Zwischendurch haben wir sogar Probleme mit dem Nachschub bekommen", berichtet sie. "Auf Schlösser mussten wir sonst drei Tage warten, jetzt sind es sechs Wochen." Erfreulich: Die Kunden seien sehr verständnisvoll gewesen und hätten geduldig vor der Tür gewartet, bis sie an der Reihe waren. Nur eine Sache sei da noch zu verbessern: "Ich würde mir wünschen, dass die Leute ihre Maske aufsetzen, bevor sie den Laden betreten, und nicht erst, nachdem sie mir zehn Minuten lang erklärt haben, was sie benötigen."

Jürgen Schaefer, Ehemann der Besitzerin des TeeGartens Miyako Schaefer, berichtet zwar von Umsatz-Rückgängen, macht sich keine großen Sorgen. "Wir haben vor allem Stammkunden", sagt er. Die Fixkosten seien überschaubar. Das Geschäft sei weder Franchise-Nehmer noch habe es Angestellte. Und er müsse keine teure Louisenstraßen-Miete aufbringen. Schaefer vermutet: "Unser Umsatz wird sich auf niedrigem Niveau halten." Eine Normalisierung erwarte er erst fürs Weihnachtsgeschäft 2021, "wenn der Corona-Impfstoff da ist". Jetzt hätten viele Menschen weniger Geld zur Verfügung, weil sie arbeitslos seien oder in Kurzarbeit oder weil sie sich bei Hamsterkäufen übernommen hätten. Während des Lockdown habe das Tee-Geschäft schon nach den ersten zehn Tagen wieder öffnen dürfen, weil Tee zu den Lebensmitteln zähle. Zugleich habe seine Frau aber auch Tee über die Internet-Seite des Ladens verkauft. Sie stamme aus einer japanischen Tee-Provinz und stelle auch kunstvolle Origami-Arbeiten her, die es ebenfalls im Laden zu kaufen gibt. Ein bisschen habe das Geschäft mit Liefer-Verzögerungen zu kämpfen. "Dadurch, dass jetzt weniger Schiffe fahren, ist die neue Tee-Ernte noch unterwegs", sagt Schaefer. Auch bei den schönen bunten Porzellan-Tassen stocke der Nachschub. "Weil es derzeit keine Messen gibt."

Wie es mit der Haingasse weitergeht, werden die nächsten Monate zeigen. Vor kurzem hat bereits die kleine Buchhandlung geschlossen.

Von Christiane Paiement-Gensrich

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