Personalleiterin Franziska Sommer inmitten einer der bereits geräumten Hallen. Zum Jahresende erfolgt die Übergabe in andere Hände.
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Personalleiterin Franziska Sommer inmitten einer der bereits geräumten Hallen. Zum Jahresende erfolgt die Übergabe in andere Hände.

Neuer Standort

Ende einer Ära: Ehemaliges Traditions-Unternehmen zieht um

  • VonOlaf Velte
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Das ehemalige Bad Homburger Traditions-Unternehmen PIV, heute Dana, wechselt seinen Standort. Zum Jahreswechsel 2021/2022 gibt es die Hälfte seines Geländes im Industriegebiet ab.

Bad Homburg – Mild schimmert das Oktober-Licht in die verwaisten Hallen. Die Stiefeltritte klingen bis hinauf zum gläsernen Dach. Eine unwirkliche Stille, nur unterbrochen von rumpelnden Gabelstaplern, die draußen Abschiedstransporte absolvieren. Ein Dutzend Werksgebäude – einige noch aus den 1930ern, jenen Anfangstagen – werden nicht mehr gebraucht, sind ausgeräumt, außer Dienst gestellt.

"Zum Jahreswechsel wird etwa die Hälfte des Geländes übergeben", sagt Franziska Sommer, Personalleiterin von Dana Motion Systems Deutschland GmbH – einer Bad Homburger Firma mit großer Tradition, noch immer weithin als "PIV" namentlich bekannt (siehe unten). Seit der amerikanische Dana-Konzern vor vier Jahren an der Justus-von-Liebig-Straße 3 angetreten ist, hat sich viel verändert. Rund 20 Millionen Euro wurden laut Geschäftsführung investiert, um das Geschäft des weltweit einzigartigen Getriebe-Spezialisten "auf Wachstum auszurichten".

Sicherheitsstandards und lange Wege: Traditions-Unternehmen PIV aus Bad Homburg zieht um

Spielten sich Metallverarbeitung und Entwicklungsgeschehen während der "Wirtschaftswunder"-Hochphase auf einer der regional ausgreifendsten Betriebsflächen ab, ist Rückzug heute das Gebot der Stunde. Noch aber stehen die 16 alten Bauten, sind 61.000 Quadratmeter "unter Dach". "Vieles", sagt Franziska Sommer, "entspricht nicht mehr den Sicherheitsstandards, auch sind die langen Wege zwischen den einzelnen Abteilungen kaum noch zumutbar."

Auf den hinteren Teil des Grundstücks wird sich Fertigung und Verwaltung also zurückziehen, dorthin, wo nach Silvester 2021 die neue Adresse "Werner-Reimers-Straße" in Kraft tritt. Auch der Haupteingang wird dann an dieser Ecke zu finden sein. Was so passend erscheint in seinem Verweis auf den Gründervater Reimers, ist zugleich der Start in die nächste PIV-Phase.

"Dort sind wir enger mit der Mannschaft zusammen", so die Personalleiterin zu einem der Aspekte. Von den drei weiterhin zu nutzenden Bestandsgebäuden wird eines derzeit für die Verwaltungsaufgaben umgebaut – was jedoch aufgrund von Baustoff-Lieferproblemen längst nicht mehr im vorgesehenen Zeitplan liegt.

Ehemaliges Traditions-Unternehmen PIV Bad Homburg: In der Hochzeit 1900 Mitarbeiter

Und während die verwaltende Ebene zunächst mit Homeoffice und auswärtigen Büros vorlieb nehmen muss, verbleibt auch die Härterei vorerst am bekannten Stammplatz. "Wegen hoher Auflagen und einem langwierigen Behörden-Prozedere hat sich die Verlegung sehr schwierig gestaltet." Dass die Härterei jedoch bald in die Nachbarschaft der bereits umgezogenen Segmente Fertigung/Versand und Großgetriebe-Montage wechseln wird, ist nun beschlossene Sache. "Ende kommenden Jahres ist die Modernisierung wohl endgültig abgeschlossen."

Fast 1900 Menschen arbeiteten zur Mitte des 20. Jahrhunderts für den damals größten Homburger Arbeitgeber, die PIV brachte Generationen von Taunus-Bewohnern in Lohn und Brot. Immer waren die Alltagsmühen dabei vom Stolz auf das Hergestellte begleitet – eine Gefühlslage, die der heutigen 320 Köpfe zählenden Belegschaft nicht fremd sein dürfte. Franziska Sommer: "Wir verstehen uns als Projektentwickler, die Getriebe für extreme Beanspruchungen in jeden Winkel der Welt bringen." Eine neue Produktreihe vervollständige seit Kurzem das Portfolio.

Gesellschaft Löw kauft Gelände von ehemaligem Traditions-Unternehmen PIV in Bad Homburg

Dass zu den international verorteten Kunden auch solche gehören, die dem Unternehmen seit 80 Jahren treu geblieben sind, spreche durchaus für sich. So soll sich in veränderter Umgebung und unter anderem Eigner-Dach in Zukunft fortsetzen, was stets anspruchsvolles PIV-Motto war: "Qualität und Beständigkeit." Nicht umsonst gilt das Unternehmen daher als ein Stück Bad Homburger Industriegeschichte.

Käufer des aufgegebenen Firmengeländes – ein Areal von beeindruckendem Ausmaß – ist die Löw Grundstücks- und Entwicklungsgesellschaft. Die Fläche ist innerhalb des Rhein-Main-Bezirks eine der letzten ausgewiesenen Industriegebiete und prädestiniert für die Ansiedlung von Gewerbebetrieben.

Auf Anfrage dieser Zeitung sagt Firmenchef Peter Löw: "Wir entwickeln das Gelände in Absprache mit der Stadt." Eine Umwidmung werde es keinesfalls geben – erste Mietverträge seien bereits unter Dach und Fach.

„Großes Manko“: Löw will Gewerbe auf ehemaligem PIV-Gelände in Bad Homburg vorantreiben

Wo zuvor die PIV-ler ihrem Metier nachgingen, wird also auch fortan das gewerbliche Tun vorherrschen. "Ein Bereich", so Löw, "in dem Bad Homburg ein großes Manko hat." Dass ein Teil der alten Werksgebäude erhalten bleiben soll, ist eine ebenso erfreuliche Nachricht.

1928 gründete Werner Reimers in Bad Homburg einen Getriebe-Hersteller, der unter dem Namen "PIV Antrieb Werner Reimers KG" weithin berühmt wurde. Das Drei-Buchstaben-Kürzel verweist dabei auf die englische Bezeichnung "Positive Infinitely Variable", womit ein stufenlos verstellbares Lamellenkettengetriebe gekennzeichnet wird.

Zunächst auf einer Werksfläche von 40 Quadratmetern und mit 16 Mitarbeitern produzierend, dehnte sich der Betrieb sowohl räumlich als auch personell immer mehr aus. Das Stammgelände an der damaligen Industriestraße 3 – heute Justus-von-Liebig-Straße 3 – erlangte schließlich beeindruckende Ausmaße. Sogar ein Zweitwerk in Salmünster wurde eröffnet.

Ehemaliges Traditions-Unternehmen PIV in Bad Homburg gehört seit 2017 zum Dana-Konzern

Der Volksmund hat die Firma – zeitweilig der größte Arbeitgeber innerhalb der Kurstadt – kurzerhand als "die PIV" zu einem zeitlosen Begriff gemacht.

Von der italienischen Brevini-Gruppe wurde der Metallverarbeiter im Jahre 2001 übernommen und in "PIV Drives GmbH" umbenannt. Seit Anfang 2017 gehören die Bad Homburger zu dem weltweit agierenden und in den USA beheimateten Konzern Dana. Unter dem Namen "Dana Motion Systems Deutschland GmbH" ist der heimische Hersteller nun Teil eines 1904 in Ohio entstandenen und mittlerweile international bedeutenden Automobilzulieferers. Dana betreibt in Deutschland noch drei weitere Werke an den Standorten Essen und Neu-Ulm.

Dokumente zur Historie des Homburger Traditionsunternehmens wurden von der Geschäftsführung unlängst der Werner-Reimers-Stiftung übergeben. Das ehemalige "PIV"-Firmenschild soll künftig den Bestand des Museums Gotisches Haus bereichern. (Olaf Velte)

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