Unterhalb der Schönen Aussicht im Bereich des Marienbader Platzes (rechts im Bild) würde das Wasser laut Simulation beim Szenario 2 (80 Liter Regen innerhalb einer Stunde pro Quadratmeter) über zwei Meter hoch stehen. Auch die Kreuzung Hessenring /Marienbader Platz stünde über einen Meter unter Wasser. Doch nicht nur der Bachlauf des Heuchelbachs ist klar zu erkennen. Vom Platzenberg kommend (links), flösse das Wasser über Berliner- und Feldbergstraße zur Jacobistraße und weiter in Richtung Heuchelbach. Simulation: Stadt Bad Homburg
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Unterhalb der Schönen Aussicht im Bereich des Marienbader Platzes (rechts im Bild) würde das Wasser laut Simulation beim Szenario 2 (80 Liter Regen innerhalb einer Stunde pro Quadratmeter) über zwei Meter hoch stehen. Auch die Kreuzung Hessenring /Marienbader Platz stünde über einen Meter unter Wasser. Doch nicht nur der Bachlauf des Heuchelbachs ist klar zu erkennen. Vom Platzenberg kommend (links), flösse das Wasser über Berliner- und Feldbergstraße zur Jacobistraße und weiter in Richtung Heuchelbach. Simulation: Stadt Bad Homburg

Hochwassergefahr nach Starkregen

Das individuelle Risiko wird fassbar

  • Harald Konopatzki
    VonHarald Konopatzki
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Die Stadt Bad Homburg veröffentlicht Karten zu Starkregen-Simulationen. Info-Veranstaltungen sollen die Bürger sensibilisieren

Am Dienstag galt mancher Blick wieder den anschwellenden Bächen. Deren Betten fassen einiges, aber wenn im Taunus zu schnell zu viel Nachschub kommt, wird's irgendwann eng. Am Erlenbach wurde am Pegel bei der Kläranlage gerade mal die erste Meldestufe erreicht, 100 Zentimeter, kein Grund zur Besorgnis also. Doch das bislang eher abstrakte Thema Hochwasser/Starkregen ist spätestens nach der Katastrophe im Ahrtal in den Köpfen angekommen: Dazu die Oder-Flut, Elbe-Hochwasser I und II, - es sind schon einige "Jahrhundertereignisse", die in den vergangenen 25 Jahren für Deutschland zu verzeichnen sind.

Die Stadt Bad Homburg hatte das Thema schon länger auf dem Schirm und hatte, diese Zeitung berichtete, mehrere Starkregen-Simulationen durchrechnen lassen. Dabei geht das Homburger Modell über das hinaus, was das Land den Kommunen anbietet. Detailliert ist für das gesamte Stadtgebiet erfasst, was bestimmte Regenmengen in kurzer Zeit bedeuten würden, welche Straße wie tief unter Wasser stünde.

Jetzt sind die Karten für jeden abrufbar, und zwar unter www.bad-homburg.de/Hochwasserschutz. Dort gibt es auch zahlreiche weitere Infos zum Thema.

Der als Dezernent zuständige Bürgermeister Dr. Oliver Jedynak (CDU) hebt die Bedeutung der Veröffentlichung hervor: "Die Stadt legt Wert auf absolute Offenheit und Transparenz bei der Gefahrenabwehr", die Sicherheit der Bürger habe stets oberste Priorität. "Deshalb haben wir die Karten und Videos frei zugänglich gemacht, damit alle sie einsehen können. Neben der städtischen Fürsorge ist es wichtig, dass möglicherweise Betroffene auch selbst Vorkehrungen für ihre Immobilien treffen." Die Stadt, so betont Jedynak, werde die Themen Starkregen- und Hochwasserschutz weiter angehen.

Vorsorge durch die Bürger wichtig

In der Tat war man bereits aktiv. Pressesprecher Thomas Steinforth erklärt: Am wichtigsten war und ist es, die Infos an die entsprechenden Stellen, die für den Bevölkerungsschutz, die Infrastruktur, die Versorgung und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig sind, weiterzugeben." Dies sei früh geschehen, um diese Akteure schnellstmöglich mit Infos zur weiteren Verwendung für den eigenen Aufgabenbereich zu versorgen.

So habe die Feuerwehr beispielsweise eine sprechende Einsatzplanungen "Starkregenfall" entwickelt, beziehungsweise optimiert. "Bei den städtischen Planungen werden seither die gewonnenen Erkenntnisse berücksichtigt, etwa indem Möglichkeiten geprüft werden, geplante Bebauung besser zu positionieren oder mögliche bauliche Schutzmaßnahmen, wie kleine Mauern zur Ableitung vor Gebäuden oder Schwellen an Tiefgaragen vorzusehen", ergänzt Steinforth. Auch sollen bald erste bauliche Maßnahmen folgen, "etwa die Erhöhung von Bordsteinen oder die verstärkte Kontrolle der Durchlässen der Sinkkästen". Dieses Jahr sollen weitere Niederschlagsmessstellen eingerichtet werden.

Doch auch für die Bürger seien die Ergebnisse wichtig. Denn trotz aller städtischen Bemühungen und Einsatzkonzepte gelte: "Alle Einwohner und Unternehmen müssen auch selbst Vorsorgeüberlegungen und -maßnahmen im unmittelbaren persönlichen oder betrieblichen Bereich treffen." De Stadt könne in manchen Teilen nur Hilfe zur Selbsthilfe geben. "Zum Beispiel sollten alle Häuser Rückschlagklappen in der Kanalisation haben - diese müssen auch regelmäßig gewartet werden - das ist Sache der Eigentümer." Auch sollten gefährdete Kellerfenster und Keller gesichert werden.

Erste Info-Veranstaltungen für Bürger zum Thema Hochwasser habe es bereits im Herbst 2019 gegeben, dann kam Corona. "Für das erste Halbjahr 2022 sind weitere Info-Veranstaltungen, zum Beispiel für die Altstadt und Ober-Erlenbach, geplant - ebenso ein großer Aktionstag an einem Wochenende im Sommer in Ober-Erlenbach", blickt Steinforth voraus.

Technik soll besser geschützt werden

Bei einem zweitägigen Hochwasser-Audit, zu dem alle relevanten internen und externen Institutionen geladen worden seien, wurden "alle möglichen Aspekte der Gefährdungspotentiale, deren Auswirkungen und der vorhandenen und erforderlichen organisatorischen, planerischen und baulichen Schutzmaßnahmen erarbeitet und durchgespielt." So sei festgestellt worden, dass wichtige Technikgebäude der Telekommunikation und der Stromversorgung starkregengefährdet sind, darunter auch wichtige Pumpstationen. "Solche grundlegenden neuen Erkenntnisse tauchen in vielen Bereichen auf und sollten dann Gegenstand zeitnaher Überlegungen zu Schutzmaßnahmen sein." Die Stadt habe aber bereits eine positive Rückmeldung erhalten, dass sie in Sachen Starkregen- und Hochwasserschutz gut aufgestellt sei. "Die Erstellung der Starkregenkarten wurde als vorbildlich hervorgehoben", betont Steinforth, der darauf verweist, dass es bislang "nur sehr wenige vergleichbar genaue Untersuchungen" zu Starkregen-Ereignissen gebe.

Der Prozess wird weitergehen: Noch in diesem Jahr sollen weitere, noch detaillierte Untersuchungen in den offensichtlichen Problembereichen - den "Wet-Spots" - erfolgen. Steinforth: "Wenn neben organisatorischen auch bauliche Maßnahmen erforderlich und machbar sind, werden diese möglichst zeitnah geplant und umgesetzt." Bei größeren Projekten werde selbstverständlich geprüft, welche Auswirkungen sich vielleicht daraus an anderer Stelle ergeben können - dazu könnten erneute Teil-Simulationen nötig sein. Dies beträfe insbesondere mögliche bauliche Maßnahmen im Bereich des Hochwasserschutzes am Erlenbach - und hier insbesondere in der Ortslage. Für Einzelvorhaben wie zum Beispiel die U-Bahn-Planung werden die Maßnahmen selbstverständlich auch evaluiert. Spätestens 2027 wird ein erneutes Audit durchgeführt.

Nicht nur die Altstadt wäre stark betroffen

Die drei Simulationen bilden extreme Starkregenereignisse ab, die zwar (noch) extrem selten sind, aber eben nicht mehr vollkommen unwahrscheinlich sind. (Szenario 1: 47,5 Liter in einer Stunde pro Quadratmeter, S 2: 80 Liter in einer Stunde, beziehungsweise S 3: 261,7 Liter Regen in drei Stunden). Szenario 1 entspricht einem 100-jährlichen Starkregenereignis, wie es in Bad Homburg zuletzt 2003 auftrat. Szenario 2 wurde in Wiesbaden am 27. Mai 2016 Realität, das dritte Szenario nimmt das "größte gemessene Regenereignis Deutschlands der letzten Jahrzehnte" an, wie es 2014 in Münster gemessen wurde. Im Ahrtal fielen an dem Katastrophentag übrigens rund 200 Liter Regen.

Die Szenarien zeigen: Nicht nur die heutigen Bachläufe sind betroffen. In Senken, wie etwa in der Altstadt, kann das Wasser bereits bei Szenario 2 zwei Meter hoch stehen. Dabei hat Bad Homburg den Vorteil, dass große Abschnitte des Kirdorfer Bachs und des Heuchelbachs noch von Freiflächen flankiert werden, die es dem Bach ermöglichen, sich auszubreiten.

Doch das Wasser wird sich noch andere Wege suchen. Vom Platzenberg etwa in Richtung des zu entwickelnden Baugebiets auf dem alten Klinik-Areal. Auch der Bereich am Marienbader Platz hat den Charakter einer Senke, in der sich das Wasser stauen könnte. In Ober-Erlenbach kann es im Bereich Fasanenstraße/Schmaler Weg schon Probleme geben, wenn 47,5 Liter Regen innerhalb einer Stunde fallen, in Alt-Kirdorf unterhalb von St. Johannes wird man sich bis in die Weinmühlstraße ebenfalls Gedanken über geeignete Vorsorge-Maßnahmen machen müssen.

von Harald Konopatzki

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