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Der Großglockner der Unterhaltung - "Bergdoktor" Hans Sigl eröffnet das Literatur- und Poesie-Festival

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Von: Martina Dreisbach

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Es scheint, als schaue er den Worten versonnen hinterher, wenn sie sich im Dunkel des Zuhörerraums verlieren: Hans Sigl bändigt die vielen Schlangensätze in Thomas Manns Werk mühelos und mit viel Verve - der Spaß ist ihm deutlich anzusehen.
Es scheint, als schaue er den Worten versonnen hinterher, wenn sie sich im Dunkel des Zuhörerraums verlieren: Hans Sigl bändigt die vielen Schlangensätze in Thomas Manns Werk mühelos und mit viel Verve - der Spaß ist ihm deutlich anzusehen. © philipp

Zur Eröffnung der 13. Auflage beweist der beliebte TV-Darsteller Sigl, dass er auch mit dem Werk von Thomas Mann umzugehen weiß.

Bad Homburg - Es ist immer wieder, auch im 13. Jahr des "Bad Homburger Literatur- & Poesiefestivals", ein Spaß, die drei Männer zu erleben, auf deren Schultern die literarischen Vorlese-Erlebnisse ruhen. Spiritus Rector Bernd Hoffmann winkt bei der Eröffnung am Dienstagabend ins Kurtheater, Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) erfreut sich des fast ausverkauften Hauses und der Enge, die endlich einmal wieder herrsche. Als Hans Sigl die Bühne betritt, bricht ein Beifall los wie bei Superstars in der Arena. Sigl lacht. Die Leute toben.

Wird bei der ersten Lesung nun ein sprichwörtlicher Großglockner der Unterhaltungskunst präsentiert, so können die Herren noch mit einem Mount Everest aufwarten. Es ist der Stargeiger, dessen Name aber auf einem Merkzettel steht, den Hetjes zunächst einmal suchen muss, da ihm auch der Förderer Hemjö Klein gerade nicht beispringen kann. In den zweiten donnern-den Beifall des an Applaus nicht armen Abends hinein fällt der Na-me: Es ist Daniel Hope, aber erst am 6. Dezember.

Nicht umsonst ist Hans Sigl, Namensträger der jahrelangen Serie "Bergdoktor", eines Titels, den er auch vermutlich in diesem Leben nicht mehr loswerden wird, ein Gigant der Publikumsgunst, vor allem weiblicher. Ein Blick ins Auditorium, und die Verbindung steht.

Muss der österreichische Schauspieler in seiner Berghäuselpraxis stets den Kopf einziehen, wenn er durch den Türrahmen tritt, so wirkt er hier auf der weiten Bühne viel weniger staatstragend. Dreitagebart, schwarzes Jackett überm schwarzen Hemd anstelle des weißen Kittels, ein Tablet anstelle des Buchs. Es folgt eine totenstille Minute "eingedenk des grauenhaften Weltgeschehens", um die Sigl bittet.

Und dann ein gescheiter Text: "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" von Thomas Mann, geschrieben zwischen 1910 und 1913, beendet 1954, nach einem Aufenthalt in einem Zürcher Grandhotel, wo er, Thomas Mann, seine letzte Liebe erlebt zu einem Hotelbediensteten, der in Gestalt des raffinierten Liftboys Armand Kroull im Roman auftritt. Die Hörer dürfen sich einstellen auf homoerotische Schilderungen und drei Tableaus am Rhein, in Paris und in Lissabon, die mit markanten Fotos auf der Bühnenwand erscheinen.

Sigl stehen zwei Musikerinnen zur Seite, die Pianistin Katharina Königsfeld und Geigerin Marie-Claudine Papadopoulos, die mit anrührender Salonmusik, schmiegsamen Walzern und später mit ins Abstrakte gehenden Stücken der Dichte der Literatur vielsagend Wortloses entgegenzusetzen haben.

Blitzende Augen und verzückte Miene

"Felix Krull" ist ein Schelmenroman mit autobiografischen Zügen, das Sonntagskind Felix wird in eine Rheingauer Sektfabrikantenfamilie hineingeboren. Die Firma geht pleite, Felix, ein schöner Mensch, zieht in die Welt, lernt in Paris das Sommelierhandwerk, ist aber zu Höherem berufen, nicht durch Arbeit, sondern dank seiner Raffinesse und Verwandlungskunst, seinem Talent zum Täuschen, Stibitzen und allem Elegant-Schrägen.

Es ist eine Wonne, wie sich Felix Krull die Welt zurechtbiegt, und eine ebensolche Wonne, wie Hans Sigl seinen Thomas Mann zelebriert, wie er besonders kunstvolle, anscheinend endlose Satzgebilde bändigt, ihnen so noch einmal, hundert Jahre nach ihrem Entstehen, Aufmerksamkeit verschafft, sie aufruft, wie man gute Schüler im Unterricht drannimmt, als Solisten in den großen Bühnenraum stellt. Wie er sich an dieser zur Meisterschaft getriebenen Übung des Deklamierens delektiert mit blitzenden Augen und verzückter Miene. Wie er, scheint's aus dem Augenblick heraus, extemporiert, die Lesung anhält und den Worten versonnen hinterherschaut, wenn sie sich im Dunkel des Zuhörerraums verlieren. Wenn das keine Aufforderung ist, Thomas Mann zu lesen.

Ja, das ist schon eine andere Liga als die medizinischen Diagnosen im "Bergdoktor", die Sigl mit sonorer Stimme und einer professionellen Schnelligkeit wie einen Fremdkörper herunterspult. Zum dritten Mal liest Sigl beim Literaturfestival. Schnitzler, Zweig, Mann. In der Verwandlungsfähigkeit stehen Krull und Sigl einander in nichts nach.

Vielsagend Wortloses: Pianistin Katharina Königsfeld und Geigerin Marie-Claudine Papadopoulos verzaubern mit ihrer Salonmusik.
Vielsagend Wortloses: Pianistin Katharina Königsfeld und Geigerin Marie-Claudine Papadopoulos verzaubern mit ihrer Salonmusik. © philipp

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