Restaurator Dimitrij Otto und sein Team waren überrascht, als sie bei der Sanierung der Kapelle im Gustavsgarten auf diese Putz-Intarsie stießen. Sie zeigt den Erzengel Gabriel.
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Restaurator Dimitrij Otto und sein Team waren überrascht, als sie bei der Sanierung der Kapelle im Gustavsgarten auf diese Putz-Intarsie stießen. Sie zeigt den Erzengel Gabriel.

"Sensationsfund" in Bad Homburg

Der Kurstadt ist ein Erzengel erschienen

  • Anke Hillebrecht
    vonAnke Hillebrecht
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Bei Sanierung der Kapelle im Gustavsgarten Putzintarsie freigelegt - Sie wird wiederhergestellt

Bad Homburg -Da waren die Restauratoren überrascht, als sie in der Kapelle im Gustavsgarten jüngst ein Stück der oberen rosafarbenen Wandfarbenschicht abkratzten, um zu sehen, welche Farbe der Putz darunter aus den 1950er Jahren hatte. Zutage traten an der Wand gegenüber dem Eingang Spuren eines Kunstwerks.

Mit einem Mikro-Meißel trugen sie den Putz Millimeter für Millimeter ab. Zum Vorschein kam eine Putz-Intarsie, die den Erzengel Michael darstellt. Mit Lanze, Schild und Strahlenkranz ums blonde Haupt steht er da, zu seinen Füßen sind Teile eines Drachens zu erkennen. Im unteren Bereich, glaubt Restaurator Dmitrij Otto, könnten noch Wolken freigelegt werden.

"Ein Sensationsfund", findet OB Alexander Hetjes (CDU). In Abstimmung mit der Denkmalpflege habe man beschlossen, die Intarsie vollständig wiederherzustellen. 35 000 Euro werde das kosten; einen Teil davon zahlt das Landesamt für Denkmalschutz.

Die Farbprobe war im Laufe der Sanierung des Tempels notwendig geworden - diese läuft seit eineinhalb Jahren und soll in den nächsten Wochen fertig werden. Äußerlich bleibt das Klassizistische mit den vier dorischen Säulen aus Mainsandstein und dem als Löwenkopf geformten Türklopfer bestehen. Im Innern jedoch wird der Zustand der 1950er Jahre wiederhergestellt - mit beige- und ockerfarbenem Putz. Auch die Buntglasfenster wurden restauriert und wieder eingebaut. Wofür das Gebäude künftig genutzt werden soll, ist laut Oberbürgermeister noch unklar. Ein Café wird es im Gustavsgarten wohl nicht geben - aus Denkmalschutzgründen.

Männlicher Heiliger wurde gebraucht

In den Fünfzigern diente der Tempel als Kapelle für das Hirnverletztenheim, das nach dem Krieg in der von 1898 an errichteten Villa Wertheimber untergebracht war. Die Kapelle war Teil der katholischen Gemeinde Herz Jesu, die zunächst noch keine Kirche hatte. Hier wurden katholische Gottesdienste mit den Patienten abgehalten.

"Das waren kriegsversehrte Männer; vermutlich dachten die Schwestern, die bräuchten einen männlichen Heiligen", erklärt Dr. Astrid Krüger, Leiterin des Stadtarchivs, mit Blick auf das Motiv des tapferen Drachenkämpfers. Der Erzengel Michael gilt auch als Patron der Soldaten.

Die Intarsie entstand, als 1957/8 der Tempel instandgesetzt wurde. Wie sich nach akribischen Recherchen der Stadtarchivarin herausstellte, war ihr Erschaffer ein Künstler, der in der Region viele Spuren hinterlassen hat. Zunächst legten die Restauratoren an der Wand die Signatur "R. Schön" frei. Sogleich kam Krüger auf den Frankfurter Dekorationsmaler Reinhold Schön, der in den 1950ern viele Werke des Projekts "Kunst am Bau" fertigte.

Die Bestätigung fand sie in Oberursel. Denn zu Schön gibt es in der Materialsammlung des mittlerweile verstorbenen Oberurseler Heimatforschers Waldemar Kolb ein Foto des Dorischen Tempels von 1958 mit dem Putzfresko des Heiligen Michael.

Wer hat Fotos aus den 1950ern?

Weitere Werke hat Reinhold Schön unter anderem der St. Johanniskirche in Weißkirchen (Christus als Weltenrichter in der Apsis der Ruine), An der Friedenslinde 5 in Bommersheim (Sgraffito des Heiligen Christopherus) sowie im Hofgut Hohenwald in Oberhöchstadt (Putz-Fresko des Sämanns) geschaffen.

Noch wenig Material hat das Stadtarchiv zur Kapelle in den 1950er Jahren. "Wir freuen uns, wenn uns Bad Homburger Fotos von damals schicken", so Krüger. In der Kapelle hätten auch Taufen und Kommunionsfeiern stattgefunden. Das Stadtarchiv ist per Mail unter stadtarchiv@bad-homburg erreichbar.

Ebenso gab es einst Ölgemälde des Künstlers Schön, die den Kreuzweg Jesu darstellten. Sie sind aber nicht mehr im Besitz der Stadt. Auch zum Verbleib dieser Bilder sucht die Archivarin Hinweise. Von Anke Hillebrecht

So sah die Michaelskapelle 1958 aus.

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