Das Podium mit Josefine Reichstein (Schülersprecherin Martin-Luther-Gymnasium Eisenach), Marius Crüger (Schülersprecher HUS), Dr. Bernhard Vogel und Dr. Hauke Christian Öynhausen (Vorstand Stiftung "Kirche in der Stadt", von links).
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Das Podium mit Josefine Reichstein (Schülersprecherin Martin-Luther-Gymnasium Eisenach), Marius Crüger (Schülersprecher HUS), Dr. Bernhard Vogel und Dr. Hauke Christian Öynhausen (Vorstand Stiftung "Kirche in der Stadt", von links).

Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Bad Homburg

Die größten Herausforderungen warten noch

Prof. Bernhard Vogel sprach beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in der Erlöserkirche mit zwei Jugendlichen aus Ost und West

Bad Homburg -"Denk ich an Deutschland - Herausforderung 3. Oktober" - in Anlehnung an das vielzitierte Gedicht von Heinrich Heine hatte die Stadt Bad Homburg zusammen mit der Werner-Reimers-Stiftung und der an diesem Sonntag neugegründeten Stiftung der evangelischen Erlöserkirchengemeinde "Kirche in der Stadt" zum Festakt anlässlich des 31. Tages der Deutschen Einheit in die Erlöserkirche eingeladen.

Damit stellte die Gemeinde bereits zum zweiten Mal die Kirche als festlichen Veranstaltungsort für den 3. Oktober zur Verfügung. Dies sei, so Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) in seiner Begrüßungsrede, zwar noch keine wirkliche Tradition, jedoch sei auf jeden Fall der Grundstein dazu gelegt. Als Festredner war Prof. Dr. Bernhard Vogel (CDU) eingeladen, der als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz in den Jahren von 1976 bis 1988 und nach der Wende von 1992 bis 2003 als Ministerpräsident von Thüringen einen besonderen Einblick in die Entwicklung der beiden ehemaligen deutschen Staaten besitzt.

"Der 3. Oktober ist eine Herausforderung", begann Vogel seine Festrede. Dies sei auch 31 Jahre nach der Wiedervereinigung und 32 Jahre nach dem Mauerfall so. Allerdings sei dies vor allem ein Tag der Erinnerung. Dabei bedeute das Erinnern auch zu bedenken, dass nur noch die ältere Generation eine lebendige Erinnerung an die Geschehnisse hat. Für die, die in den 80er Jahren geboren wurden, sind diese "nur" ein historisches Ereignis. Wer jedoch die Zukunft gestalten wolle, der brauche dazu die Vergangenheit. Wer die Vergangenheit nicht kennt, betonte Vogel, wisse nicht, wo er steht, der wisse nicht, wohin es gehen soll.

Sekt und Kuchen gab es für die "Ossis" zum Empfang

Eindrucksvoll schilderte der ehemalige Ministerpräsident, wie er den 9. November 1989 erlebt hatte. Er war zusammen mit Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) zu einem Staatsbesuch in Warschau gewesen, als die Politiker die Nachricht erhielten, dass im DDR-Fernsehen ein "relativ unbekannter" Günter Schabowski die Nachricht verlesen hatte, dass es für DDR-Bürger eine neue Regelung für Reisen ins westliche Ausland gebe und dass diese Regelung "sofort, unverzüglich" in Kraft trete. Vogel schilderte, wie anschließend Hunderttausende Bürgerinnen und Bürger über die Grenzen in den Westen fuhren und liefen und dort mit Beifall, Sekt, Kaffee und Kuchen empfangen wurden. "Deutschland", so sagte er, "galt als das glücklichste Volk der Welt!"

Mit seiner Wahl zum Ministerpräsidenten begann wenige Jahre danach für ihn "das größte Abenteuer seines Lebens". Alles musste neu geordnet werden, die Verwaltung und Schulwesen neu aufgebaut werden. Oft war das Regieren leichter als das Telefonieren, für das man meist auf eine Anhöhe steigen musste, um überhaupt Empfang zu bekommen.

Vieles hat sich seit dieser Zeit verändert. Es habe lange gedauert, bis es die versprochenen "blühenden Landschaften" gab, doch müssten sich viele ostdeutsche Städte heute nicht vor denen im Westen verstecken. Trotzdem sei es für eine Schlussbilanz auch nach 31 Jahren noch immer zu früh. Noch immer sei das Bruttosozialprodukt nicht angepasst, die Renten in Ost und West sind nicht auf dem gleichen Niveau, noch immer fühlten sich viele Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse. Immerhin sei der Abwanderungsprozess zum Stillstand gekommen.

Mit der Wiedervereinigung ist nach Ansicht von Vogel ein Kapitel der Weltgeschichte abgeschlossen. Das neue Kapitel, das dagegen nun aufgeschlagen wird, stellt die Menschen von heute vor größte Herausforderungen, allem voran der Klimawandel, die Digitalisierung, die Situation von Flüchtlingen auf der ganzen Welt. Aber auch die Situation in China, die als Weltmacht die Menschenrechte missachte und trotzdem "unser wichtigster Handelspartner" sei, werde die Menschen in der Zukunft intensiv beschäftigen.

Thema hat zu wenig Raum in der Schule

Nach seiner Rede diskutierte Vogel noch mit zwei jungen Menschen aus Ost und West. Vom Martin-Luther-Gymnasium in Eisenach kam Josefine Reichstein, die gestern ihren 18. Geburtstag feierte, aufs Podium und von der Bad Homburger Humboldtschule Schulsprecher Marius Crüger. Beide jungen Leute beschrieben, wie sie die Ereignisse um den 9. November kennenlernten, wie in ihren Familien darüber gesprochen wurde und welche Gedanken sie persönlich zur Wiedervereinigung haben. Nach teilweise sehr unterschiedlichen Darstellungen kritisierten jedoch beide gleichermaßen, dass die Lehrpläne der Zeit von vor etwas mehr als 30 Jahren viel zu wenig Raum geben würden.

Zum Abschluss der Veranstaltung wünschte Prof. Dr. Bernhard Vogel für die Zukunft, dass die Unterschiede, die es noch in Bezug auf die Einheit gebe, weiterhin schrittweise abgebaut werden. Zwar gebe es noch die eine oder andere Stelle, an denen man aufpassen müsse, aber im Grunde sei Deutschland ein "kerngesundes Land" - so wie es im Heine-Gedicht an späterer Stelle heiße. "Aber arbeitet daran, dass sich diese Zeit von damals nicht wiederholt", forderte Vogel das Publikum auf, "seid ins Gelingen verliebt".

Kirche als Ort der inneren Ausrichtung

Im Erntedank-Gottesdienst der Erlöserkirchengemeinde wurde gestern Vormittag deren Stiftung "Kirche in der Stadt" gegründet. Mit der Stiftung möchte die Gemeinde laut der Kirchenvorstandvorsitzenden Petra Kühl unter anderem nachhaltige Projekte finanzieren, die Jugendarbeit mit der Stelle eines Jugendreferenten fördern. Außerdem sollen auch solchen Veranstaltungen wie dem Festakt zum Tag der Deutschen Einheit Raum gegeben werden.

Gerade diese Feier gehört für Pfarrer Andreas Hannemann zum Leben einer Kirchengemeinde dazu: "Die friedliche Revolution in der DDR begann vor 31 Jahren in den Kirchen", erklärt er. Und weiter: "Die Kirche bot ein Forum für Menschen, die die Zukunft gestalten wollten. Für Menschen, die Verantwortung für ihre Gesellschaft übernommen haben. Die Kirchen wurden so ein Ort, an dem Menschen Kraft bekamen, sich mutig für ihr Gemeinwesen einzusetzen. Das soll bis heute so sein: Kirche als ein Ort der Besinnung und der inneren Ausrichtung - verknüpft mit der Bereitschaft, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen."

Aus Anlass der Stiftungsgründung hat Kronenhofwirt Hans-Georg Wagner ein 1000-Liter-Fass eines besonderen Bieres gebraut. Seine Familie ist seit Jahrzehnten mit der Gemeinde verbunden. 600 Gläser mit dem Stiftungslogo wurden ausgegeben, das Gemeindemitglied und Graphiker Stefan Müller kostenlos für Stiftung entwickelt hat. Es zeigt die Kirchtürme zusammen mit Häusern der Stadt. Gläser konnte man - gern gegen Spende - zur Erinnerung behalten. Von Ulrike Koberg

Dr. Hauke Öynhausen, Prof. Bernhard Vogel, OB Alexander Hetjes mit Lebensgefährtin, KV-Vorsitzende Petra Kühl, Pfarrer Andreas Hannemann und die Eisenacher Schülerin Josefine Reichstein (von rechts) bei der Feier.
Jan-Niklas Brill und Olaf Kühl (re.) beim Zapfen des Stiftungsbieres.

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