Expressiv: der alternde Parfümeur Maitre Valdiani (Thorsten Morawietz).
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Expressiv: der alternde Parfümeur Maitre Valdiani (Thorsten Morawietz).

Theater beim Bad Homburger Sommer

Duft- und Miefbad für die Ohren

  • Anke Hillebrecht
    VonAnke Hillebrecht
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Dramatische Bühne findet in "Das Parfum" viele Worte für das Unsichtbare

Bad Homburg -Wilhelm I. nervt. Majestätisch und blickeinnehmend steht der erste deutsche Kaiser vor dem nach ihm benannten Badepalast und damit auch mitten vor der Sommerbühne im Kurpark. Kein neues Problem für die Open-Air-Aufführungen beim Bad Homburger Sommer; durch den gebotenen Abstand der Sitzreihen ist das Bühnengeschehen für den Großteil des im doppelten Wortsinne meist recht geneigten Publikums doch sehr weit weg.

Denn Geruch - das beherrschende Thema von "Das Parfum", einem Stück frei nach dem genialen Roman von Patrick Süskind (1985) - muss beim Theater optisch und akustisch dargestellt werden. Während der Dramatischen Bühne aus Frankfurt Ersteres in der Aufführung am Donnerstagabend relativ statisch und ohne viele Requisiten geriet, war Letzteres indes ein Duft- und Miefbad für die Ohren.

Dafür sorgte in erster Linie Thorsten Morawietz alias Maitre Valdiani, dem alternden Ober-Parfumeur von Paris. Anders als im Buch usurpiert der blond gelockte Großmeister der Gerüche mit seinen expressiven, unappetitlich-witzigen Odeur-Beschreibungen riechender Menschen die Hauptrolle. Wie er den jungen Damen seinen "morschen Palmwedel" anbietet, amüsiert vor allem das weibliche Publikum.

Coronakonforme Würge-Szene

"Wieselpisse", "Kakophonie aus Leichenduft und nasser Oma", "modernder Ritzenschleim" - es wird deftig, was die wohlduftenden Gäste im Kurpark oft kichern lässt. Schließlich sind die modernden Pariser Gassen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts weit weg; statt dessen duftet das üppig grüne Gras; die sich langsam sich senkende Sonne wirft schönes Abendlicht aufs Kaiser-Wilhelms-Bad, und der Frei-Aperol klimpert lustig im Glas.

Das Stück beschränkt sich in den anderthalb Stunden mit Pause auf die Spanne zwischen dem Moment, da der eigentliche Protagonist Valnouille (Sebastian Huther; sämtliche Namen aus dem Buch werden leicht verändert) den erfolglosen Parfümmeister von seinem Können überzeugt, und dem Höhepunkt gegen Ende des Buches, als die Menschenmenge ihn aufgrund seines perfekten, selbstkreierten Parfums gierig in Stücke reißt.

Dazwischen geschehen eine Menge Mädchenmorde - doch von den grausamen Einzelheiten, dem Erschlagen, "Digerieren von Haaren und Kleidern, Lavage, kalter Fettenfleurage der Körper und Destillation zu Konzentrat", werden die Theaterbesucher verschont. Lediglich eine wunderbar coronakonforme Erdrosselung mit Abstand ist zu bewundern.

Allegorie im rosa Tütü

Was ist Jugend? Was ist Schönheit? Doch lediglich die Ausschüttung guter Gerüche, philosophiert der verliebte Valdiani. Wer indes mehr Hintergründe - die Genese des Mörders, seine Geruchlosigkeit und die Geheimnisse der Parfümgewinnung - erfahren will, sollte das Buch lesen.

Dafür bot das Theaterstück - außer zeitgemäßen Kostümen, die ein gewisses Odeur ahnen ließen - viel zu lachen und immer mal wieder die eine oder andere Anspielung auf die Gegenwart. Auch beziehen Theaterakteure heute gern das Publikum mit ein. Und, passend zur Regenbogen-Solidarität rund um die Fußballstadien, tritt ein stark bauchbehaarter Leichtfüßiger im rosa Tütü auf - als Allegorie des Duftes.

Von Anke Hillebrecht

Valnouille (Sebastian Huther) nähert sich seiner Angebeteten Madame Valorette (Marlene Zimmer) - sie riecht einfach zu gut. Wenig später ist sie tot . . .

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