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Ein "Intercity" bringt den Schall bis zum Altar

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Kirchenführer Wolfgang Förderer zeigt die Stelle, von der an man innen nur noch sehr gebückt durch den Schallkanal gelangen kann
Kirchenführer Wolfgang Förderer zeigt die Stelle, von der an man innen nur noch sehr gebückt durch den Schallkanal gelangen kann © kob

Unter dem Dach der Erlöserkirche gibt es viel zu entdecken. Zum Beispiel das Geheimnis für vollen Orgelklang. Die meisten Keller sind für Besucher tabu, noch seltener bekommen Gäste die Dachböden zu sehen. Sie dienen als Lager und Rückzugsort, aber auch als Raum für technische Installationen, ohne die das "Unten" ganz anders oder auch gar nicht funktionieren würde.

In einer TZ-Serie widmen wir uns diesen normalerweise verschlossenen Etagen in Bad Homburger Gebäuden und schauen, welche Relikte und Geheimnisse sich unter den Dächern verbergen. Heute gibt es einen Blick in das "Obergeschoss" der Erlöserkirche.

"Wir nehmen den harmloseren Treppenaufstieg!", bestimmt Kirchenführer Wolfgang Förderer. Und das ist auch gut so. Denn wer unter das Dach der evangelischen Erlöserkirche steigen möchte, sollte keine Probleme mit der Höhe und offenen Treppengeländern haben. Bis zum Emporen-Stockwerk ist allerdings alles noch ganz einfach. Gleich neben dem Hauptportal führt ein Treppenaufgang dorthin. 47 Stufen umrahmt von sicheren Mauern rechts und links. Doch dann geht es auf einer schmalen Holztreppe an den Wänden weiter nach oben auf das nächste Zwischenpodest.

Durch eine schmale Tür kann man von hier einen Blick auf das Innenleben der gewaltigen Sauer-Orgel, das Hauptwerk, erhaschen

Aber das ist auch der einzige imposante Eindruck an dieser Stelle im Treppenhaus. Nichts erinnert hier mehr an die prachtvolle Ausgestaltung der Kirche, die zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts unter der Förderung von Kaiser Wilhelm II. und seiner Frau Auguste Victoria gebaut und am 17. Mai 1908 in Anwesenheit des letzten deutschen Kaiserpaares eingeweiht wurde.

Unten Pracht, oben schmuckloser Zweckbau

Schlichte, rötliche Backsteine erwecken eher den Eindruck eines schmucklosen Zweckbaus. "Die ganze Kirche ist aus diesen Backsteinen errichtet worden", verrät Wolfgang Förderer. Der Außenbau wurde jedoch mit Sandstein verblendet, große Teile des Innenraums durch Marmorplatten.

Noch einmal geht es über die schmale Treppe nach oben, 19 Stufen, dann ist das Kirchendach erreicht. Und hier befindet sich eine Besonderheit der Sauerorgel, die ihren Namen nach ihrem Erbauer, dem preußischen Hof-Orgelbauer Wilhelm Sauer erhalten hat: das Fernwerk. Insgesamt besitzt die Orgel 3900 Pfeifen, die in 62 Register aufgeteilt sind. Das heißt, die Pfeifen der Orgel sind sozusagen in 62 "Gruppen" aufgeteilt, die jeweils die gleiche Art und Klangfarbe haben. 54 dieser Register stehen auf der Orgelempore, acht weitere eine Etage höher auf dem "Dachboden" und bilden hier das Fernwerk. Es ist eine Art des Orgelbaus, den es nur bei Orgeln aus der Zeit der Romantik gibt.

Die Töne des Fernwerks werden nicht - wie bei dem Hauptwerk der Orgel - sofort in die Kirche geleitet, sondern in einem riesigen Schallkanal über die ganze Kuppel hinweg bis fast zum anderen Ende des Gebäudes. Erst dort gelangen sie durch eine Öffnung in den Innenraum. "Fernwerk und Schallkanal erlauben es, die Musik durch den ganzen Kirchenraum zu bringen und musikalische Akzente zu setzen", erklärt Förderer. So erklingt die Musik dadurch streckenweise mystisch oder auch andächtig-heilig.

Für Besucher tabu

Wie ein Trichter fängt der Schallkanal direkt hinter dem Fernwerk die Töne auf. An dieser Stelle ist die Öffnung des begehbaren Kanals etwa drei Meter hoch und drei Meter breit. Doch schon nach wenigen Metern verjüngt sich der Betonbau in seinem Verlauf und man müsste den Weg bis zum Ende stellenweise sehr gebückt durchkriechen. Da ist es schon wesentlich angenehmer, dass direkt neben diesem Bauwerk ein Holzsteg über die gesamte Kirchenkuppel verläuft, auf dem man aufrecht laufen kann. Allerdings mit einer Ausnahme: An der höchsten Stelle des Gewölbes, dort, wo sich im Kircheninnenraum das Lichtkreuz befindet, versperrt dessen Aufhängung den Weg und es bleibt tatsächlich nichts anderes übrig als kurz unter dem ganzen Gestänge hindurch zu krabbeln.

Aus Sicherheitsgründen dürfen sich "normale" Kirchenbesucher nicht in diesem Bereich aufhalten und so gibt es auch keine Führungen entlang des Schallkanals. Trotzdem sind in dessen Beton-Außenwand an vielen Stellen Namen eingekratzt. "Das waren Handwerker, die hier gearbeitet haben, oder Schornsteinfeger", erklärt Förderer. Einer von ihnen hat nicht nur seinen Namen und ein Datum hinterlassen, sondern gleich auch noch eine Leiter mit einem Kaminbesen eingeritzt. Von hier aus sind es nur noch wenige Meter bis zum Ende des Schallkanals. Wegen der abgerundeten Ausgestaltung dieses Bereichs erhielt er von Kantorin Susanne Rohn vor einiger Zeit scherzhaft den Namen "Intercity".

Großes Schalloch in der Decke

Eine schmale Tür öffnet hier den Weg zum sogenannten Schallloch, durch das die Musik zum Altarraum dringen kann. Um zu verhindern, dass jemand durch das Loch fällt, wurde ein Metallgitter und darunter eine Metall-Rosette mit Luftöffnungen eingesetzt. Und während das etwa zwei Meter im Durchmesser große Ornament hier mit seiner imposanten Größe das Ende des Schallkanals bestimmt, wirkt es rund 20 Meter tiefer - vom Altarraum aus betrachtet - eher klein und unscheinbar.

Nur wenige Meter neben dem Ende des Schallkanals steht in einer Ecke eine Tonne aus Edelstahl. Sie ist geschlossen, Deckel und Tonnenkörper sind fest miteinander verschweißt. Sie beherbergt die Zeitkapseln, mit denen die Erlöserkirchengemeinde vor drei Jahren einen Teil der Kosten für die damals notwendige Dachsanierung bezahlt hatte. Obwohl die Landeskirche den Löwenanteil der Finanzierung übernommen hatte, musste die Gemeinde rund 240 000 Euro selbst aufbringen.

Da die entsprechenden finanziellen Rücklagen nicht ausreichten, entstand in der Gemeinde die Idee, Zeitkapseln für den Preis von jeweils 990 Euro zu verkaufen. Die Käufer konnten die Kapseln dann individuell befüllen. Geöffnet wird die Tonne erst wieder in 70 bis 80 Jahren, wenn vermutlich die nächste Dachsanierung anstehen wird. Und dann sollen die Inhalte der Zeitkapseln im Rahmen einer Ausstellung präsentiert werden.

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