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Bad Homburg,Fa.Lautenschläger,Ines Hille

Weihnachten

Endlich mal frei an Heiligabend

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Das hat es für Ines Hille schon lange nicht mehr gegeben: Statt an Heiligabend ab 5 Uhr arbeiten zu müssen, kann sie dieses Jahr ausgeschlafen in die Feiertage starten. Weil der 24. Dezember auf einen Sonntag fällt, bleiben die meisten Läden geschlossen. Bedanken darf sich Hille nicht nur beim Zufall, sondern auch beim Land Hessen.

Freihaben an Heiligabend? Ines Hille überlegt, während sie den Blick über die belebte Bad Homburger Einkaufspassage schweifen lässt. Draußen huschen Menschen durch den Dezemberregen, vorbei an Schaufenstern mit stilisierten Mini-Weihnachtsbäumen, auf der Suche nach den letzten Geschenken. Nein, sie kann sich nicht erinnern, wann sie zuletzt an Heiligabend nicht hinter der Theke stand. Lang ist es her, so viel ist sicher.

Weil der 24. Dezember 2017 aber ein Sonntag ist, muss die Lebensmittelverkäuferin wie viele ihrer hessischen Kollegen in diesem Jahr nicht arbeiten. Für die 36-Jährige bedeutet das tatsächlich eine kleine Weihnachts-Premiere: Sie will mit ihrem sechs Jahre alten Sohn in die Kirche gehen, um das Krippenspiel anzusehen. Das hat sie sich fest vorgenommen, jetzt da ausnahmsweise Zeit ist.

Der Irrglaube, Heiligabend sei ein gesetzlicher Feiertag, ist weit verbreitet. In Wahrheit besteht aber wie sonst auch Arbeitspflicht, sollte Heiligabend nicht zufällig auf Sonntag fallen. Wer freihaben möchte, müsste also Urlaub nehmen – mindestens einen halben Tag. In vielen Branchen legen die Tarifverträge fest, dass die Angestellten nur bis 12 Uhr arbeiten müssen. Manch Chef zeigt sich auch großzügig und gibt den Mitarbeitern ganz frei, manchmal gar ohne vertragliche Abmachung.

Vor allem bei Einzelhändlern brummt am Vormittag des Heiligabends aber der Laden. Das gilt auch für das Bad Homburger Feinkostgeschäft Lautenschläger. Die Verkäuferin erklärt: „Am 23. und 24. Dezember ist in unserem Laden normalerweise super viel los, teilweise stehen die Kunden bis raus auf die Gasse.“

Eine Weihnachtschicht beginnt für Hille normalerweise um

5 Uhr morgens

. Die frischen Lebensmittel werden geliefert, der Laden hergerichtet. Bis 13 Uhr kann die Kundschaft an Heiligabend dann ihren frischen Fisch abholen, Torten für den Nachmittagskaffee kaufen oder schnell noch den Weinvorrat nachrüsten. Danach räumen Hille und ihre Kollegen auf. Um 14 Uhr ist Feierabend, eine müde Ines Hille geht nach Hause und lässt sich von der Familie verwöhnen. So hat die Homburgerin vor 17 Jahren ihren Job kennengelernt.

„Die Weihnachtszeit ist immer anstrengend“, sagt Hille. Sie ist nur froh, nicht in einem der großen Frankfurter Kaufhäuser an der Kasse zu stehen. Dort herrsche seit Wochen ein wahnsinniger Stress. Ihr mache die Arbeit immer Spaß, auch an Heiligabend. Trotzdem freut sich die Lebensmittelverkäuferin auf die Pause. Deutschlandweit ist das vielen ihrer Berufsgenossen nicht vergönnt.

Das hessische Ladenöffnungsgesetz (HLöG) verbietet explizit, verkaufsoffene Sonntage an Adventsonntagen zu veranstalten. Zuletzt war Heiligabend 2006 auf einen Sonntag gefallen. Damals hatte die CDU-Landesregierung unter Roland Koch (CDU) das HLöG verabschiedet, die schwarz-grüne Koalition unter Volker Bouffier (CDU) hält sich heute weiter strikt daran. Am kommenden Sonntag gelten die gleichen Ausnahmen wie an jedem anderen Sonntag auch: Bäckereien, Tankstellen, Flughafengeschäfte mit Reisebedarf und Blumenhändler dürfen öffnen – wenn sie denn wollen.

Zahlreiche andere Bundesländer hingegen haben kürzlich Sonderregelungen zu den Öffnungszeiten am Heiligabend erlassen. Unter anderem in Bayern, Thüringen oder Niedersachsen erlaubt die jeweilige Landesregierung den Supermärkten, für insgesamt drei Stunden aufzumachen. Wie Einzelhändler und Kunden diese Möglichkeit nutzen werden, ist aber eine andere Frage. Lidl, Aldi, Kaufland und Norma haben angekündigt, ihre Geschäfte trotzdem geschlossen zu halten. Rewe und Edeka stellen es selbstständigen Filialen frei, über die Öffnungszeiten zu entscheiden.

Viele Späteinkäufer sollte es so oder so nicht geben: Rund 87 Prozent der Bevölkerung sind gegen die Ladenöffnungen am 24. Dezember diesen Jahres. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der Zeitung „Welt“. Die Gewerkschaft Verdi ruft vorsichtshalber dennoch dazu auf, am Heiligabend nicht einkaufen zu gehen. Die Beschäftigten im Einzelhandel wollten sich genauso auf Weihnachten vorbereiten, wie jeder andere auch.

Für Ines Hille wird Weihnachten 2017 besonders eines: Noch gemütlicher. Morgens wird sie endlich mal mit ihrem Sohn frühstücken können, der Nachmittagskaffee muss dieses Mal nicht die Müdigkeit vertreiben, und den Kartoffelsalat wird ihre Schwiegermutter so oder so wieder am Tag zuvor vorbereitet haben. Manches bleibt also gleich, oder? „Vielleicht decke ich in diesem Jahr mal den Tisch“, sagt Ines Hille und lacht.

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