Gedenken in Bad Homburg

Enkelinnen einer deportierten Homburgerin kamen aus Israel zur dritten Stolpersteinverlegung

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Es waren Bad Homburger Bürger, die drangsaliert, beraubt und verschleppt wurden, weil sie Juden waren. Jetzt, 70 Jahre später, wird an sie erinnert. Unter den Opfern sind auch Kinder, ein Behinderter und ein Christ, der Juden geholfen hat.

Das Fahrzeug des Betriebshofs will die Kreuzung vor der Volkshochschule passieren. Doch dort steht am Montagvormittag eine große Menschentraube. Vor dem Denkmal für die Opfer der Deportation, am „Platz der ehemaligen Synagoge“, singt Rabbi Andi Steiman Verse aus dem Talmud. Seine Stimme ist bewegend; Jugendliche aus der Maria-Ward-Schule, der Humboldtschule und dem Kaiserin-Friedrich-Gymnasium halten sich an den Händen. „The CHORds“ der Humboldtschule stimmen „Hevenu Shalom“ an.

Nach dem Moment des Innehaltens zieht die Menge in die Wallstraße. Vor der Hausnummer 19 kniet ein Mann mit Hut und ohne Socken auf dem Bürgersteig nieder. Mit Kelle und Hammer passt er den goldenen Stolperstein für Joseph Haas in die vom Betriebshof am Morgen ausgefräste Lücke im Pflasterstein ein. Weiße Rosen werden darauf gelegt. Patin Doris Stennert hat die Biografie des Homburgers recherchiert und verliest sie. Es waren nicht viele Spuren zu finden.

Es ist die dritte Stolperstein-Verlegung; 14 neue Steine wurden am Montag in der Innenstadt verlegt (siehe auch kleinen Text unten). Schräg gegenüber, vor dem kleinen Haus mit dem Tafelladen, ist die nächste Station. Hier wohnte Bertha Harth. Eine Frau tritt vor und spricht Englisch. Es ist Irit Etkin, eine Enkelin Bertha Harths, die extra für die Stolperstein-Verlegung mit weiteren Familienmitgliedern aus Israel angereist ist. „Oma Bertha, hätten wir Dich nur gekannt“, sagt sie. „Könnten wir Dich nur mal umarmen.“ Lange habe die Familie auf diesen Moment gewartet, dass der Name ihrer Großmutter auf einem Stein geschrieben steht – sichtbar für alle vor dem Haus in der Wallstraße, wo 1912 ihr Vater Josef Harth geboren wurde.

Bereits vor 13 Jahren hatte sich die Israelin an Angelika Rieber gewandt mit der Bitte, ihr bei der Suche nach Informationen über ihre Oma zu helfen. Die Oberurseler Historikerin, die seit Jahren zu jüdischen Schicksalen im Taunus forscht, fand einiges über das Leben Bertha Harths heraus – teilweise über Entschädigungsakten und Gedenkstätten.

Auch an ein Euthanasie-Opfer sowie einen katholischen Homburger, der in seiner Bäckerei trotz Nazis-Verbots Juden bediente, wird erinnert. Später geht es auf dem Rundgang noch in die Obergasse. Vor der Hausnummer 3 werden gleich vier Stolpersteine in den Bürgersteig eingepasst: für das Ehepaar Stein und seine zwei Kinder. Ihre traurige Geschichte hat die Unesco-AG der Humboldtschule recherchiert. Aus den USA und Israel sind ebenfalls Nachkommen nach Bad Homburg gereist.

Eine Broschüre mit den Lebensgeschichten der 14 Personen ist kostenlos über die VHS, Elisabethenstraße 2–4, zu erhalten. Einen Überblick über die bisher verlegten Stolpersteine und die Biografien der Opfer findet man auf der Homepage der Initiative Stolpersteine unter Dort gibt es auch Infos über eine Smartphone-App zu den Homburger Stolpersteinen.

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