Das Bild der geschlossenen Facebook-Gruppe.
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Das Bild der geschlossenen Facebook-Gruppe.

Vorweihnachtliches Märchen

Facebook-Gruppe hilft Familie, die in eine Notlage geraten ist

  • Marc Kolbe
    VonMarc Kolbe
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Im wohlhabenden Bad Homburg kaum vorstellbar: Eine siebenköpfige Familie gerät in eine finanzielle Schieflage und hat nicht mal mehr Geld für einen Laib Brot. Zum Glück fand sich eine Facebook-Gruppe, die für ein vorweihnachtliches Märchen sorgte.

Bislang ist die siebenköpfige Homburger Familie immer über die Runden gekommen. Er arbeitet als Kellner, sie kann nach mehreren Operationen derzeit nicht arbeiten, die Familie bezieht ergänzende Hilfe vom Landratsamt. Viel ist es nicht, die Miete wird gezahlt, zudem gibt es 200 Euro. „Das Kindergeld reicht gerade mal für Strom, Versicherung und Telefon.“ Aber die Mutter will nicht meckern, man komme über die Runden. Doch dann die Katastrophe: Der Vater erleidet einen Herzinfarkt, kann nicht mehr im Restaurant arbeiten.

Mehr noch: Ihm wird gesagt, dass man nicht mehr auf ihn setze. Von heute auf morgen fehlt ein Gehalt. Zwar hat die Familie sofort das Landratsamt informiert, doch die Bearbeitung des Antrages braucht seine Zeit. Zeit, die die Homburger nicht haben.

Der rettende Gedanke

„Das letzte Geld, was wir noch hatten, ist für die Behandlung meines Mannes draufgegangen“, erzählt die Homburgerin, die unerkannt bleiben möchte. Eines morgens sitzt sie dann am Küchentisch und hat noch 60 Cent, die Familie ist pleite. Es ist noch nicht mal mehr Geld da, um sich ein Brot zu kaufen – und das, wo die Kinder doch ein Pausenbrot für die Schule brauchen.

„Was mache ich jetzt nur?“, fragt sich die Mutter. Und das Weihnachten vor der Tür steht, darüber wollte sie schon gar nicht nachdenken. In ihrer Not fragt sie bei der Tafel um Hilfe, erfährt aber, dass es dort eine Warteliste gibt. 30 Familien stehen vor ihr.

Doch dann kommt ihr die rettende Idee: Sie wendet sich an Dieter Grabowski und Svenja Meyer von der Facebook-Gruppe „Wir helfen uns – in Bad Homburg und Umgebung“. Sie selbst hatte in dieser Gruppe auch schon ihre Hilfe angeboten. Vielleicht, so hoffte sie, kann ja jetzt jemand ihr helfen. Eine folgenreiche Entscheidung, die ein vorweihnachtliches Märchen auslöste.

Grabowski schreibt einen Post in die Gruppe „Ein Mitglied braucht Hilfe“. Er informiert die über 4000 Mitglieder darüber, dass eine Familie mit mehreren Kindern, „die aus gewissen Gründen Hilfe beim Amt beantragen muss“ in eine Notlage geraten ist. „Es geht darum, dass das Amt wohl drei Monate benötigt, bis Zahlungen geleistet werden.“ Bis dahin stecke die Familie in finanziellen Schwierigkeiten. Allerdings wurde in der Gruppe nicht um Geldspenden gebeten. „Aber es werden dringend Nahrungsmittel, Haushalts- und Hygieneartikel benötigt, damit die Familie über die Runden kommt“, so Grabowski weiter.

Mit seinem Aufruf löst er eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Die Bad Homburger (aber auch Menschen aus der Umgebung) helfen, als gebe es kein Morgen mehr. Es melden sich Mitglieder, die in der Gruppe bislang gar nicht aktiv waren. „Das war der Wahnsinn, wir konnten uns vor Spenden gar nicht retten“, erzählt Grabowski. Er und seine Mitstreiterin versinken beinahe in der Woge der Spenden.

Eingelegte Hühnerschenkel

Innerhalb von nur wenigen Tagen wird die siebenköpfige Familie mit Grundnahrungsmitteln versorgt. Kleidung Lebensmittel, Windeln – die Gruppenmitglieder geben, was sie haben. Das gespendete Toilettenpapier dürfte für ein Jahr reichen. Und auch die 15 Kilogramm Nudeln sollten eine Zeit lang reichen. Grabowski und Meyer sammeln die Spenden und transportieren sie in mehreren Fahrten zur Familie.

Komplettiert wurde mit Adventskalendern, einem Weihnachtsbaum, einem Hochstuhl für das Kleinkind der Familie. Auffällig sei, so Grabowski, dass vor allem Menschen helfen würden, die selber nicht viel hätten. Dass sogar frisch eingelegte Hähnchenschenkel und ganze Einmachgläser mit Speisen vorbei gebracht wurden, konnten die Helfer gar nicht fassen.

Der Homburgerin stehen sofort wieder Tränen der Rührung in den Augen, wenn sie von der Hilfsbereitschaft erzählt. Platt vor Freude sei sie gewesen. „Es waren nicht die Spenden, sondern auch die vielen lieben Kommentare, die uns Kraft gegeben haben.“ In einem Paket aus Offenbach fand sich ein „ganz lieber Brief“. Nicht eines der Mitglieder habe einen bösen Kommentar losgelassen. „Meine Kinder haben große Augen gemacht. Es war toll für sie zu sehen, dass sich Menschen untereinander so helfen.“ Auch zu Hause seien reichlich Tränen der Rührung geflossen.

Dieter Grabowski und Svenja Meyer sind stolz auf ihre Gruppenmitglieder. „Es ist schön zu sehen, dass man in der Not nicht alleine ist“, sagt Svenja Meyer. Und einen Seitenhieb kann sich Grabowski nicht verkneifen: „Es ist schon erstaunlich, dass das Amt der Familie nicht adhoc helfen konnte.“

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