Feminismus unter der Lupe

Warum wir heute noch Feminismus brauchen, das wurde einigen am vergangenen Samstagabend erst richtig klar. Referentin Dr. Antje Schrupp jedenfalls regte bei ihrem Vortrag in der Stadtbibliothek nicht nur den Oberbürgermeister zum Umdenken an.

Von IDA SOPHIE SCHOLZ

Der Abend sollte von Frauen handeln. Genauer gesagt, davon, wo die Frauenpolitik in Deutschland heute steht. Doch der erste am Mikro ist ein Mann: Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU). „Ja meine Damen und Herren!“, fängt er an. „Damen UND Herren?“, fragend blickt ihn eine Frau aus der ersten Reihe an. Zum Vortrag anlässlich des Weltfrauentags sind nämlich nur Frauen gekommen. „Ja, aber, ich bin ja auch da“, entgegnet er verschmitzt und berichtet stolz, was die Stadt Bad Homburg alles für Frauen tut. Unter anderem erzählt er von dem Programm „Frauen fit für Führung“, das die Frauen in der Stadtverwaltung fit machen soll, Führungspositionen zu übernehmen. Das Programm soll in der kommenden halben Stunde noch sehr kritisch betrachtet werden.

Dr. Antje Schrupp ist Politologin und Journalistin. Dass Frauen heutzutage vor allem für Parteien wichtig geworden sind, verdeutlicht sie anhand eines Beispiels: „Was wäre die AfD ohne Frauke Petry? Ein Verein alter Männer, den man nicht ernst nehmen muss.“ Sie will damit sagen, dass heutzutage Frauen involviert sein müssen, damit Parteien als repräsentativ wahrgenommen werden. Ziel erreicht? Laut Schrupp noch lange nicht.

Früher sei der Feminismus ein anderer gewesen. Man habe sich verteidigt und gesagt: „Frauen können das auch.“ Aber ob Frauen das überhaupt wollen, danach habe man vergessen zu fragen. Sie glaubt, dass es eine Unverträglichkeit gibt zwischen den Frauen und den zu besetzenden Positionen. Viele Frauen würden nur Ämter ausüben, weil sie für die Quoten gebraucht werden und häufig dazu überredet worden seien. Oft hätten sie aber auf die Tätigkeit an sich gar keine Lust. Denn die Berufs- und politische Welt sei von Männern für Männer erschaffen worden. Daher müsse man Trainingsprogramme für Institutionen schaffen und nicht, wie bei „Frauen fit für Führung“, die Frauen trainieren, sich der Männerwelt anzupassen. Ihr Statement: Frauen sind schon fit, sie brauchen lediglich ein Umfeld, das ihrer Art zu agieren gerecht wird. Worte, die Gaby Pilgrim einen Schock versetzen, steht doch nun ihr ganzes Programm in der Kritik. Sie ist die Organisatorin der Veranstaltung und zudem kommunale Frauenbeauftragte.

Aber auch andere Zuhörer müssen schlucken. Schrupp kritisiert nämlich auch die 50-prozentige Frauenquote der Grünen. Das bringe gar nichts, die Frauen müssten auch wollen. Da gab’s Protest. „Also für mich hat die Quote das Gefühl aufgehoben, mehr leisten zu müssen als ein Mann“, verteidigt die Grüne Christine Rupp die Politik ihrer Partei.

Schrupps Sichtweise stellt alles auf den Kopf. „Das ist das Entgegengesetzte, wie wir das angreifen. Das regt schon zum Nachdenken an“, gibt auch OB Hetjes zu. Es lohnt sich auf jeden Fall, die Vorschläge von Antje Schrupp im Rathaus mal zu diskutieren.

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