Frauen müssen auf ihre Rechte pochen

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Im November jährt sich die Einführung des Frauenwahlrechts zum 100. Mal. Seit diesem Meilenstein hat sich in Sachen Gleichberechtigung viel getan. Noch muss das Bad Homburger Frauennetzwerk aber weiter für seine Herzensthemen kämpfen.

Monika Wallrapp kann viel zu Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter erzählen. Als den Frauen in Deutschland im November 1918 das Wahlrecht zugesprochen wurde, war die heute 74-Jährige natürlich längst noch nicht geboren – viele Jahre später aber erfuhr sie am eigenen Leib, wie es um die gesellschaftliche Position von Frauen bestellt war. „1976 bin ich, ohne meinem Mann Bescheid zu sagen, wieder arbeiten gegangen. Abends fragte er mich, wo ich denn gewesen sei. ,Du hättest mich doch fragen müssen‘, hat er gesagt“, erinnert sich Wallrapp. „Auch ein Konto einzurichten ging damals nicht allein.“

Wenn man sich das vor Augen halte, sei schon viel erreicht worden, meint Wallrapp, die sich im Ortsverein Bad Homburg der Arbeiterwohlfahrt (AWO) engagiert. Dieser gehört dem Bad Homburger Frauennetzwerk an, das 1989 auf Anregung der ersten städtischen Frauenbeauftragten gegründet wurde. Zehn Homburger Vereine und Organisationen, die sich für Frauen einsetzten, tauschten sich fortan aus und gingen Kooperationen ein; kurze Zeit später waren es mehr als 30, deren Vertreterinnen sich, um die Geschlechtsgenossinnen zu stärken und die Gleichberechtigung voranzubringen, den Themen Gewalt und Diskriminierung, Kinderbetreuung, Wiedereinstieg in den Beruf und der Erhöhung des Frauenanteils in der Politik annahmen.

Das Netzwerk veranstaltete Informationsbörsen, Gesundheits- und Kulturtage, es gab Kurse zu Selbstverteidigung und Autoreparatur. Immer wieder hat seitdem die Politik wichtige Dinge umgesetzt: Den Rechtsanspruch auf Krippen- und Kindergartenplätze, seit 1997 ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar, und seit zwei Jahren gilt die gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote in Aufsichtsräten und Konzernen. Vor Ort war es das Frauennetzwerk, das stetig dazu beitrug, dass wichtige Schritte gegangen werden: 1995 etwa wurde die Eröffnung des Frauenhauses erreicht, später hob die Stadt das Tagespflegebüro aus der Taufe, eine wichtige Ergänzung zu den Kitas in Bad Homburg.

„Die Arbeit im Netzwerk wandelt sich“, sagt Bad Homburgs Frauenbeauftragte Gaby Pilgrim, die den „Laden“ zusammenhält. Vor Kurzem hat das Netzwerk, dem heute konstant 23 Vereine und Organisationen angehören, von der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde bis hin zum Zonta-Club, eine Standortbestimmung abgeschlossen, ein neues Logo entworfen und einen neuen Flyer herausgebracht. Aus Anlass des Jubiläums des Frauenwahlrechts haben die Netzwerkfrauen außerdem erstmals ein umfassendes Jahresprogramm unter dem Motto „Gleichstellung – Chancengleichheit“ auf die Beine gestellt (siehe kleinen Text).

Trotz aller Erfolge: Die Themen von damals, sagt Pilgrim, seien noch die Themen von heute – mit dem großen Unterschied, dass Gleichstellungspolitik längst keine Nischenpolitik mehr sei. Und vieles, wissen die Frauen, sei ein Stück weit aus der Tabuzone gerückt – etwa häusliche Gewalt. Früher hätten die Passantinnen am Info-Stand des Netzwerks in der Fußgängerzone zum Tag gegen Gewalt gegen Frauen viel häufiger „zugemacht“, damit hätten sie nichts zu tun haben wollen. „Heute sagen ganz viele Frauen, ,Das habe ich auch schon erlebt‘, selbst oder im Umfeld“, berichtet Pilgrim. „Es lässt nicht nach“, sagt auch Monika Wallrapp.

Neben der Durchsetzung der Geschlechtergleichstellung und der Beseitigung der Benachteiligung von Frauen, die nach wie vor Ziele des Netzwerks sind, sei die Förderung eines selbstbestimmten und gewaltfreien Lebens noch eine sehr große Herausforderung, so Wallrapp. „Aber: Früher wurde geschwiegen.“

Erst kürzlich hat sie wieder eine Frau beraten. „Das Wichtigste ist, dass die Frauen merken, man kümmert sich, man hilft.“ Die meisten schämten sich, gäben sich selbst die Schuld, seien verschüchtert. Die Netzwerkfrauen geben dann erst mal ein Zettelchen mit Informationen mit. Wallrapp: „Einmal hat es eine Frau, sie war verschleiert, im Saum ihres langen, weiten Rocks versteckt. Weil ihr Mann sonst alles kontrolliert.“

Aber auch neue Themen, Projekte und Aktionen, denen das Netzwerk mit seiner Arbeit ein Forum und Öffentlichkeit verschafft, stehen heutzutage auf der Agenda: Etwa die partnerschaftliche Aufgabenverteilung in der Familie und der „Equal Pay Day“, ein Aktionstag zu gerechten Gehältern im Job. In den nächsten Jahren gibt es noch viel zu tun, weiß Gaby Pilgrim. Vor allem, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf anbelangt. Da gehe es zum Beispiel um Kita-Öffnungszeiten – „aber auch darum, dass Unternehmen offener damit umgehen, wenn Männer in Teilzeit wechseln wollen“.

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