Fabian und Nardos und ihre Mitschüler der Religio-AG der GaG haben am Freitag die in Bad Homburg verlegten Stolpersteine poliert.
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Fabian und Nardos und ihre Mitschüler der Religio-AG der GaG haben am Freitag die in Bad Homburg verlegten Stolpersteine poliert.

Religio-AG

GaG-Schüler polieren Stolpersteine in Bad Homburg

  • Sabine Münstermann
    vonSabine Münstermann
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Wer am Freitag in Bad Homburg unterwegs war, dürfte ihnen begegnet sein – den Schülern der Gesamtschule am Gluckenstein, die mit Putzlappen, Kerzen und Rosen in der Hand durch die Straßen marschierten. Ihr Anliegen: die in Bad Homburg verlegten Stolpersteine zu polieren.

Zuerst kommt Wolfram Juretzek., dem Bad Homburg es überhaupt zu verdanken hat, dass es Stolpersteine in der Kurstadt gibt, also in den Boden eingelassene Messingsteine, die an Bad Homburger Juden erinnern, Am Holocaust-Denkmal in der Elisabethenstraße spricht er am späten Freitagvormittag über das Unvorstellbare, nämlich darüber, dass vor 79 Jahren auch in Bad Homburg – „und zwar am helllichten Tag, nicht in der Nacht, auch wenn wir sie Reichpogromnacht nennen“ – vom nationalsozialistischen Regime organisierte Gewaltmaßnahmen gegen Juden stattfanden.

Juretzek hat den Juden in Bad Homburg ein Denkmal gesetzt mit seinen Stolpersteinen. Über 20 sind es bislang, jeweils am letzten freiwillig gewählten Wohnort einer Person oder Familie in den Bürgersteig eingelassen. Das Schicksal dieser Juden kann mittlerweile über eine App nach- und vorgelesen werden, die zwei Schüler des Kaiserin-Friedrich-Gymnasiums programmiert haben. Dass die Steine jetzt wieder glänzen und mit Kerzen und weißen Rosen versehen sind, ist das Werk der Religio-AG der Gesamtschule am Gluckenstein (GaG) und einiger Achtklässler, die AG-Leiterin Ngoc Tanh Pham in Religion unterrichtet und die sie für das Projekt ebenfalls begeistern konnte. Emma zum Beispiel. Das Mädchen ist erst 13 Jahre alt, hat aber schon begriffen, worum es geht: „Es ist wichtig, die Erinnerung lebendig zu halten.“ Sie hat, falls die Kerzen, die Juretzek mitgebracht hat, nicht reichen sollten, selbst noch jede Menge mitgebracht.

Ihre Freundin Svea (13) fügt hinzu: „Es ist wichtig, die Bad Homburger immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass das nicht nur einfach etwas ist, das man in den Geschichtsbüchern liest, sondern dass das auch hier bei uns, in unserer Stadt passiert ist.“

SPD-Landtagsabgeordnete Elke Barth findet angemessene Worte: „Es ist immer ein bedrückender Anlass und erfüllt mich mit Demut, wenn es darum geht, Bad Homburger Juden zu gedenken, die im schrecklichsten Kapitel der deutschen Geschichte ihr Leben verloren haben.“ Ja, es sei „mühsam und unbequem“, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. „Aber es ist auch unabdingbar“, sagt sie, an die GaG-Schüler gewandt, denn: „Eine Kultur der Erinnerung wird Euch dabei helfen, die notwendigen Lehren für die Zukunft zu ziehen.“ Würden alle so denken wie Fabian (17), wäre es leichter. Er sagt: „Es ist ein gutes Gefühl, niederzuknien und den Stolperstein zu polieren. Man kann die Vergangenheit nicht mehr ändern, aber die Zukunft schon.“

Während Fabian in der Wallstraße die Stolpersteine der Familie Gutmann/Adler poliert, liest Severin (16) vom Schicksal der Familie. Und auf einmal ist die gut 26 Mädchen und Jungen umfassende Gruppe deutlich angewachsen. Passanten bleiben nämlich in der Wallstraße stehen und hören zu. Severin sagt später: „Das ist gut.“ Es ist wichtig, dass niemand das je vergisst.“

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