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Der Blick grimmig, der Mann gut drauf: Norbert Lammert referierte über die Einflüsse der Digitalisierung auf die politische Kommunikation.

Forschungskolleg Humanwissenschaften

Geschwindigkeit vor Sorgfalt

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Die Chancen und Risiken der Digitalisierung wurden in den vergangenen zwei Tagen im Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg abgewogen. Eröffnet wurde die Konferenz durch den ehemaligen Bundestagspräsidenten Dr. Norbert Lammert.

Wann war nochmal die Schlacht von Waterloo? Kein Problem, ich schlage mal „eben schnell“ im Brockhaus nach. Das ist Vergangenheit – heutzutage nimmt man sein Smartphone zur Hand, geht online und googelt das Datum (18. Juni 1815). Ja, keine Frage, die Digitalisierung erleichtert unser Leben. Es ist jetzt jederzeit möglich, Daten ganz einfach zu verschicken, aufzubewahren oder an den verschiedenen Orten zu bearbeiten. Kurzum: Die Welt wird globaler und flexibler.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Und um eben diese Schattenseiten der Digitalisierung drehte sich der Vortrag des Bundestagspräsidenten a.D. Dr. Norbert Lammert. Der CDU-Politiker hat am Mittwoch im Forschungskolleg Humanwissenschaften die erste Bad Homburg Conference eröffnet, die sich mit den „Chancen und Risiken der Digitalisierung für die Demokratie“ befasst. Lammerts Vortrag beleuchtete die Frage „Wie verändert die Digitalisierung die politische Kommunikation?“

Dabei zeigte sich wieder mal, dass der Vater von vier Kindern ein begnadeter Sprachkünstler ist, der es wie wenig andere versteht, mit Worten umzugehen und sein Publikum mitzunehmen. Auch sein feiner Humor blitzte immer wieder auf – das Thema als solches jedoch, und daraus machte Lammert auch keinen Hehl, ist nicht sein Spezialgebiet. Und so wiederholte er Bekanntes garniert mit eigenen Erfahrungen.

Es sind vor allem zwei Punkte, die den Bochumer beim Thema Digitalisierung umtreiben: der schwere Stand der traditionellen Printmedien und der ungefilterte Hass, der sich im Netz immer mehr Bahn bricht. Gerade die Printmedien hätten unter dem schnellen und kostengünstigen Datenaustausch zu leiden. „Die Dominanz der digitalen Welt gegenüber der analogen löst einen Verdrängungseffekt aus“, so Lammert. Für die jüngeren Generationen sei ein Zeitungs-Abo schon heute ein Anachronismus. Eine Entwicklung, die Lammert mit Sorge sieht, schließlich sei es die Aufgabe von Medienprofis die Flut an Informationen auf ihre Relevanz und ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und professionell aufzuarbeiten.

Der 68-Jährige warnt vor Zeiten, in denen nur noch die Geschwindigkeit zählt, mit der eine Nachricht verbreitet wird, und nicht mehr die Gründlichkeit und Intensität der Recherche. „Es zählt dann nur noch die Klickzahl“, so Lammert. Früher sei eine Nachricht erst veröffentlicht worden, wenn sie durch unabhängige Quellen bestätigt worden sei, heute lange auch mal keine Quelle. Das Umfeld für einen professionellen Journalismus werde immer schwieriger. Lammert: „Und somit zahlen wir einen hohen Preis für den Vorteil der Schnelligkeit.“

„Schwere Verwerfungen“ macht Lammert auch bei den Umgangsformen im Netz aus: „Die Kommunikation im Netz ist bestenfalls ,rustikal‘ zu nennen und hält sich regelmäßig jenseits rechtlicher Grenzen auf.“ Aus der vermeintlichen Sicherheit der Anonymität und um in der Masse der Beiträge aufzufallen, würden Nutzer der sozialen Medien die Tonlage immer weiter verschärfen. Da laufe ein bis dato noch nie dagewesener Unterbietungs-Wettbewerb. „Es wird ausgesprochen, was 99 von 100 Menschen sich im persönlichen Gespräch nicht trauen würden zu sagen.“ Das gehe bis hin zur Androhung von Gewalt – ein Thema, was gerade Politiker ganz unmittelbar betreffe. Dies juristisch einzudämmen, weiß Lammert, sei sehr kompliziert.

Letztlich profitiere der derzeit aufkommende Populismus von der Digitalisierung und der damit verbundenen Flut an Informationen. Die Überfülle an Sachverhalten lasse bei den Menschen das Bedürfnis nach Interpretationshilfen steigen. Lammert: „Und da werden die vermeintlich einfachen Lösungen wieder attraktiv.“

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