+
Wird im Bad Homburger Kulturspeicher aus seinem ebenso unterhaltsamen wie lehrreichen Buch ?Auf dem Parkett? lesen: Dr. Enrico Brissa, der Protokollchef des Deutschen Bundestages.

Experte erklärt

Es gibt Regeln, wie eine Begrüßung abzulaufen hat

Zahlreiche Persönlichkeiten reichten und reichen sich in Bad Homburg die Hände. Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier zum Beispiel, er war im März da. Aber in welcher Reihenfolge begrüßt wer wen? Es gibt da Regeln. Was eine Begrüßung kompliziert machen kann. Kaum einer weiß das besser als Dr. Enrico Brissa, Protokollchef des Deutschen Bundestages. Über den sicheren Umgang auf gesellschaftlichem Parkett hat er ein ebenso lehrreiches wie unterhaltsames Buch geschrieben. Aus dem wird er am 24. August in Bad Homburg lesen. Mit Redakteurin Sabine Münstermann sprach er vorab über Höflichkeit, gekrönte Häupter und Handynutzung.

Zahlreiche Persönlichkeiten reichten und reichen sich in Bad Homburg die Hände. Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier zum Beispiel, er war im März da. Aber in welcher Reihenfolge begrüßt wer wen? Es gibt da Regeln. Was eine Begrüßung kompliziert machen kann. Kaum einer weiß das besser als Dr. Enrico Brissa, Protokollchef des Deutschen Bundestages. Über den sicheren Umgang auf gesellschaftlichem Parkett hat er ein ebenso lehrreiches wie unterhaltsames Buch geschrieben. Aus dem wird er am 24. August in Bad Homburg lesen. Mit Redakteurin Sabine Münstermann sprach er vorab über Höflichkeit, gekrönte Häupter und Handynutzung.

Herr Dr. Brissa, in der E-Mail-Korrespondenz, die diesem Telefoninterview vorausging, habe ich mir vermutlich einen Fauxpas geleistet. Ich habe das „Dr.“ in der Anrede unterschlagen, Sie sind ja promovierter Jurist. . .

DR. ENRICO BRISSA: Ich finde die Nennung des akademischen Grades im Kontext unseres Gespräches nicht so wichtig. Grundsätzlich sollte man ihn aber höflichkeitshalber beim ersten Kontakt nennen, wobei – wie immer – der Kontext entscheidend ist. Im Übrigen wäre es aber übertrieben, ständig „Herr Doktor dies“ und „Frau Doktor das“ zu sagen. Nach meinem Geschmack genügt dann meist eine einmalige Verwendung.

Ihr im März erschienenes Buch – und es handelt sich doch immerhin eher um ein allgemeines Sachbuch und keinen Krimi –, ist bereits in dritter Auflage gedruckt worden. Hätten Sie mit einem solchen Erfolg gerechnet?

BRISSA: Um ehrlich zu sein, nein. Die Resonanz ist wirklich erstaunlich – und erfreulich (lacht). Andererseits zeigt es mir, dass ich einen Nerv getroffen habe, dass die Menschen sich durchaus Gedanken über soziale Regeln und soziales Miteinander machen und sich fragen, was das alles für unser Leben bedeutet – auch und gerade für unser Privatleben. Verschwinden Höflichkeit, Rücksicht und Zurückhaltung aus unseren Umgangsformen, wird es ja doch schnell animalisch.

Wenn Sie mich fragen: In erster Linie bedeuten diese Regeln Sicherheit.

BRISSA: Das ist richtig, aber es geht weit darüber hinaus. Das soziale Umfeld hat einen großen Einfluss auf unsere Gesundheit. Ein guter und verlässlicher Umgang mit Familie, Freunden und Bekannten, Nachbarn und anderen ist deshalb kein „nice to have“, sondern von essenzieller Bedeutung. Auch deshalb lohnt es sich, über die Frage nachzudenken, wie wir unsere Sozialkontakte gestalten wollen.

Warum scheint aber gerade diese Verbindlichkeit im Umgang miteinander in Deutschland ein bisschen verpönt?

BRISSA: Es ist in der Tat ein bisschen komisch, dass gerade in Deutschland das Sozialverhalten so wenig normiert ist, obwohl wir doch sonst rechtlichen und anderen Normen einen hohen Stellenwert beimessen. Denken Sie an die Bedeutung des Rechts und des Rechtsstaates, aber auch an die umfassenden Normierungen nach den DIN-Normen. Nur im Umgang miteinander sind wir ein bisschen regelscheu. Ich glaube allerdings, dass sich das allmählich ändert. Und das ist mit Blick auf aktuelle und anstehende Herausforderungen auch wichtig.

Sie beziehen sich auf die Themen Migration und Integration?

BRISSA: Ja, das sind sicher auch wichtige Herausforderungen der Gegenwart. Bei einem Einwanderungsland haben auch die sozialen Normen eine große Bedeutung für den Integrationserfolg.

Nun glauben ja viele, Regeln fürs soziale Miteinander beschränkten sie in ihrer persönlichen Freiheit.

BRISSA: Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Regeln ermöglichen ja die Freiheit oftmals erst. Nahezu alle Rechte und Freiheiten sind ja schließlich durch die Rechte und Freiheiten der anderen begrenzt. Darüber hinaus sind soziale Regeln eine Art „sozialer Kit“, der wichtig ist für den Zusammenhalt der Gesellschaft. „Auf dem Parkett“ ist aber nicht als klassischer Ratgeber konzipiert, in dem ich allerlei Regeln mit der Bitte um geflissentliche Beachtung zusammenstelle. Ich wollte vielmehr ein bescheidenes Sittengemälde unserer Zeit fertigen, gewissermaßen als humorvolle Anregung, sich mit aus meiner Sicht wichtigen Fragen auseinanderzusetzen.

Im Falle offizieller Veranstaltungen sind die Regeln allerdings, wie Sie ja auch schreiben, durchaus vorgeschrieben. Etwa bei einem Besuch eines hochrangigen Politikers. In Bad Homburg ist im vergangenen Jahr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. . .

BRISSA: Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier. . .

Verzeihung, Dr. Frank-Walter Steinmeier ist zu Besuch gewesen. Er war in Begleitung seiner Frau Elke Büdenbender. Wem von beiden gibt man zuerst die Hand? Die Höflichkeit würde ja sagen, der Frau, aber wenn ich Ihr Buch richtig verstanden habe, . . .

BRISSA: In der Tat: „ladies first“ gilt bei der First Lady nicht. . . (lacht). Man begrüßt zuerst den Bundespräsidenten als protokollarisch ranghöchsten Verfassungsorgan-Repräsentanten des Bundes.

Der kommt ja nun nicht alle Tage zu Gast nach Bad Homburg. Gibt es da für unseren Oberbürgermeister oder den Stadtverordnetenvorsteher Vorgaben, wie sich wer zu verhalten hat?

BRISSA: Grundsätzlich gehe ich mal davon aus, dass unsere Politiker durchaus selbst wissen, wie sie sich angemessen verhalten sollten. Eine Unterweisung in Sachen Manieren wird nicht erforderlich sein. Davon zu unterscheiden sind protokollarische Details, die im Vorfeld abgesprochen werden.

Nun müssen es nicht nur Staatsoberhäupter sein, bei denen man sich den Kopf über angemessenes Verhalten zerbricht. Wir hatten kürzlich einen chinesischen Austauschschüler zu Gast. Er hatte viele Geschenke dabei, gab aber keine Hand, verbeugte sich ständig, stand vom Tisch auf, wenn mein Mann und ich den Raum betraten. Wir waren ein bisschen baff.

BRISSA: Hier sprechen Sie das an, was ich mit dem Untertitel meines Buches als „Weltläufigkeit“ umschreibe. Im Kern agieren Akteure unterschiedlicher Kulturkreise miteinander. Diese müssen nun versuchen, die jeweiligen sozialen Normen und Gebräuche des anderen zu verstehen und zu einem Modus Vivendi zu gelangen. Das verlangt Aufmerksamkeit, Rücksicht und Respekt.

Verhaltensweisen sind ja keine Einbahnstraße. Wir haben uns den seinen anzupassen versucht. Aber mit der einen oder anderen unserer hatte der Gastschüler Probleme. Konkret ging es darum, dass bei uns keine Handys gestattet sind, wenn wir zu Tisch sitzen.

BRISSA: Ein wichtiges Thema. Unser Leben scheint ja immer weniger in soziale Strukturen eingebunden zu sein. Ob Familie, Vereine, Kirchen, wir bekommen ja immer weniger soziales Feedback und sind zunehmend – durch die permanente Handynutzung – auf uns selbst fixiert. Wie aber soll man ein Gespür für den richtigen Umgang mit anderen entwickeln, wenn man nicht mal mehr richtige Sätze formuliert, sondern nur noch über Emojis kommuniziert, die versinnbildlichen sollen, ob man eine Einladung annimmt oder, ob es einem gut geht? Und das Ganze hat ja noch viel weitreichendere Folgen, auch für unsere Gesundheit.

Ich glaube, dass die ersten Jahrzehnte der digitalisierten Zeit durch eine Art „Wildwuchs“ gekennzeichnet sind, weil niemand geahnt hat, wie stark die digitalen Instrumente schon bald sein würden. Aber um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Eigene Regeln, an die sich auch Fremde halten sollten, sind in vielen Fällen sinnvoll. Und gerade beim Thema Handynutzung braucht es klare Regeln.

Und was raten Sie meinem Sohn, wenn er demnächst nach China fliegt und dort auf seine Gastfamilie trifft?

BRISSA: Es kann in jedem Fall nicht schaden, wenn er sich bewusst macht, dass die Chinesen im Gegensatz zu uns einen eher indirekten Kommunikationsstil pflegen. Das heißt, der Kontext des Gesagten ist für die Übermittlung der Botschaft ausschlaggebend. Nonverbale Kommunikation ist mithin von einer größeren Bedeutung. Ein klares „Ja“ oder „Nein“ wird vermieden. Wie der Gefragte zu einer Sache steht, ergibt sich demnach nicht direkt aus seiner Antwort, denn er wird nicht mit ja oder nein antworten, sondern aus der Interpretation dessen, was er wie gesagt hat, im Zusammenhang mit seiner Mimik und Gestik. In vielen asiatischen Ländern gilt ein ausdrückliches Nein nämlich als unhöflich. Deswegen sollte der Gesprächspartner nicht in die Verlegenheit gebracht werden, mit einem solchen antworten zu müssen.

Sie kommen am 24. August nach Bad Homburg und lesen dort aus Ihrem Buch „Auf dem Parkett“. Sind Sie schon einmal hier gewesen?

BRISSA: Tatsächlich bin ich noch nie hier gewesen, aber ich freue mich, an diesen vornehmen und geschichtsträchtigen Ort, der ja eine Residenzstadt des Landgrafen von Hessen-Homburg war, zu kommen. Hier war ja auch die Sommerresidenz der kaiserlichen Familie! Und ich vermute, der Kaiser war hier, fernab des Hofes in Berlin, weniger dessen Zwängen unterworfen und konnte sich ein bisschen freier bewegen. Was mich besonders freut, ist übrigens, dass die Lesung im Kulturbahnhof stattfinden wird. Dieser Veranstaltungsort passt nämlich wunderbar zum Inhalt meines Buches, weil Bahnhöfe in der Vergangenheit viel mit Protokoll zu tun hatten: Sie waren oftmals der Ort der Begrüßung und Verabschiedung, ja man könnte in gewisser Weise sagen, dass Bahnhöfe eine Stein gewordene Begrüßung und Verabschiedung sind.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare