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Für diese ?Erika?-Schreibmaschine musste Reinhard Janz ?lange betteln?, wie er sich lachend erinnert. Bis er sie bekam, mussten er und sein Team alles handschriftlich aufschreiben, von den Gäste-Informationen bis hin zur Speisekarte. Heute geht in der Jugendherberge natürlich nichts mehr ohne PC.

Viel erlebt in den vergangenen 20 Jahren

Herbergsvater Reinhard Janz erzählt: So ist es, eine Jugendherberge zu leiten

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Eine Jugendherberge in exklusiver Lage neben dem Schlosspark – das war und ist auch für Bad Homburg etwas ganz Besonderes. Im kommenden Jahr feiert die „neue“ Jugendherberge ihren 20. Geburtstag. Herbergsvater Reinhard Janz war von Anfang an in Homburg dabei. Jetzt verlässt er das Haus. Mit Erinnerungen, aus denen er ein Buch füllen könnte.

„Was kann man in der Stadt machen?“ „Gibt es Radwanderwege?“ „Wo kann man essen gehen?“ „Und was gibt es in Ihrem Haus?“ Das sind Fragen, wie sie Gäste üblicherweise an der Rezeption eines Hotels stellen. Nur, dass sie heute immer öfter auch in Jugendherbergen gestellt werden. Kaum einer, der das besser wüsste als Reinhard Janz. 19 Jahre lang leitete er das Jugendgästehaus am Meiereiberg, seit seiner (Neu-)Eröffnung 1999, aber jetzt, kurz vor dem Jubiläum, hört er auf.

„Private Gründe waren ausschlaggebend für meine Entscheidung“, sagt er und verweist auf seine Drillinge, die jetzt 13 Jahre alt sind, ein bisschen mehr Zeit mit Papa brauchen, und in Berlin leben. Wo eigentlich auch Janz lebt, wenn er eben nicht das Jugendgästehaus leitete. „Ich weiß gar nicht, wie viele Kilometer ich in den vergangenen beinahe zwei Jahrzehnten im Zug verbracht habe“, sagt er lachend und fügt dann hinzu: „Anfangs waren diese Fahrten unproduktiv. Steckdosen gab’s noch nicht, schon gar keine iPhones, nur den Walkman mit Cassetten, und dessen Batterien haben auf halber Strecke den Geist aufgegeben. Man konnte nur aus dem Fenster starren.“ Später dann konnte man „toll im Zug arbeiten“ – und Ideen zur Weiterentwicklung der Jugendherberge auf dem Laptop festhalten.

Limousinenservice

In Janz’ Fall kamen so eine Menge Ideen zusammen. Etwa die eines Bonussystems, nach dem Kunden, die 50 Mal bei ihm übernachtet hatten, eine Fahrt in einer Limousine gewannen, aus Vierbett- Zweibettzimmer zu machen, weil Mehrbettzimmer heute nicht mehr so gefragt sind, die Betten mit frischer Wäsche zu beziehen, um den gestiegenen Ansprüchen der Gäste gerecht zu werden, oder auch vegetarisches Essen zu kochen.

Seine Kreativität und sein mit-der-Zeit-Gehen – auch wenn er dem Grundgedanken der Jugendherberge immer treu blieb – zahlte sich über die Jahre aus, nicht nur in jeder Menge Zertifikate für gute Leistung und Qualität seines Hauses. Janz, der vor seiner Zeit in Bad Homburg auch in anderen Jugendherbergen tätig war, unter anderem im Odenwald, hat prima Belegungszahlen in seinem 220-Betten-Haus (in 62 Zimmern), im vergangenen Jahr konnte er knapp 40 000 Übernachtungen verzeichnen, in den vergangenen 19 Jahren über 760 000.

Janz weiß auch, warum: „Wir schaffen bei uns Begegnungen“, sagt er, und zwar von Menschen, „die sich unter normalen Umständen nicht begegnet wären“. Zum Beispiel junge Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren und in seinem Haus auf einer Tagung waren, zeitgleich mit Bundeswehr-Soldaten, die gerade aus Afghanistan zurückgekehrt waren. „Das war eine extreme Mischung, aber eine, an deren Ende Verständnis auf beiden Seiten resultierte“, erinnert sich der Herbergsvater.

Alles von Hand geschrieben

Spannend waren auch die Zeiten, ganz zu Anfang, als er Wochen vor der Anreise Briefe an seine Kunden schrieb und ihre Fragen beantwortete und sein Gästebuch – Name, Heimatadresse, Ankunftstag, Abreisetag, Kosten fürs Zimmer – noch von Hand führte. „Ich habe lange gebettelt, um eine ,Erika-Schreibmaschine’ zu bekommen. Und mir lange anhören müssen, ein Herbergsvater habe nicht so viel Schreibkram, die eine solche Investition rechtfertigte“, erinnert sich Janz und zeigt auf dicke Bücher, voll mit seiner Handschrift.

Die Zeiten der Schreibmaschine sind lange vorbei, ohne Computer- und Mailsystem geht auch in der Herberge heute nichts mehr.

Und auch nicht ohne wirtschaftliche Denke. „Wir mussten immer wirtschaftlich arbeiten. Zuschüsse gibt es nicht“. Das Haus aber profitiert davon, dass die Stadt dem Träger, dem Landesverband Hessen des Deutschen Jugendherberkswerks, das Grundstück seinerzeit in Erbbaupacht zur Verfügung gestellt hatte und Stadt, Land und Bund beim Neubau 1998/99 großzügige Finanzspritzen gewährt hatten. Gut angelegtes Geld, denn vor dem Neubau teilten sich im alten Homburger Jugendgästehaus die Gäste die Duschen und die 120 Betten standen in Großschlafräumen.

„Luxus war und ist nie unser Thema gewesen, unser Angebot entsprach immer dem Jugendherbergs-Gedanken, dass junge Menschen, unabhängig von Herkunft und Geldbeutel, die Welt entdecken und dabei Gemeinschaft erleben können sollten. Eine Übernachtung gibt’s in der Homburger Herberge ab 29 Euro.

Viele Jahre gingen denn auch bei Janz Schulklassen aus aller Herren Länder ein und aus, wie man im Gästebuch nachlesen kann, in den 90er-Jahren machten die ausländischen Gäste sogar über 20 Prozent aller Besucher in der Homburger Jugendherberge aus. „Heute kommt kaum noch jemand aus dem Ausland“, sagt Janz. Zum einen konkurriere sein Haus mit „jeder Menge Billighotels“, zum anderen „gehen Jugendgruppen heute lieber nach Rom und Paris“.

Die treuen Kunden seien die, die früher schon mit Fahrrad und Rucksack gekommen seien und heute als Familie kämen. Für die Janz extra Familienzimmer eingerichtet hat. So sehr ihn diese Treue freut, und so gut es für die lärmempfindliche Nachbarschaft ist, ein bisschen wehmütig ist Janz trotzdem dabei, denn: „Die Gäste heute stecken sich ihre Knöpfe ins Ohr, um Musik zu hören. Früher war mehr Action und mehr Ghettoblaster.“

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