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Das Ende einer Legende: Die Ober-Erlenbacher Discothek „Marmelade“ war bis zu dem Brand eine angesagte Adresse für die Jugend.

Historisch

"Marmelade"und "Ponderosa" - wo die Jugend vor 50 Jahren den angesagtesten Bands lauschte und feierte

Kaum ein Jahr hat die Musik so beeinflusst, wie das Jahr 1969: Woodstock, die Hippie-Bewegung, die Landung auf dem Mond und vieles mehr. Das wirkte sich auch auf die Musik aus, die in Bad Homburg in den Konzertsälen und Discotheken gespielt wurde.

Nur wenige Jahre erscheinen rückblickend ähnlich ereignisreich wie das Jahr 1969. Genau 50 Jahre ist das jetzt her. Der Rocksänger Bryan Adams hat mit seinem größten Hit „Summer of 69“ speziell diesen Sommer besungen und ihm ein Denkmal gesetzt: Als Höhepunkt der Hippie-Bewegung fand im August das legendäre Woodstock-Festival in den USA statt. Nur wenige Wochen zuvor hatte Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betreten. Das spiegelte sich auch in der damaligen Musik wider?

Der Wettlauf zu Mond schlug sich in vielen Liedern in dieser Zeit nieder. 1967 hatte die erfolgreichste hessische Beatband einen Erfolg mit ihrem Song: „Shoot me up to the moon“. Es waren „The Petards“, übersetzt „Knallfrösche“. Und weil Knallfrösche dazu führen, dass Leute erschrecken, konnte man sich leicht merken, dass die Band ausgerechnet aus Schrecksbach stammte. Ihre Auftritte in Bad Homburg und Oberursel waren immer ausverkauft.

Fast zeitgleich mit der Landung auf dem Mond hatte die US-amerikanische Band „Creedence Clearwater Revival“ mit „Bad Moon Rising“ einen ihrer erfolgreichsten Hits. Und da gab es vier junge Wiesbadener, die „Tobby Button Band“, die „CCR“, wie „Creedence Clearwater Revival“ abgekürzt wurde, perfekt coverten. Fast wöchentlich traten sie im Sommer ’69 in der „Ponderosa“, im Gotischen Haus in Dornholzhausen auf.

Aber es ging nicht nur um den Mond im ereignisreichen Sommer 1969. Im August fand das legendäre Woodstock-Festival statt. Auch in Bad Homburg hat die Musik, die ständig neue Bands und Stilrichtungen hervorbrachte, eine wichtige Rolle gespielt. Es war eines der letzten Jahre, in denen noch in kleineren Clubs Bands live spielten, bevor die Discotheken die Vorherrschaft übernahmen. In der oben erwähnten „Ponderosa“, Besitzer war der Bad Homburger Willy Zimmer, traten im Sommer ’69 damals namhafte Bands auf, wie die „Hearts in Action“ aus Berlin, „Toxic“ aus Frankfurt oder die beste Beatband Norwegens, die „Beatniks“, auf.

Das jedoch nur an den Wochenenden, zwischendurch lief Musik vom Band oder Schallplatten, die ersten „Disc-Jockeys“ legten auf. Da durften die Stammgäste auch mal was wünschen und so gab es meist einen Stilmix, wenn die „Archies“ aus den USA „Sugar, Sugar“ sangen, oder Serge Gainsbourg mit Jane Birkin „Je t’aime“ stöhnten und Elvis-Fans sich „In the ghetto“ bestellten.

Dicke Luft

Die Homburger Jugend hatte damals reichlich Auswahl. Nicht nur im damaligen Gotischen Haus wurde gefeiert und getanzt. Zentraler gelegen war die Musikkneipe „Old Gustav“ an der Ecke Schwedenpfad/Elisabethenstraße. Eng und laut war es dort. Die Luft rauchgeschwängert, nicht nur von Tabak. Wenn dort „Give peace a chance“ von John Lennon und Yoko Ono gespielt wurde, sangen alle mit. Das hörte man vom Kurhaus bis zum Finanzamt.

In Ober-Erlenbach, damals noch selbständig, gab es eine weitere Anlaufstelle für alle, die sowohl Live-Acts als auch Discotheken-Unterhaltung mochten: „Marmelade“ hieß der Laden, der später abbrannte, Heute befindet sich auf dem Areal in der Seulberger Straße ein Supermarkt. Eine der letzten Bands, die dort live auftraten, waren die Rattles, Deutschlands Beatband Nr. 1. Aber bei den „deutschen Beatles“ zeigten sich schon Auflösungserscheinungen. Von den ursprünglichen erfolgreichen Hamburgern aus dem „Starclub“ war nur noch Hermann „Rugy“ Rugenstein dabei.

Im Gewerkschaftshaus

Am Untertor, wo sich heute die Senirenresidenz „Domizil am Schlosspark“ befindet, gab es das Gewerkschaftshaus. Genutzt für Versammlungen aller Art, war es auch immer wieder Veranstaltungsort für Live-Auftritte berühmter Bands. Höhepunkt im Jahr 1969 war die Band „Wonderland“ mit den Ex-Rattles Achim Reichel, Dicky Tarrach und Frank Dostal. Von James Last produziert, hatte die Band in dieser Zeit mit „Moscow“ einen Megahit.

Später übernahm der Homburger Gastronom Harald Müller das Gebäude. Daraus wurde die Discothek „Inside“, viele Jahre ein „Mekka“ für Beat und Rockmusik.

Und gerade für diesen Bereich der Stadt gab es vielleicht die wichtigste kommunalpolitische Entscheidung in 1969. Die Homburger Altstadt sollte abgerissen und neu gestaltet werden. Nur durch eine Bürgerinitiative blieb sie unangetastet. Dieser Entscheidung ist zu verdanken, dass heute noch alljährlich beim Laternenfest unter den Bögen der Ritter-von-Marx-Brücke verschiedene Bands ihre „Oldies“ spielen können. Viele davon aus dem Sommer 1969.

von WOLFGANG KULLMANN

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